Unser täglich Supermarkt gib uns heute

von Sarah Wiener28.10.2010Gesellschaft & Kultur

Esskultur in Deutschland ist der Versuch, das Machbare und nicht das Wünschenswerte an die Frau und an den Mann zu bringen. Da wird gerne die konventionelle Bauernlobby bedient. Handwerklich saubere Rohzutaten? Die Ausnahme!

Natürlich gibt es überall quer durch die Republik aufrechte Produzenten und Köche und Köchinnen, die für höchste Qualität von Lebensmitteln und deren Verarbeitung eintreten. Köche, für die Qualität nicht Stopfleber und Kaviar bedeutet (beides ethisch fragwürdige Produkte). Bauern, die den Kühen ihre Hörner lassen und das Futter für dieselben giftfrei und nachhaltig auf ihrem eigenen Boden anbauen. Produzenten, die aus besten Rohzutaten handwerklich saubere, E-Nummern-freie Würste und Käselaibe kreieren. Das ist aber heute leider die Ausnahme. Lassen wir also einmal die paar Aufrechten beiseite und wenden uns der Masse zu. Esskultur in Deutschland bedeutet: Jägerschnitzel aus der Fritteuse, Dönerfleischfettspieße (Woher? Woraus? Wie alt?), Pommes aus dem praktischen 2-Kilo-Plastikbeutel, gefrostet, Mayo aus der Tube und frische Brötchen aus Industrieteig vom Discounter.

Wenn man sparen kann…

Esskultur in Deutschland heißt ein Supermarktkettenableger in jedem Dorf. Aldi, Penny und Real schaffen uns Gemütlichkeit und Lebensqualität zum kleinen Preis. Ist ja eh alles schon so teuer. In den 50er-Jahren haben wir noch die Hälfte unseres Einkommens fürs Essen ausgegeben. Heute nur noch elf Prozent, aber wenn man sparen kann … warum nicht? Esskultur in Deutschland ist der beschämende Umstand, dass das Landwirtschaftsministerium traditionell eher die Interessen einer starken (konventionellen) Bauernlobby vertritt und nicht die Interessen der Verbraucher. Esskultur in Deutschland ist der Versuch, das Machbare und nicht das Wünschenswerte an die Frau und an den Mann zu bringen. Warum? Meine Antwort: Weil es einfach machbar ist und einen Profit verspricht. Einen Profit für die Lebensmittelkonzerne. Ein Ausverkauf unserer Natur, unserer Böden, der Flüsse, der Biodiversität. Ein Ausverkauf der Individualität. Und für den Verbraucher? Ein Mehr an Bequemlichkeit und Schnelligkeit, aber keineswegs ein Mehr an Ernährungsqualität.

Hoffen auf den Gegentrend

Esskultur bedeutet genormte Plastikpäckchen, genormte Apfelgrößen, Hygienestandards, die Klein-und Almbauern zum Aufgeben zwingen. Esskultur in Deutschland bedeutet, dass Herr Meyer gar nicht wissen will, was er da in sich hineinstopft, und sich Frau Meyer von Halte- und Schlachtmethoden angeekelt fühlt und nicht damit belästigt werden möchte, sich aber trotzdem jeden Tag 200 Gramm Fleischprodukte aus Massentierhaltung hineinstopft. Esskultur in Deutschland bedeutet auch, dass Herr Müller gerne wüsste, was er denn da isst, und es nicht erfahren darf, weil die Lebensmittellobby das nicht will. Frau Müller deshalb nur noch Grundzutaten verkocht – kochen kann – und damit eine elitäre Minderheit darstellt und sich fragt, warum es in so existenziellen Bereichen wie dem Essen eine Klassengesellschaft geben muss. Tochter Müller hat keinen moralischen Konflikt mit den Lebensmitteln; sie hungert sich krank, weil Esskultur nur ein Aspekt des gesamten Lebens ist. Die Norm im Lebensmittelsektor gilt auch für das Aussehen der Frauen und deren Körper. Esskultur in Deutschland bedeutet auch, dass es in den USA noch viel schlimmer ist. Ich persönlich hoffe innigst auf den Gegentrend. Wir lernen wieder kochen. Wir essen weniger Fleisch. Wir essen Produkte unserer regionalen Kleinbauern. Wir kehren den Monopolisten den Rücken. Wir zahlen den Preis hier und heute, den Qualität verdient. Wir essen nichts, was E-Nummern enthält, und nichts, von dem wir nicht wissen, was drin ist. Kurz: Wir machen uns glücklich und unsere Mägen auch.

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