Kampf um Deutungshoheit

von Sarah Stricker20.11.2012Außenpolitik

Die Hamas nutzt im Kampf gegen Israel nicht nur militärische Mittel, sondern auch die Mitleidsbereitschaft des internationalen Publikums. Eine Ende der Eskalation ist nicht absehbar – und seitens der Hamas auch nicht erwünscht.

Die Israelis haben ein neues Lieblingsbild. Das Foto, das vergangenen Donnerstag in Kiryat Malachi aufgenommen wurde, zeigt ein Kleinkind in den Armen eines Sanitäters. Der rosa gestreifte Strampelanzug ist blutüberströmt, das Haar verklebt, erst die Bildunterschrift macht klar, dass es nicht tot, sondern „nur“ verwundet ist. In den Hauptnachrichten prangt das Foto riesengroß hinter der Moderatorin, Ynet, die meistgeklickte Nachrichtenseite des Landes, hebt es auf die Startseite, aber vor allem in den sozialen Netzwerken poppt es alle paar Sekunden an einer weiteren Stelle auf, meist begleitet von einem mehr oder minder dramatischen Appell: Seht her, auch unsere Kinder sind Opfer!

Fast könnte man bei all dem Verbreitungseifer glauben, die Postenden würden sich bei aller Bestürzung auch ein klein wenig freuen, endlich auch selbst mal einen anständig anrührenden Beweis für das Leid zu haben, das man außerhalb des Landes partout nicht sehen will. Antiisraelische Demonstrationen an diesem Wochenende überall in Europa, zahllose Leitartikel, die die Operation „Säule der Verteidigung“ als reines Wahlkampfmanöver Netanjahus abtun, spaltenweise hassstrotzende Onlinekommentare: Das Mitleid der Welt ist für die Palästinenser reserviert.

Psychoterror der Hamas

Dafür gibt es Gründe. Allen voran das notorisch kurze Erinnerungsvermögen des modernen Menschen im Allgemeinen und des Berichterstatters im Besonderen, dessen Aufmerksamkeitskurve bei der Meldung von der gezielten Tötung des Hamas-Führers zwar sprunghaft nach oben schnellt, der bei all dem Völkerrechtsgeschrei jedoch vergisst, dass der Süden Israels seit dem Wahlsieg der Hamas 2001 nahezu pausenlos unter Beschuss steht.

Allein dieses Jahr wurden bisher 1.300 Raketen auf Israels Grenzgebiet abgefeuert, in den 72 Stunden vor der Liquidierung Dschabaris waren es mehr als 130. Die Folge: Ein Fünftel der israelischen Bevölkerung verbringt seit zwölf Jahren immer wieder ganze Tage im Bunker, 75 bis 94 Prozent der Kinder in Sderot weisen posttraumatische Stresssymptome auf, von den Holocaust-Überlebenden ganz zu schweigen.

Der Hamas geht es mit ihrem Psychoterror dabei keineswegs um die Aufhebung der Blockade. Wäre dem tatsächlich so, könnten sie sich genauso gut an die ägyptische Regierung wenden. Vielmehr ist es das erklärte Ziel der Terrorgruppe, den Judenstaat vom Erdboden zu tilgen, nein, alle Juden, oder, wie sie es selbst sagt: „Allah, zähle sie und töte sie bis auf den letzten, lass nicht einen einzigen übrig.“ Der Iran unterstützt sie in diesem Ansinnen nur allzu gerne, indem er jene Langstreckengeschosse liefert, die jetzt auf Tel Aviv gefeuert werden, nicht zuletzt, weil die Eskalation dort ganz hervorragend den Blick der Weltgemeinschaft vom eigenen Atomprogramm ablenkt.

Tote im Kampf um die Deutungshoheit Gold wert

Aber auch die asymmetrischen Opferzahlen ziehen den reizüberfluteten Medienkonsumenten naturgemäß auf die Seite der Palästinenser. Seit Beginn der Offensive starben in Israel drei Menschen, im Gazastreifen mindestens 100. Das liegt in erster Linie natürlich daran, dass die israelische Armee der Hamas militärisch haushoch überlegen ist. In zweiter Linie ist es jedoch auch das Ergebnis einer unterschiedlichen Geisteshaltung der beiden Gegner: Die israelische Regierung tut alles, um die Bevölkerung zu schützen – sowohl die eigene mit dem effektiven Abwehrschirm Iron Dome als auch die palästinensische, die mit SMS und Flugblättern vor geplanten Bombardements gewarnt wird.

Die Hamas hingegen missbraucht ihre Zivilisten als menschliche Schutzschilde. Wie bereits während der Operation „Gegossenes Blei“ 2008 platziert sie ihre Abschussrampen auch diesmal ganz bewusst in Schulen, Krankenhäusern und Büros, wohlwissend, dass das israelische Militär jeden Angriff sofort erwidert. Die vielen Toten, die diese Methode zwangsläufig nach sich zieht, sind den Terroristen nur recht. Im Kampf um die Deutungshoheit sind sie Gold wert.

Das Spiel mit den Medien beherrschen die Palästinenser nach wie vor besser. Während das israelische Militär seine Bürger in einer groß angelegten Onlinekampagne derzeit auffordert, möglichst wenige Details über die Bombeneinschläge zu veröffentlichen, um der anderen Seite nicht unfreiwillig in die Hände zu spielen, versorgt die Hamas die Welt unablässig mit Bildern des Elends – die Welt, aber auch das eigene Volk.

Kein Interesse am Ende der Eskalation

Sie braucht deren Wut, um die Angriffe fortsetzen zu können. Ein schnelles Ende der Eskalation ist nicht in ihrem Interesse: Je länger sich die Kämpfe hinziehen, umso schwerer wird es für den im Westjordanland herrschenden Mahmud Abbas, wie geplant am 29. November vor der UN-Vollversammlung die Anerkennung eines palästinensischen Staats als Nicht-Mitglied zu fordern – in den Grenzen von 1967. Damit würde er Israel faktisch anerkennen. Das kann die Hamas nicht dulden. Also opfert sie weiter die eigenen Leute, mit Billigung der arabischen Nachbarn. Wer sich um die Palästinenser sorgt – was jeder vernünftige Mensch tun muss – sollte nicht die Israelis verurteilen, sondern die Arabische Liga, die die Hamas gewähren lässt.

An diesem Wochenende ist das Bild des Kleinkinds mit dem rosa gestreiften Strampelanzug wieder aufgetaucht, diesmal auf mehreren palästinensischen Webseiten. Die Bildunterschrift ist jedoch eine andere. Hier wird das Kind als palästinensisches Baby bezeichnet, das angeblich bei israelischen Luftangriffen verletzt wurde. Die Leser im Westen, die das Foto bereits fleißig weiterverbreiten, bemerken wohl nicht, dass der Sanitäter auf der Jacke einen hebräischen Schriftzug trägt. Oder vielleicht wollen sie es auch einfach nicht bemerken.

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