Ich liebe meine Frau, nicht meine Partei. Joschka Fischer

Die digitale Verheizung

Die digitale Revolution steht uns bevor, Start-Ups sind die neuen Goldgräber. Für Arbeitnehmer sieht der Blick in die Zukunft jedoch nicht sehr rosig aus.

Gemeinhin gilt ja, Geschichte wiederholt sich nicht. Und grundsätzlich ist diese Aussage auch richtig. Denn die historischen Konstellationen gleichen sich niemals. Ein Blick in die Vergangenheit vermag es jedoch, Ausmaße von Veränderungsprozessen zu illustrieren, besonders bei tiefgreifenden Modifikationen, wie sie uns durch die Digitalisierung der Arbeitswelt bevorzustehen scheint.

Die digitale Revolution

Der Wandel der Arbeitswelt zeichnet sich in einigen Bereichen schon ab. Der Wegfall klassischer Industrietätigkeiten, der Beschäftigungsanstieg im Dienstleistungsgewerbe oder die in aller Munde befindlichen Start-up-Unternehmen gehören dazu. Die Erwartungen sind riesig. Nicht weniger als Innovationsschübe in unbekanntem Ausmaß, Effizienzsteigerungen für Verwaltungen wie Unternehmen sowie eine smarte und vernetzte (schöne) neue Welt werden erhofft. Und einige Start-Ups scheinen dem gerecht zu werden und der “alten“ Industrie neue Ideen zu liefern. Von Unternehmergeist und Gründerzeit ist wieder die Rede, die eine neue Euphorie zu entfachen scheint. Dabei beginnt sich das Bild zu trüben.

Die Ressource Arbeitskraft

Der Umgang mit der Ressource Arbeitskraft, die durch den Zuzug in die Ballungsräume und den Wegfall vieler bisheriger “klassischer“ Jobfelder in der Industrie unendlich zur Verfügung zu stehen scheint, ist in vielen Start Ups mehr als verwerflich. Es wird zwar der Mythos von hierarchieflachen, modernen und gar familiären Arbeitsbedingungen gepflegt, die dahinter stehenden, knallharten Verwertungslogiken und die Widrigkeiten des realen Arbeitsalltages lassen sich jedoch kaum noch verschleiern. So gehört die Umgehung von Arbeitsschutzrechten zum Beispiel bei der Begrenzung der Arbeitszeiten, der (Nicht-)Bezahlung von Überstunden oder die (Nicht-)Einhaltung von Pausenzeiten zum Standard dieser “neuen“ Arbeitswelt. Gepaart wird dies mit prekären Anstellungsverhältnissen, welche die Risiken und Belastungen einseitig auf Seiten der Arbeitnehmer konzentrieren. Befristete Arbeitsverträge inklusive kurzer Kündigungsfristen sowie geringfügige Bezahlung lassen sich besonders beim Berufseinstieg, aber auch danach kaum noch vermeiden.

Der digitale Arbeitsmarkt steigert die Prekarisierung

Ins Absurde wird diese Prekarisierung der Arbeits- und Lebensverhältnisse durch eine Sparte dieses Arbeitsmarktes der Zukunft geführt, den digital vermittelten Dienstleitungen. Digitale Plattformen entziehen sich jeglicher gesellschaftlichen Verantwortung, die Arbeitgeber bisher durch Abgaben in die Sozialsysteme lieferten. Denn sie stellen sich als reine Vermittlungsräume dar, die Nutzern zur Verfügung gestellt werden. Durch diese Privatisierung der Dienstleistung zwischen den externen Auftraggeber und -nehmer entledigen sich die Plattformen der lästigen Arbeitgeberverpflichtungen. Für die Einhaltung von Entlohnungsstandards, für die Bereitstellung der technischen wie räumlichen Infrastruktur sowie deren Instandhaltung oder Aktualisierungen fühlen sie sich nicht verantwortlich. Und selbst wenn einige Anbieter zumindest ein Mindestmaß an Bezahlung durch Fixpreise garantieren (wie bei Helpling oder Clickworker), werden soziale Standards umgangen. Schließlich obliegt es komplett den Auftragsnehmenden, für ihre gegenwärtige wie zukünftige soziale Absicherung aufzukommen. Selbst Schuld, könnte man meinen.

Der verlorene Ich-Unternehmer

Momentan gibt es solche Berufstätigen zwar nur in einem geringen Anteil, aber die Zunahmetendenz sowie der Mentalitätswandel sind schon absehbar. Eine so gestaltete Arbeitswelt bringt vor allem (Schein-)Selbstständige und Ich-Unternehmer hervor, die in einer harten und permanenten Konkurrenzsituation dauerhaft um ihre Existenz kämpfen müssen. Freizeit, Wochenende oder Feiertage werden zu einem Luxus, den sich nur die Erfolgreichsten leisten können. Ausfälle durch Krankheiten, unvorhergesehene Ereignisse als auch Konfliktsituationen mit dem Auftraggeber führen schnell zu einer Existenzgefährdung. Schließlich sind Ranking und Bewertung der Arbeitsleistung, die meistens nur den Auftraggebern obliegt, entscheidend bei der Akquise neuer Aufträge. Die Abhängigkeit gegenüber den Plattformen, welche die Regeln und ihren Vermittlungsanteil ohne Rücksicht auf die Nutzer/Auftragnehmer bestimmen können, kennt keine Grenzen. Die Einhaltung von Arbeitsschutzgesetzen oder gar die Inanspruchnahme von Arbeitnehmerrechten werden zu einem geschäfts- und rufgefährdenden Wagnis. Der Einzelne wird zu einem verlorenen Ich-Unternehmer, der dem Markt komplett ausgeliefert ist.

Industrielle gleich digitale Revolution

Die Folgen der digitalen Revolution scheinen also wie schon im 19. Jahrhundert bei der industriellen Revolution vor allem zuerst die Arbeitnehmer zu treffen. Die Entstehung einer neuen Klasse/Schicht von sozial Abgehängten kristallisiert sich schon heraus. Der Wert der Arbeitskraft scheint sich fundamental zu verringern. Das veranschaulichen nicht nur die vielen Beispiele aus der Start-Up-Branche, sondern lässt sich auch im kulturellen Arbeitssektor beobachten. Die Tendenz scheint jedenfalls in eine Richtung zu weisen, die Bedeutung und der Wert der Arbeitskraft verändert sich. Und dabei befinden wir uns erst am Beginn des digitalen Wandels. Sind ähnliche Auswüchse der Prekarisierung wie im Zuge der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert erwartbar? Die damaligen Diskussionen um die soziale Frage und die ergriffenen Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsverhältnisse als auch der Aufbau von sozialen Sicherungssystemen veranschaulichen jedenfalls, wie die Situation für den Einzelnen sowie im Allgemeinen entschärft werden könnten. Allein die Durchsetzung von bestehenden Arbeitsschutzgesetzen könnte den Arbeitsalltag und die Belastung der Betroffenen heutzutage schon reduzieren. Für deren Einhaltung kann jedoch nicht der Arbeitnehmer selbst verantwortlich gemacht werden, denn seine Abhängigkeit ist zu groß. Zuständig ist dafür der Staat.

Die Zurückhaltung der politischen Verantwortlichen ist die falsche Lösung

Im öffentlichen Diskurs war schon mehrfach Kritik an diesen neuen Arbeitsverhältnissen zu vernehmen. Besonders von einigen Gewerkschaften wurde auf den Zustand der Unterwanderung geltender Arbeitsrechte sowie auf die sozialpolitischen Gefahren verwiesen, die aus einer digitalen Revolution resultieren können. In der regierungsverantwortlichen Politik lässt sich hingegen eine Verdrängung der Probleme feststellen. Deren Blick konzentriert sich eher auf einen erhofften Jobmotor im Zuge der digitalen Gründungswellen und -euphorie. Fragen zu den Gegenstandsfeldern der Beschäftigung, deren Nachhaltigkeit oder der Stumpfsinnigkeit der Tätigkeiten werden als “Bedenken“ disqualifiziert, was dem weiteren Wachstum im Wege stehe. Um dieses nicht zu gefährden, wird sogar der Rückbau von Arbeitszeitgesetzen in Betracht gezogen, die vor allem dem Schutz der Arbeitnehmer dienen.

Die digitale Verheizung des Einzelnen

Der Blick in die Zukunft vor allem aus Sicht von Arbeitnehmern vermag also nichts Gutes zu versprechen. Die Reduktion des Menschen auf seine Arbeitskraft, wie sie für einen Großteil der Bevölkerung schon im 19. Jahrhundert galt, scheint uns erneut bevorzustehen. Der Gegenstand der Tätigkeit, die daraus resultierende Zufriedenheit oder gar Sinnerfüllung bilden dabei nicht die Parameter der Bewertung. Es zählt nur die Anstellung an sich. Die Arbeitslosenquote wird als Maßstab gesellschaftlichen Glücks und Wohlstand verstanden. Persönliche Unzufriedenheiten, Misserfolge oder gar Armut liegen im Unvermögen und falschen Entscheidungen der Einzelnen begründet. Selbst Bildung schützt vor der Prekarisierung nicht, selbst wenn (ehemalige) Generalsekretäre dies behaupten. Solche Sichtweisen lassen sich heutzutage schon vermehrt wahrnehmen und können bereits als Zeichen des Mentalitätswandels interpretiert werden. Die Notwendigkeit, dem entgegenzutreten, daran zu erinnern, dass der Mensch mehr als eine Arbeitskraftressource ist, ist zwingend nötig. Ansonsten wird die digitale Revolution vielleicht ein Niveau an Prekarisierung erreichen, wie wir es in der Geschichte noch nicht gesehen haben.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Friedrich Seher , Dokumentation - Texte im Original, Jürgen Schmid.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Digitalisierung, Digitale-medien, Digitale-gesellschaft

Debatte

Digitales Deutschland bei Microsoft in Berlin

Medium_e9f8c83209

Bär schickt digitales Bürgerportal an den Start

Die Bundesregierung eröffnet mit vier Bundesländern ein Internet-Portal, das Behördengänge überflüssig macht. „Ein wichtiger Schritt“, meint die Staatsministerin für Digitales, Dorothee Bär, und kü... weiterlesen

Medium_8064503704
von Florian Spichalsky
27.09.2018

Debatte

Der mediale Missbrauchsskandal

Medium_ba87dfc23c

Wenn Medien Angst haben

Am vergangenen Wochenende konnte man den medialen Paradigmenwechsel wieder in extenso „genießen“. Überall wurde diskutiert, wie böse doch diejenigen - per se natürlich - allesamt sind, die in Chemn... weiterlesen

Medium_3fcf48dd82
von Martin Lohmann
03.09.2018

Debatte

Rechtspersönlichkeit für autonome Systeme

Medium_387fc7238d

Sind Roboter Rechtspersonen?

Über die juristische Einordnung von künstlicher Intelligenz schreibt. Jan-Erik Schirmer. weiterlesen

Medium_3bb5b01e85
von Jan-Erik Schirmer
08.06.2018
meistgelesen / meistkommentiert