Katar: wie groß ist das Risiko fĂŒr uns alle?

von Sascha Adamek22.10.2017Außenpolitik

Die Familie al-Thani, die mit Scheich Tamim bin Hamad den absoluten Herrscher ĂŒber das Emirat Katar stellt, hĂ€lt drei Prozent an Siemens, kontrolliert zehn Prozent der Anteile der Deutschen Bank und ist an vielen europĂ€ischen Ölkonzernen mit milliardenschweren Aktienpaketen beteiligt. Zugleich ist die Familie al-Thani in internationale Terrorfinanzierung verwickelt, wie ein neues Buch aufdeckt.

Wie groß ist das Risiko, dass von Katar der Anstoß fĂŒr einen Börsencrash ausgeht? Sei es, weil Unsicherheiten bis hin zum Terror, wohlmöglich mit Geld aus Katar finanziert, die Wirtschaft schĂ€digen – sei es, weil zum Beispiel der Emir von Katar seinen Einfluss, religiös motiviert, geltend macht.

*„Den Kampf gegen unsere Freiheit finanzieren wir selbst“ – so lautet der Titel des Buches von Sascha Adamek. The European bringt daraus einen Auszug.*

Diplomatische Drehscheibe und Terrorfinanzier

Gesellschaftlich gesehen, ist Katar ein Land zwischen Vergangenheit und Zukunft, und wer Kritik an den ZustĂ€nden im Land ĂŒbt, sollte dennoch immer bedenken, dass einige AuswĂŒchse einer extrem rasanten wirtschaftlichen Entwicklung geschuldet sind. Noch 1950 lebten auf der Halbinsel nur 47.000 Menschen. Aus einer von einigen Tausend Beduinen bewohnten Randlage der arabischen Halbinsel ist in nur einem halben Jahrhundert ein modernes Boom-Land mit einem der reichsten Staaten der Erde geworden. Und je mehr sich das Land wirtschaftlich modernisiert, desto widersprĂŒchlicher wird es gesellschaftlich: Das katarische Rechtssystem beruht auf der Scharia, was sich im Alltag darin zeigt, dass zum Beispiel der Konsum von Alkohol und Schweinefleisch verboten sind. Das AuswĂ€rtige Amt weist deutsche Reisende darauf hin, dass in Katar HomosexualitĂ€t und der „Austausch von ZĂ€rtlichkeiten in der Öffentlichkeit“ unter Strafe stehen. Zuweilen kommt es auch zu schweren MenschenrechtsverstĂ¶ĂŸen aufgrund des katarischen Scharia-Rechts. Als eine 22-jĂ€hrige NiederlĂ€nderin bei der Polizei anzeigte, vergewaltigt worden zu sein, steckten die Behörden sie fĂŒr drei Monate ins GefĂ€ngnis. Man warf dem Vergewaltigungsopfer „außerehelichen Geschlechtsverkehr“ vor. Am Ende zahlte sie eine Strafe von 750 Euro. Der Vergewaltiger wurde mit 140 Peitschenhieben bestraft.

In der Wirtschaft des Emirats wiederum herrschen lĂ€ngst die Sitten der kapitalistischen Globalisierung. Auch wenn die Firmen des Emirats in aller Regel Angehörigen der Herrscherfamilie gehören und wir es mit einer traditionellen Oligarchie zu tun haben, gibt es die Möglichkeit fĂŒr westliche Investoren, zumindest Minderheitsbeteiligungen zu erwerben. Lieber ist es den Kataris allerdings, wenn sich westliche Geldgeber ganz auf ihre katarischen GeschĂ€ftspartner verlassen und einfach nur investieren. In dieser Hinsicht ist Katar flexibel, denn das Letzte, was man will, ist, es sich mit westlichen Partnern zu verscherzen. Die mit Ehrgeiz und Geschick von der Königsfamilie al-Thani vorangetriebene wirtschaftliche Entwicklung brachte zugleich nahezu alle negativen Erscheinungsformen einer ungezĂŒgelten Marktwirtschaft mit sich. Doch damit möchte die ehrgeizige FĂŒhrung des Landes nicht gern in Verbindung gebracht werden: nicht mit Menschenrechtsverletzungen auf den Mammut-Baustellen fĂŒr die Fußballweltmeisterschaft. Und nicht mit KorruptionsvorwĂŒrfen in der verschlungenen Welt des Fußball-Kommerzes.

Besonders schweigsam werden die Verantwortlichen in Katar jedoch, wenn sie nach der UnterstĂŒtzung von islamistischen Organisationen, geschweige denn von islamistischen Terroristen gefragt werden. Katar macht zu Recht fĂŒr sich geltend, im komplizierten Geflecht nahöstlicher Konflikte stets fĂŒr alle Seiten GesprĂ€chskanĂ€le offengehalten zu haben. WĂ€hrend zwischen Saudi-Arabien und Iran lĂ€ngst ein kalter Krieg herrscht, pflegt Katar, das ebenso der sunnitischen-wahhabitischen Glaubensrichtung als offizieller Staatsreligion folgt, gute Beziehungen zum schiitischen Iran. Das ist ĂŒbrigens einer der GrĂŒnde fĂŒr die Krise 2017 zwischen Katar und anderen sunnitischen LĂ€ndern wie Saudi-Arabien, Ägypten, Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Vor allem die Emirate und Ägypten hatten Katar in den vergangenen Jahren zudem bereits hĂ€ufig wegen der UnterstĂŒtzung der Muslimbruderschaft verwarnt, die in diesen LĂ€ndern als Terrororganisation eingestuft ist. Denn der Export der islamistischen Ideologie zum Beispiel ĂŒber den katarischen Sender Al Jazeera war in ihren Augen eine Bedrohung der StabilitĂ€t ihrer eigenen LĂ€nder.

Katar sitzt als Land traditionell diplomatisch zwischen den StĂŒhlen. So dĂŒrfen die USA den katarischen MilitĂ€rflughafen Al Udeid, gute dreißig Kilometer westlich von Doha, nutzen, sind von hier aus viele Angriffe gegen al-Qaida in Afghanistan und im Irak geflogen. Gleichzeitig öffneten die Taliban im Jahr 2013 kurz ein offizielles VerbindungsbĂŒro in Doha. 2014 halfen Katars gute Beziehungen dabei, den US-Soldaten Bowe Bergdahl aus der Geiselhaft der Taliban zu befreien. Er wurde gegen fĂŒnf Taliban in GuantĂĄnamo ausgetauscht. Auch die palĂ€stinensische Terrororganisation Hamas unterhĂ€lt ein BĂŒro in Doha und wird ĂŒberdies politisch von der katarischen FĂŒhrung unterstĂŒtzt. Als im Gazastreifen ein israelischer Soldat irrtĂŒmlich als entfĂŒhrt galt, baten die USA Katar um Hilfe, auf seine Befreiung hinzuwirken.

Katar agiert wie die blockunabhĂ€ngige Schweiz, und doch ist das Emirat nicht ganz unabhĂ€ngig. Denn möglich wurden diese humanitĂ€ren Interventionen nur aufgrund der massiven finanziellen und politischen UnterstĂŒtzung Katars fĂŒr diverse islamistische Gruppen in der Welt. Im Juni 2014 schrieb Steve Clemons vom US-Magazin Atlantic Monthly, ihm habe ein hoher katarischer Beamter gesagt, er könne jeden Kommandanten von der Jabat al-Nusra – des Ablegers von al-Qaida in Syrien – persönlich identifizieren. Clemons schrieb damals auch, ein anderer Offizieller habe geleugnet, dass Katar auch den sogenannten Islamischen Staat stĂŒtze, denn „das sei ein saudisches Projekt“.

Der Emir bestimmt allein

Was eine Terrororganisation und was eine legitime Befreiungsorganisation darstellt, bestimmt in Katar allein das Königshaus. Und so kommt es, dass Katar dem exilierten Hamas-PolitbĂŒro eine Niederlassung ermöglicht und versucht, die Organisation international hoffĂ€hig zu machen. In seinem ersten Interview mit internationalen Medien sagte der damals 34-jĂ€hrige Emir Tamim bin Hamad al-Thani am 25. September 2014 bei CNN: „Ich weiß, dass man in Amerika und einigen anderen LĂ€ndern einige Bewegungen als terroristische Bewegungen ansieht. Aber es gibt Unterschiede.“ Viele Beobachter, so folgert der Politikwissenschaftler David Andrew Weinberg von der Foundation for Defense of Democracy, deuteten diese Äußerung als Hinweis auf die von Katar of en unterstĂŒtzte Hamas, allerdings irrtĂŒmlich: „Hamas ist nur eines der extremistischen Netzwerke, die von katarischen Finanziers und 20 der laxen katarischen Kontrolle profitieren.“

Es bleibt abzuwarten, welchen Effekt das im Juli 2017 vereinbarte Abkommen zwischen Katar und den USA zur EindĂ€mmung der Terrorfinanzierung hat. Denn bislang gehörte das Land zu den Staaten, aus denen immer wieder offiziell und inoffiziell islamistische Rebellengruppen und Terrororganisationen unterschiedlichster Ausrichtung finanziert worden sein sollen – meist durch private Stiftungen, die allerdings in das elitĂ€re Herrschaftssystem des Emirats eingebunden sind. Offiziell steht Katar zwar an der Seite westlicher Staaten im „Kampf gegen den Terror“, jedoch halbherzig. So monierte das US-Außenministerium 2009, dass Katar nur sehr lax gegen Terrorfinanziers im eigenen Land vorgehe. Die Kritik in dem internen Vermerk war schonungslos: „In ihrer Zusammenarbeit mit den USA in der TerrorbekĂ€mpfung schneidet Katar im Vergleich zu allen anderen Golfstaaten am schlechtesten ab.“

Al-Qaida, die Taliban und andere Terrorgruppen nutzten Katar als Ort der Spendenakquise, so steht es in dem Vermerk des State Department. In seinem jĂŒngsten LĂ€nderreport zum Terrorismus lobt das US-Außenministerium die BemĂŒhungen Katars, gegen die Finanzierung auslĂ€ndischer Terroristen vorzugehen. Insbesondere wĂŒrden sĂ€mtliche Zahlungen von Wohlfahrtsorganisationen ins Ausland von einer regierungsnahen Kontrollbehörde geprĂŒft. Eine Abteilung in der katarischen Zentralbank ĂŒberwache verdĂ€chtige Geldzahlungen. Über die Effizienz dieser Einrichtungen gibt der Bericht allerdings keine Auskunft. Vielmehr heißt es: „Trotz dieser BemĂŒhungen dienen Unternehmen und Einzelpersonen in Katar als Finanzierungsquelle von terroristischen und gewalttĂ€tigen extremistischen Organisationen, besonders regional mit al-Qaida verbundene Organisationen wie die Nusrah-Front.“ An der Situation scheint sich nicht viel geĂ€ndert zu haben, seit eine weitere große Terrororganisation al-Qaida weltweit Konkurrenz macht – der ebenfalls radikale sunnitische „Islamische Staat“.

(
) Noch Mitte 2014 Ă€ußerte sich US-Außenministerin Hillary Clinton ziemlich unmissverstĂ€ndlich zu den Terrorfinanziers aus Katar – wobei ihre EinschĂ€tzung nicht fĂŒr die Öffentlichkeit bestimmt war. Laut einer von Wikileaks veröffentlichten E-Mail ihres Wahlkampfmanagers John Podesta sprach Clinton sich dafĂŒr aus, die traditionellen Möglichkeiten geheimdienstlicher Arbeit zu nutzen, „um Druck auf die Regierungen Katars und Saudi-Arabiens auszuĂŒben, die verdeckte finanzielle und logistische UnterstĂŒtzung fĂŒr den ‚Islamischen Staat’ und anderen radikalen sunnitischen Organisationen“ zu beenden. (
) Einer der prominenteren FĂ€lle war ein heute 38-jĂ€hriger Beamter aus dem Innenministerium Katars. Salim Hasan Khalifa Rashid al-Kuwari soll Hunderttausende von Dollars an Gruppen der al-Qaida geschleust haben. Darum setzte das US-Finanzministerium ihn 2011 auf die Liste der internationalen Terroristen. Kuwari soll die Gelder aus dem Nahen Osten nach Vorderasien, vor allem an al-Qaida-Gruppen in den Iran transferiert haben. Katar reagierte, indem man Kuwari verhaften ließ. Allerdings scheint sein Vergehen, das zum Beispiel in Deutschland eine mehrjĂ€hrige Haftstrafe nach sich ziehen wĂŒrde, im Emirat nicht weiter problematisch gewesen zu sein. Denn nach nur drei Monaten kam er wieder frei und kehrte ins Innenministerium zurĂŒck.

Der Minister half dem spÀteren Topterroristen

Sein Dienstherr war zu jener Zeit der mittlerweile abgelöste Innenminister Abdullah bin-Khalid al-Thani – ein Mitglied der Königsfamilie. Der Mann aus dem Herrscherhaus hat hinsichtlich des internationalen Terrors ebenfalls eine einschlĂ€gige Vergangenheit, die mit dem spĂ€teren „Mastermind“ der AnschlĂ€ge vom 11. September 2001, Khalid Sheikh Mohammed, zu tun hat. Die Geschichte, wie sie der offizielle Bericht des US-Kongresses zu den Ereignissen des 11. September 2001 schildert, begann 1992. Sheikh Mohammed war aus Afghanistan, wo er zuvor gegen die Sowjets gekĂ€mpft hatte, nach Bosnien gereist, um hier muslimische Milizen gegen Serben und Kroaten zu unterstĂŒtzen.

Zu dieser Zeit war Abdullah bin-Khalid al-Thani Minister fĂŒr religiöse Angelegenheiten. Auf Vorschlag des Ministers soll Sheikh Mohammed bald darauf mit seiner Familie nach Katar gezogen sein. Er erhielt sogar eine Anstellung als Ingenieur bei den Strom- und Wasserbetrieben Katars. In dieser Zeit ĂŒberwies der spĂ€tere Topterrorist auch Geld aus Katar auf das Konto eines der Verschwörer rund um den ersten Anschlag auf das World Trade Center am 26. Februar 1993. So jeden- falls berichtet es der 9/11-Report. Als die USA schließlich Sheikh Mohammed 1996 verhaften lassen wollten, floh dieser dem 9/11-Report zufolge rechtzeitig nach Afghanistan. Von da an widmete er sich der Vorbereitung des bis dato grĂ¶ĂŸten islamistischen Anschlags aller Zeiten: 9/11.

_Dieser Text ist ein Auszug aus Sascha Adameks neuestem Buch Scharia Kapitalismus, ISBN 978-3-430-20240-4, 288 Seiten; Klappenbroschur, 18 Euro, erschienen am 22. September 2017._

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