Ich glaube, dass wir unsere Zivilisation ins Sonnensystem ausweiten werden. Natasha Vita-More

Bombenshow

Die Deutschen glauben, „dass man doch über alles reden kann“ – Israel liegt aber eben nicht zwischen Rhein und Mosel. Die Israelis können nicht verstehen, warum die Deutschen immer noch denken, das ganze Säbelrasseln sei tatsächlich eine Kriegsansage.

Im Ausland wird jeder zum Strafverteidiger der eigenen Heimat. Deutsche müssen sich für Nazis, Merkel und Modern Talking rechtfertigen (oder, noch schlimmer, loben lassen), meine Innsbrucker Freundin beschwert sich, sie könne gar nicht mehr zählen, wie oft sie schon erklären musste, dass der eine oder andere Österreicher doch tatsächlich noch schnödes Gerümpel und keine kleinen Mädchen im Keller aufbewahrt, und Israelis müssen sich eben fragen lassen, warum sie eigentlich so gemein zu den Palästinensern sind:
„Ach zu denen, die jeden Tag Bomben auf uns feuern?“
„Nein, nein, zu den armen Kinder und den armen Frauen und den armen Bauern, die nicht auf ihre Olivenfeldern können. Man kann doch nicht ein ganzes Volk in Sippenhaft nehmen!“

Warnung vor der Täterfalle

Der Deutsche wiederum, der sich mit dem Phänomen der Kollektivstrafe ja ganz gut auskennt und infolgedessen nach einem heutzutage eigentlich nur noch von Helmut Schmidt bezweifelten Volksentscheid zwar keine Schuld! – aber Verantwortung!! – trägt, fühlt sich in Erfüllung selbiger verpflichtet, die Juden davor zu bewahren, seine Fehler zu wiederholen. In geradezu rührender Weise besorgt, ein anderer könne in die gleiche Täterfalle tappen, aus der er sich selbst erst nach 60 Jahren und nur dank hunderttausender, gute Laune performierender Fans, todesmutig auf den Schultern Besoffener balancierender Bikiniträgerinnen und schlussendlich des Verlusts des halben Landesnamens wieder befreien konnte, wird er nicht müde, jedem Israeli, dem er habhaft werden kann, sei es in Kreuzberg oder am „romantischen Rhein“, sein Strafregister unter die Nase zu halten, einschließlich der stetig wachsenden Liste der Kläger: EU, Human Rights Watch, ja, sogar der nette Herr Ki Moon.

„Gerade ihr als Juden müsstet es doch besser wissen! Merkt ihr denn nicht, dass ihr euch ins internationale Abseits stellt?“, ruft er ihm verzweifelt zu. Und bekommt in dieser Denkweise von Tagesschau und Co. beständig den Rücken gestärkt. „Trotz internationaler Kritik…“, „ungeachtet massiver Proteste…“, „auch nach dem Appell Außenminister Westerwelles…“ (vor dem die Israelis sicher zittern), baue Jerusalem fleißig weiter, heißt es da.

Nun könnte man der Fairness halber natürlich anmerken, dass die Hamas ja auch „trotz internationaler Kritik“ den Kindern in Gaza weiter beibringt, sich in die Luft zu sprengen, sei eine tolle Sache. Oder dass Palästinenserpräsident Abbas „ungeachtet der Aufforderung“ sich für eine Zweistaatenlösung einzusetzen, ebenfalls nach wie vor auf das Deckblatt jedes offiziellen PLO-Dokuments ein kleines Landkärtchen der Region drucken lässt, auf dem Israel gänzlich fehlt. Aber das ist gar nicht der Punkt. Vielmehr beruhen diese ganzen Konzessivketten auf einem gravierenden Missverständnis: der Annahme nämlich, Israel würde sich um die Kritik scheren.

Tatsächlich begegnen sowohl Regierung als auch Bürger dem ganzen Wirbel weitgehend gleichgültig. Das darf man unsympathisch finden oder auch arrogant, meinetwegen sogar ignorant. Tatsache ist aber: Isolation ist nichts, was Israelis schrecken könnte. Zum einen, weil man es dort gewohnt ist. Die UN etwa hat seit ihrem Bestehen mehr Resolutionen gegen Israel verhängt als gegen alle anderen Staaten der Welt zusammen. Die bereits erwähnte Organisation Human Rights Watch, die nahezu wöchentlich einen Grund findet, Israel zu verdammen, hat es an Heiligabend zum ersten Mal überhaupt geschafft, auch die Hamas für die Bombardierung von Zivilisten zu rügen, wobei sie sich wohlgemerkt ausschließlich auf den Beschuss während der Operation „Säule der Verteidigung“ beschränkt; die 8000 Raketen in den acht Jahren zuvor ignoriert sie. Auch einen Boykott chinesischer Produkte, um gegen die Besatzung Tibets oder die Gräueltaten an den Uiguren zu protestieren sucht man bisher vergeblich. Totschlagargument, klar, darum aber nicht weniger wahr: Von einem beträchtlichen Teil der Welt wird Israel so oder so gehasst. Ein paar Europäer mehr, die sie sich wegen der neuen Wohneinheiten in der E1 Zone aufregen machen’s da auch nicht fett. Mit Sicherheit werden sie keinen Politiker dazu bringen, die Bauarbeiten einzustellen. Im Gegenteil: Wer sich um den internationalen Druck am allerwenigsten schert, wird an der Wahlurne triumphieren – Männer wie Avigdor Lieberman zum Beispiel (vorausgesetzt natürlich, es gelingt ihm, das gegen ihn laufende Verfahren wegen Betrugs und Untreue rechtzeitig zu ersticken). Oder der neue Politikstar Naftali Bennett von HaBeit HaJehudi (Jüdisches Zuhause), dessen Umfragewerte in die Höhe schießen, seitdem er in einem Interview erklärt hat, er würde als Soldat im Westjordanland den Befehl, eine Siedlung zu räumen, verweigern. Oder eben Benjamin Netanjahu, den die meisten Israelis zwar für zutiefst korrupt halten, der in drei Wochen jedoch trotzdem wieder zum Ministerpräsidenten gewählt werden wird, mit fast nur einer einzigen Begründung: weil er als starker Führer gilt. Und dass Israel den braucht, davon sind selbst die Linkesten überzeugt. Was passiert, wenn man sich im Ernstfall auf die Hilfe der Weltgemeinschaft verlässt, das haben „gerade die Juden“ dann doch schmerzlich gelernt.

Ein „Hardliner“ zu sein ist für die Israelis daher nichts Schlechtes – eine Auffassung, die sie mit ihren arabischen Nachbarn teilen.

Menschen aus dem Nahen Osten ticken anders

Für den demokratisierten, friedlich wiedervereinten, kompromissverliebten Deutschen ist das natürlich schwer nachzuvollziehen. „Wenn ihr den Palästinensern nicht das Leben so schwer machen würdet, würden sie auch aufhören, euch zu bekämpfen“, wiederholt er wieder und wieder, weil man sich unter Freunden ja wohl die Wahrheit sagen darf. Tod ist der Nährboden für neuen Hass. Gewalt erzeugt Gegengewalt. Make love not war. Dabei übersieht er jedoch, und das ist das zweite Missverständnis, dass er es hier nicht mit einem Franzosen, Spanier oder einem sonstigen Europäer zu tun hat, der genauso friedfertig und – liebend ist, wie er selbst, sondern mit Menschen aus dem Nahen Osten. Und die, so rassistisch ihm das auch scheinen mag, ticken eben ein bisschen anders. Ein Blick in die jüngste Geschichte zeigt: Nichts erzeugt so viel Gewalt wie der plötzliche Verzicht auf Gewalt. Wer nachgibt, ist schwach. Und der Schwache wird zwischen Mittelmeer und Jordan nicht lange überleben. Als Israel 2005 den Gazastreifen den Palästinensern überließ, bedankten die sich mit Dauerfeuer. Statt der gemäßigten Fatah, die in der europäischen Logik von dem Entgegenkommen hätte profitieren müssen, gewann die Hamas und schaffte die neue Freiheit gleich wieder ab. So verhasst Israelis und Araber einander auch sind, so einig sind sie sich in einem: Die einzige Sprache, die hier verstanden wird, ist die der Stärke.

Aber, und das ist Missverständnis Nummer drei: Stärke zeigen heißt nicht, dass man auch zwangsläufig bis zum letzten geht. Die Deutschen mögen sich wundern, warum jedes Mal, wenn sich die Lage zwei Minuten lang etwas beruhigt hat, eine der Streitparteien sofort wieder mit dem Säbelrasseln beginnt. Aber genauso verwirrt sind die Israelis, warum der Westen noch immer nicht kapiert hat, dass Säbelrasseln eben wirklich nur Rasseln ist. So hört man in den vergangenen Tagen immer wieder, E1 wäre vergleichbar mit einem Kuchen. Zwei streiten sich, wer das größere Stück bekommt, und bevor sie sich geeinigt haben, isst der eine einfach alles auf.

Tatsächlich ist das Bild nicht nur schief, sondern auch völliger Unfug. Der Kuchen ist ja noch da. Alles, was Israel jetzt bebaut, kann es, zumindest theoretisch, auch wieder räumen, siehe Gaza (siehe aber auch, mit welchem Ergebnis). Moralisch sind die Arbeiten zwar mehr als fragwürdig, um was es der Regierung damit jedoch vor allem geht, ist die Vergrößerung der Verhandlungsmasse. Wer was hat, kann auch was zurückgeben, für das er im Austausch etwas anderes bekommt – genauso wie die Hamas nicht ernsthaft glauben kann, dass sie den israelischen Staat auf absehbare Zeit auslöschen wird, sondern schießt, damit sie aufhören kann zu schießen, Soldaten entführt, damit sie sie wieder laufen lassen und so Gefangene freipressen kann. Das Ziel ist, der anderen Seite zu beweisen: Mit uns ist nicht zu spaßen.

Bombenbildchen für die Kamera

Gleiches gilt in Sachen Iran: Alle paar Monate sorgt sich Deutschland auf Neue, Israel könne seine Drohung wahr machen und den Reaktor der Mullahs zerstören. Richtig ist: Wenn die israelische Regierung wirklich kurz davor stünde, den Iran anzugreifen, würde sie überhaupt nichts sagen, sondern einfach machen – genauso wie sie vor der Zerstörung der Atomanlage in Syrien 2007 schwieg. Selbst die Israelis erfuhren erst im Nachhinein von der „Operation Orchard“. Wenn Netanjahu hingegen vor der UN auftritt und seine Bombenbildchen in die Kamera hält, wenn kein Tag vergeht, ohne dass er vor einem möglichen Präventivschlag spricht, dann will er damit nur eins: Die Welt animieren, endlich etwas zu unternehmen. Aber das scheinen die Angesprochenen mal wieder nicht zu verstehen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Sarah Stricker: Was Oma verdrängt hat

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