Wir müssen in Afghanistan viele gemeinsame Tassen Tee trinken. Rajendra Pachauri

Die Bestimmung des Eigenen

Die Suche nach einem Ur-deutschen, nach Heimat und den eigenen Identitätsmerkmalen sowie Fragen und Voraussetzungen zur Zugehörigkeit beschäftigen gegenwärtig viele Gemüter. Trotz aller Versuche, das Eigene bleibt bei der näheren Betrachtung doch immer schwer zu fassen. Statt Minderheiten zu diskriminieren, sollten wir Vielfalt anerkennen und lieben lernen, meint Sascha Nicke.

Das Bedürfnis nach Eigenheit

Die Frage nach dem „Wer bin ich/Wer sind wir“ beschäftigt die Öffentlichkeit schon seit längerer Zeit in intensivster Form. Sei es durch eine Vielzahl an Debatten über eine deutsche Leitkultur, über den Umgang und der Integration von Flüchtlingen oder über die Zugehörigkeit des Islams zu Deutschland oder den persönlichen Bekenntnissen von Fußballspielern; die feste Bestimmung des Eigenen scheint ein außerordentliches Bedürfnis von vielerlei Zeitgenossen zu sein. Wir leben zwar in einer Zeit und Gesellschaft, in der die strukturellen Beschränkungen für den einzelnen Menschen so gering wie nie zuvor zu sein scheinen, aber gerade diese Freiheit und Unabhängigkeit scheint uns eher zu belasten. Das Bedürfnis nach festen Identitätsformen und Wesenszügen verbreitet sich. Die Reden von genuinen Eigenheiten, die sich überwiegend auf die Nationszugehörigkeit, auf Herkunft oder sogar auf Abstammung beziehen, nehmen zu. Dies hat die hitzige Diskussion um Gündogan/Özil noch einmal verdeutlicht. Dabei wird meistens auf eine erklärte Form von Einheitlichkeit verwiesen, die sich beim genaueren Hinblick als Irrtum entpuppt.

Die Anerkennung der (historischen) Diversität

Das konstruierte Eigene, sei es auf Grundlage der Nations- oder auch anderer Zugehörigkeiten (Glauben/Konfessionen, Sexualität, Sozialität usw.), ist trotz aller Versuche der Homogenisierung stets vielfältig und ambivalent. Eine Einheitlichkeit von Nationen gibt es nicht und hat es auch in den vergangenen historischen Gesellschaften nie gegeben. Denn auch die Bevölkerungen zum Beispiel des Deutschen Kaiserreiches oder der Weimarer Republik zeichneten sich durch eine Pluralität an unterschiedlichen Glaubensrichtungen, Sprachgruppen bzw. vom Deutschen abweichenden Muttersprachen oder anderweitigen (nationalen) Minderheiten aus. Darüber hinaus verschleiert eine Betonung von nationaler Homogenität vollkommen die sozialen, kulturellen, lebensweltlichen Dimensionen der Heterogenität, die in jeder Gesellschaft, auch in diesen historischen Beispielen herrschten. Der Lebensalltag wie die dazugehörenden Akteure in der hessischen oder brandenburgischen Provinz oder Kleinstadt waren damals wie heute verschieden im Vergleich zu einem urbanen Ort wie Berlin oder Hamburg. Auch ein Blick in die (historischen oder gegenwärtigen) Mikrokosmen der jeweiligen Räume, egal ob Dorf, Kleinstadt oder Großstadt, wird immer eine Vielseitigkeit, Unterschiedlichkeit und Varietät aufzeigen, die sich im Einzelnen vielleicht anhand anderer Kriterien manifestieren.

Die Bestimmung des Eigenen

Das Aufzeigen der Vielfalt und Verschiedenheiten, die in jeder kleinen wie großen Gemeinschaft existiert und schon immer existiert hat, ließe sich unendlich weiterführen. Es verdeutlicht, dass die Bestimmung des Eigenen immer ein (willkürlicher) Akt der Auswahl bestimmter Kriterien darstellt, dem nichts Substanzielles oder etwas an sich Seiendes zugrunde liegt. Genuine Eigenheiten von Nationen oder anderen Kollektiveinheiten, die im Zusammenhang mit der Herkunft oder der Abstammung stehen und sich dem Einzelnen durch die Geburt übertragen, gibt es nicht! Auch mit Verweisen auf historische, traditionelle Bezugspunkte, bei denen aus der großen historischen Bandbreite einzelne Gegenstände, Personen oder Ereignisse ausgewählt, vereinfachend dargestellt und zu Muster erhoben werden, können nicht über die pluralen und heterogenen Zustände jeder (historischen) Gesellschaft hinwegtäuschen.

Die Identitätssuche

Dieses Eingeständnis des Fehlens genuiner Eigenheiten kann und sollte als etwas Befreiendes verstanden werden. Denn es ermöglicht einem bei der Selbstbildung seines Ichs, die eigenen, sich wandelnden Bedürfnisse, Präferenzen in der Vordergrund zu stellen. Natürlich unterliegen wir alle permanent unzähligen Einflussfaktoren und selbstverständlich beeinflussen uns die sozio-kulturellen Rahmenbedingungen, die historischen Entwicklungen, der Sprachraum bei der Ausbildung unserer Selbstbilder und unserer Denkweisen. Sie haben jedoch keine vereinheitlichende oder absolute Wirkung oder Konsequenz zur Folge. Sie erzeugen kein Eines, weil sie selbst an sich schon vielfältig, brüchig und widersprüchlich sind. Wir bewegen uns also in vielerlei Gemeinschaften, entwickeln uns entsprechend der eigenen Erfahrungen kontinuierlich fort und suchen in verschiedenen Räumen nach unseren jeweiligen, verschiedenen Plätzen. In einem solchen Prozess der Selbstbildung stellt die Zuschreibung von Stigmata und Ausgrenzungen, die sich nicht auf die Individualität der Person beziehen, sondern sich an Stereotypen oder Kriterien wie Herkunft, Abstammung, Religion oder auch Geschlecht orientieren, eine Diskriminierung dar. Denn sie setzen dem Einzelnen ungerechtfertigte Grenzen, weisen ihn zurück und schließen gewisse Möglichkeiten der Partizipation aus. Warum müssen wir denn Menschen überhaupt damit konfrontieren? Schlussendlich sucht doch jeder nur nach den Plätzen, wo man sich geborgen und aufgehoben fühlt. Kollektive Zugehörigkeiten bilden dafür einen guten Ort, um sich nicht all zu sehr alleine zu fühlen. Diese Bürde des Seins liegt jedoch auf uns allen, unabhängig unserer Herkunft, des Geschlechtes oder der Religionszugehörigkeit usw.

Fazit

Anstelle sich anhand der Zufälligkeiten des Geburtsortes oder anhand von angeblich historisch gewachsenen Kategorien eine homogenisierende Eigenheit zu konstruieren, die aufgrund der Größe, Vielfalt und Ambivalenz in einer einheitlichen Form eh nicht bestehen oder jemals bestanden haben kann, sollten wir die Pluralität unserer individuellen Selbste als auch auch aller Anderen anerkennen. Wir müssen uns nicht hinter Nationsgebilden, Volkskonstrukten oder historischer Vergangenheiten verstecken. Wir sind uns der Trivialität unseres Seins bewusst und machen das Beste daraus. Und das, in dem wir uns dafür einsetzen, dass unser Leben durch ein gemeinschaftliches Miteinander bestimmt wird, in welchen jede/r in unserer Gesellschaft Rechte wie die eigene Unversehrtheit, die eigene Freiheit und Anerkennung besitzt; in dem zwischenmenschliche Grenzüberschreitungen genauso wenig toleriert werden wie ausgrenzende Zuschreibungen oder Stigmatisierungen und in dem individuelle, ökonomische oder kulturelle Sorgen nicht instrumentalisiert, sondern gelöst werden. Dafür benötigen wir jedoch kein Eigenes und kein Fremdes, sondern nur die Vorstellungen vom Richtigen und Falschen, von Rechten und Möglichkeiten, die allen zustehen und Verhaltensweisen, die generell nicht erwünscht und akzeptiert werden.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jörg Hubert Meuthen, Sarna Röser , Robert Habeck.

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