Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Ernst-Wolfgang Böckenförde

Gedanken zu einer Identitätspolitik für das 21. Jahrhundert

Es mag vielleicht unvorstellbar wirken, aber die Abschaffung der Nationskategorie bietet die Chance, eine Gesellschaft des Miteinanders herzustellen. Scheint dies nicht eine bessere Alternative für eine Gesellschaft im 21. Jahrhundert zu sein?

Die Rückkehr der Nation in die Identitätsdebatte

Die Rückkehr der Nationskategorie in die Identitätsdebatte ist nun schon seit längerem zu beobachten. Wenn plötzlich als bürgerlich charakterisierte Parteien wieder anfangen, von einer “Leitkultur“ zu sprechen, ist der gesellschaftliche Rechtsruck nicht mehr zu leugnen. Auffällig ist, dass dabei besonders die negativen Charakteristika einer Nationsdefinition (Herkunft/Rasse, kulturelle Klassifikation, Ausschluss/Abgrenzung) im Kokon rechtsstaatlicher Rhetorik („das darf man wohl mal sagen dürfen“/„wir haben nichts gegen jene, aber“) vertreten und verbreitet werden. Da eine solche Auslegung der Nationskategorie historisch schon oftmals instrumentalisiert worden ist und zu vielerlei Gewaltverbrechen, Vertreibungen und Genoziden führte, wird es endlich Zeit, alternative identitätsstiftende Konzepte in den Vordergrund zu stellen und die Nation zu Grabe zu tragen.

Die Illusion einer homogenen Kultur

Die Illusion einer einheitlichen (National-)Kultur, die gegenwärtig als abendländisch- christlich bzw. jüdisch-christlich bezeichnet wird, um sich explizit gegenüber Muslimen bzw. “dem Islam“ abzugrenzen, dient nur einer Feindbildproduktion, deren Herstellung gleichzeitig eine Konstruktion von “Eigenem“ repräsentiert. Dieses Freund-Feind- bzw. Eigene-Andere-Schema ermöglicht die Entindividualisierung von Gesellschaften und damit Homogenisierung. Bewusst verschleiert wird in diesem Vorgang, dass Gesellschaften immer multikulturell sind, unabhängig von der geographischen Herkunft oder einer “Abstammung“ ihrer Mitglieder. Denn jede Gesellschaft setzt sich aus einer Vielzahl unterschiedlichster Kollektive und Subkulturen zusammen mit regionalen, politischen, sozialen, beruflichen, habituellen usw. Unterschieden. Die Beschwörung von genuinen “Leitkulturen“ oder traditionellen Gemeinschaftsverbänden stellt also nur einen Versuch dar, die vielschichtigen, gegensätzlichen, komplexen Gesellschaftszustände zu simplifizieren, um die eigene Überforderung bei der Identitätsherstellung zu verdrängen.

Die Mär nationaler Eigenheiten

Aussagen über nationale oder kulturelle Eigenheiten, die oftmals in Stereotypen ihren Ausdruck finden, führen häufig eher zu Bestätigungen, als Zweifel hervorzurufen. Auch wenn in Form wertneutraler Feststellungen oder sogar positiver Zuschreibungen Eigenheiten dargestellt werden, die nicht dem Prinzip von Eigenheits- und Fremdheitskonstruktion im abgrenzenden Sinne entsprechen wollen, produzieren sie aufgrund der homogenisierenden Darstellung genau solche. Denn individuelle Eigenschaften werden auf ganze Bevölkerungsgruppen abstrahiert und als deren Charakteristika dargestellt.

Natürlich existieren Unterschiede zwischen Staaten und Regionen, die sich in verschiedenster Kriterien wie den politischen Systemen oder kulturellen Umgangsformen zeigen. Übersehen werden darf dabei jedoch nicht, dass die Verschiedenheiten schon innerhalb der jeweiligen Gesellschaften existieren und von vielen Faktoren abhängig sind, die nicht aus nationalen Spezifika resultieren, sondern Folge eines komplexen Sozialisationsprozesses sind, der beeinflusst wird vom sozialen Milieu der Eltern, dem Bildungsstand, dem Wohnort usw. Wissenschaftlich lassen sich für Forschungsinteressen zwar einzelne Phänomene isoliert betrachten und auch vergleichen. Dass es sich dabei jedoch nicht um lebensweltliche, wirklichkeitsdarstellende Zustände handelt, muss hervorgehoben werden.
Pluralität und Heterogenität sind Merkmale von Gesellschaften bzw. kollektiven Vereinigungen, Homogenität lässt sich nur durch übertriebene Vereinfachungen und Abstraktionen konstruieren.

Die Wirkmacht der Nationskategorie

Wie kann es jedoch sein, dass das Konzept der Nation so sicher im Sattel der Identitätspolitik sitzt wie wohl kaum eine andere Kategorie? Das Wissen über den Konstruktionscharakter der Nation besteht schon seit langer Zeit. Trotz dessen ist das Konzept in seiner negativen (abgrenzenden) Auslegung, welches genau diese Erkenntnis der Konstruktivität ignoriert, gegenwärtig äußerst präsent und verbreitet.

Ein Grund von vielen könnte in der Einfachheit der Identitätsbildung mithilfe dieses Nationskonzeptes liegen. Denn entgegen anderer Modelle, welche gewisse Verhaltensweisen voraussetzen oder Eigeninitiative verlangen, wird einem die nationale Zugehörigkeit automatisch qua Geburt übertragen. Wird diese dann zu meiner wesensbestimmenden Identitätskategorie, erhalte ich neben einer persönlichen historischen Verortung gleichzeitig noch eine individuelle Aufwertung. Denn mit der Überbetonung des Besonderen des Nationalen muss dieses “natürlich“ erhalten und vor der “Zersetzung“ beschützt werden. Da diesem Weltbild immer ein Feindbild bzw. eine Abgrenzung inhärent ist, die eine Aufwertung des “Eigenen“ und eine Abwertung des “Anderen“ impliziert, bin ich nicht nur ein lächerliches Einzelnes unter sieben Milliarden Menschen, sondern Teil einer “besonderen“, “schicksalsbestimmten“ Gruppe.

Das Ende der Nationskategorie muss kommen

Die gegenwärtigen rechtsgerichteten Gesellschaftstendenzen innerhalb Deutschlands, Europas und der Welt offenbaren, dass die bereits als überwunden geglaubte, negative Seite eines Nationskonzeptes wiederbelebt wird und in diesem Zuge Menschen sowohl verbal ausgeschlossen, bedroht und herabgewertet als auch physisch angegriffen werden. Es gilt also, das Problem an der Wurzel zu packen und die Kategorie der Nation endgültig zu verabschieden. Nur so wird es möglich sein, eine Gesellschaft des Miteinanders aller Angehöriger zu etablieren. Welche Alternativen aber wären nun dafür geeignet und hätten die Wirkung, die Zentralität der Nationskategorie im Identitätsbildungsprozess zu ersetzen?

Alternativen zur Nation

Eine erste Möglichkeit bietet Europa als supranationale Gemeinschaft an, sowohl in seiner geographischen als auch politischen Dimension. Jegliche Überlegungen diesbezüglicher Art wären jedoch vergeblich, denn die gegenwärtige Abneigung gegenüber den europäischen Institutionen sowie den Gedanken einer weiteren europäischen Intensivierung scheinen einfach zu ausgeprägt und groß zu sein. So ist es doch gerade das Feindbild Europa, welches vielen Rechtspopulisten Aufwind bringt.

Anstelle des Entfernten wäre auch das Naheliegende, gemeint ist das Lokale, eine mögliche Alternativkategorie. Für viele Menschen bildet der regionale Ortsbezug schon jetzt einen wesentlichen Anteil in ihrer Identitätsbildung, denn er liefert den Menschen einen geographischen, manchmal sogar historischen Platz zur Selbstverortung. Die Wirkmacht des Lokalen scheint jedoch nicht immer garantiert zu sein. Denn oftmals wird das Lokale verstanden als Teil eines größeren (nationalen) Ganzen und reicht selbst nicht als identitätsstiftende Kategorie aus.

Unklar wäre auch, was genau unter dem Lokalen verstanden würde. Wäre ein Bundesland noch regional oder zählt der Landkreis oder die Kommune? Entscheidend für die Attraktivität dieser Kategorie als identitätsstiftend wäre auch deren öffentliches Bild, welches u.a. durch Stereotypen geprägt ist. Infolgedessen scheint die Eignung des Lokalen auch nicht gegeben zu sein. Könnte aber eine Kombination aus Lokalem mit einem supranationalen politischen Rahmen die Lösung sein?

Das grundsätzliche Problem eines solchen Hybrides bestünde darin, dass die Grundlage der Identitätsstiftung weiterhin ein geographischer Raum bildet, der Inklusion und Exklusion in einfachster Form ermöglicht. Die Zugehörigkeit würde sich also wie zuvor über die Kategorie der Herkunft generieren, welche die einzelnen Menschen nun mal nicht beeinflussen können. Es gilt also, generell den geographischen Raum als Bezugsgröße außen vor zu lassen.

Eine vierte Variante stellt das Selbst dar. Der Bezug jedes Menschen, den er zu sich selbst hat/aufbauen kann, ist der direkteste, den wir im Leben erreichen können. Denn nur uns selbst können wir in der Tiefe und im Absoluten begreifen, gegenüber allen anderen Menschen bliebe trotz höchster Vertrautheit immer ein Rest Ungewissheit vorhanden. Dass nun aber gerade das menschliche Wesen selbst nicht geeignet zu sein scheint, verdeutlicht sich neben der gegenwärtigen hohen Anzahl an Selbstfindungsratgeberliteratur in der inhaltlichen Leere des menschlichen Wesens. Aus uns selbst erhalten wir keine Bezugspunkte für unsere Identität, sondern wir beziehen uns überwiegend auf etwas Anderes/Externes. Aber auf was denn nun genau?

Ausschlagend für unsere Identitätsbildung sind immer Wert- und Moralvorstellungen. Diese verstecken sich zwar häufig hinter anderen Kategorien, bilden jedoch die Grundprinzipien unseres Ichs aus. Wenn ich mir das Nationale als grundlegenden Identitätsbezug erwähle, entscheide ich mich nicht primär für einen nationalen Raum, sondern verbinde damit gewisse Eigenschaften oder Charakteristika, mit denen ich mich dann identifiziere. Werte geben uns Halt und Orientierung.

Die Vorteile einer offen wertbasierten Identitätspolitik

Ein Vorteil einer offen wertbasierten Identitätspolitik bestünde in genau jener Offenheit, deren Folge Klarheit und Eindeutigkeit wäre. Denn vielmals sind Kategorien wie zum Beispiel das Nationale große Hüllen, die mit unterschiedlichsten, auch divergierenden Vorstellungen und Werten gefüllt werden können. Beziehe ich mich, um bei dem Beispiel der Nation zu bleiben, bei einem solchen Bezug auf den geographischen Raum, auf eine die vielen unterschiedlichen Vergangenheiten und wenn ja, auf welche genau, oder auf spezifische Stereotype, die mit der Nation verbunden werden? Der Versuch der Homogenitätskonstruktion im Falle der Nationskategorie wird zwar häufig mit gewissen Werten und Einstellungen verbunden. Deren Vermittlung, wie man gegenwärtig am medialen Auftreten der AfD verfolgen kann, steht jedoch nicht für Klarheit, sondern ganz im Gegenteil für uneindeutiges Andeuten und Verstecken rassistischer Grundeinstellungen. Fallen solche Hüllen weg, sind jegliche Vertreter dazu gezwungen, offen und deutlich ihre politischen wie moralischen Grundeinstellung preiszugeben.

Diese Klarheit hätte eine Intensivierung der Kommunikation zur Folge. Denn grundsätzlich wäre es kaum noch möglich, gerade im politischen Bereich, sich hinter Phrasen a la „für das nationale Wohl“ zu verstecken. So rücken die politischen Ideen, konkrete Vorschläge und Grundeinstellungen in den Mittelpunkt der Diskussion und nicht uneindeutige Worthülsen, deren Inhaltsgehalt nicht vorhanden ist.

Fazit

Mit der Aufgabe der Nationskategorie und deren Ersetzung durch eine offene wertbasierte Identitätspolitik könnte es gelingen, die für den Identitätsprozess grundlegenden Orientierungsmaßstäbe in den Vordergrund der Kommunikation zu stellen und die Verschleierungshülsen ad acta zu legen. Natürlich stünden sich dann in einer Gesellschaft konträre Meinungen gegenüber, wodurch Konflikte hervortreten könnten. Darin läge jedoch der stärkste Vorteil, denn so kann die Kommunikation der gegensätzlichen Positionen befördert werden. Es herrschen nicht mehr nur stereotype Bilder und Homogenisierungen, sondern die Heterogenität der Einzelnen und der Kollektive rückt ins Licht und wird dafür sorgen, dass pauschale Stigmatisierungen so einfach nicht mehr akzeptiert und verbreitet werden können.

Es mag vielleicht unvorstellbar wirken, aber die Abschaffung der Nationskategorie bietet die Chance, eine Gesellschaft des Miteinanders herzustellen. Scheint dies nicht eine bessere Alternative für eine Gesellschaft im 21. Jahrhundert zu sein?

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ingo Friedrich, Peter Hausmann, Christian Moos.

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