Wirkliche Demokratie gibt es im Kapitalismus ebenso wenig wie in der DDR. Sahra Wagenknecht

Das alles und noch viel mehr …

… würd’ ich machen, wenn ich König Europas wär’!

Euro- und Wirtschaftskrise, Desinteresse der Bürger an Europa sowie Skepsis gegenüber den Zielen der Europäischen Union: Die EU hat gerade keinen einfachen Stand. Zwar wächst einerseits eine „Euro-Generation“ heran, die zum Beispiel mithilfe des Erasmus-Programms in den letzten 25 Jahren eine Million europäischer Babys hervorgebracht hat. Andererseits lässt das Gemeinschaftsgefühl der Europäer noch zu wünschen übrig. Wir haben gemeinsames Geld, gemeinsame Gesetze und mit Esperanto zumindest theoretisch eine gemeinsame Sprache. Was fehlt, sind Identifikationsfiguren, die über die Staatsgrenzen hinaus Wirkung entfalten. Ist die Krönung eines europäischen Königspaars vielleicht die ultimative Lösung für die Genesung der kränkelnden EU?

Normalo-Royals als Identifikationsfiguren

Anachronistisch, teuer, überflüssig: Anti-Monarchisten, die für eine Abschaffung kämpfen, haben gewiss ihre berechtigten Argumente. Unter 28 EU-Mitgliedsstaaten gibt es acht Länder mit ­Monarchien, plus Fürstentümer. Während die Berechtigung der Monarchien in Spanien und Großbritannien stark angezweifelt wird, läuft es in den skandinavischen Ländern größtenteils wunderbar. Junge, unkonventionelle Thronfolgerpaare sind beim Volk beliebt und sorgen für volle Kassen in der royalen Tourismusindustrie. Widersprüche wie die gleichzeitige Existenz einer traditionsreichen Monarchie und eines modernen Sozialstaats sorgen für Diskussionen, werden aber mithilfe von medial inszenierten Highlights wie prunkreichen Hochzeiten, royalen Babys und Krankheitsbesuchen nivelliert.

Doch wenn man hier in Deutschland eine, nennen wir sie mal „leicht irrationale Begeisterung für die europäischen Monarchien“ zeigt, wird man gern dafür belächelt, wenn nicht sogar verachtet. Vorausgesetzt, der Freundeskreis besteht nicht aus den Menschen, die ein „Adel aktuell“-Zeitschriftenabo haben, Rolf Seelmann-Eggebert anbeten oder eine ansehnliche Sammlung royalen Merchandisings besitzen. Die Monarchie hat ein schlechtes Image unter aufgeklärten, jungen Europäern. Höchste Zeit für ein paar Gründe, warum die königlichen Hoheiten gerne noch für einige weitere Jahre ihr Zepter schwingen sollten.

Die skandinavischen Monarchien sind ein gutes Beispiel dafür, wie ein paar coole Prinzen und Prinzessinnen das Schnarch-Image der Monarchie umkehren und ein neues Gemeinschaftsgefühl unter den Bürgern schaffen können. Die alte Regel, dass nur bereits adelig Geborene es in die höchsten royalen Kreise schaffen können, wurde durch die Eheschließungen in Norwegen, Dänemark und Schweden außer Kraft gesetzt. Hey, gute Nachrichten: Egal, ob man ein einfacher Fitnesstrainer, eine Marketing-Expertin oder gar ein Partygirl mit dubioser Drogen-Vergangenheit ist – der Weg bis an die Spitze der Krone ist für jeden offen. Prinzen- und Königspaare zum Anfassen, Normalos wie du und ich; das kreiert sicherlich mehr Identifikationspotenzial als Merkel-Sauer, Hollande-Royal-Trierweiler? oder Napolitano-Bittoni.

Europäische Königshäuser erhalten viel Geld vom Staat – die Rede ist von mindestens zweistelligen Millionenbeträgen – und kosten jeden einzelnen Bürger auch sonst nicht gerade wenig. Doch, so liest man immer wieder, ist eine royale Kosten-Nutzen-Rechnung schwierig. Zwar geben sich Volkswirte nicht damit zufrieden, dass britische Fremdenverkehrsexperten die Einnahmen aufgrund royalen Tourismus auf ungefähr 500 Millionen Pfund schätzen – schließlich kämen die Besucher nicht nur wegen der Königsfamilie. Doch, Hand aufs Herz: Wer war in London, ohne den Buckingham Palace, die Kronjuwelen oder gar den Kensington Palace anzuschauen? Wäre es nicht immens beklagenswert, wenn es ab sofort keine Wachablöse mehr gäbe? Was würden wir statt Tassen, Tellern oder Schlüsselanhängern mit den royalen Konterfeis als Souvenirs kaufen?

Máxima schlägt Merkel

Gäbe es keine Monarchie mehr, würde die Zeitschriftenkrise noch schneller vorangehen, als sie das ohnehin schon tut. Worüber sollen „Bunte“, „Hola“, „Hello“, „Gala“ & Co. denn sonst berichten? Das Glamour-Potenzial von Máxima der Niederlande, Letizia von Spanien oder Mary von Dänemark bringt immer noch mehr Auflage als Angela Merkels Dekolleté bei den Bayreuther Festspielen. Abstürze und Fehltritte von royalen schwarzen Schafen wie Prinz Harry aus dem Vereinigten Königreich oder der stets rebellischen Stéphanie von Monaco sind bessere Aufmacher als die tausendste Alkoholbeichte deutscher C-Prominenz. Worüber wollen wir uns zukünftig beim Friseur, im Zahnarzt-Wartezimmer oder mit der Kosmetikerin unterhalten? Etwa über Sinn und Unsinn des Europäischen Rats? Hm.

Wie soll sich ein gemeinsames europäisches Gefühl bilden und festigen, wenn wir nicht mal einen gemeinsamen offiziellen Feiertag haben? Ein Tag, an dem nicht gearbeitet werden muss, an dem den Bürgern eine große Party spendiert wird? Wer schon einmal am Koningsdag in den Niederlanden war, der weiß, wie sehr sich die meisten Niederländer auf diesen Tag freuen. Ein europäisches Königspaar könnte einen europaweiten Feiertag einführen, an dem wir gemeinsam feiern, bis der Leibarzt kommt.

Europäische royale Babys, neue europäische Stilikonen, Tourismuswirtschaftswunder und nie mehr unangenehme Gesprächspausen beim Friseur: Kann es da noch Argumente gegen eine paneuropäische Monarchie geben?

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Matthias Heitmann, Andreas Kern, Tobias Haas.

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Dieser Beitrag stammt aus Ausgabe 1/2015 des gedruckten „The European“.

Unsere Titeldebatte: Zwei Jahre nach der großen „Aufschrei“-Debatte ziehen wir eine ernüchternde Bilanz: Es hat sich kaum etwas geändert. Schlimmer noch, der Kampf um die Emanzipation der Frau wird noch immer mit Argumenten aus dem 19. Jahrhundert geführt. Grund genug, diese historische Debatte nachzuzeichnen.

Zudem: Drei Gedanken, die 2015 unseren Wohlstand retten. Ein Königshaus für Europa. Warum Armen und Reichen Deutschland scheißegal ist. Haltung in der Politik. Dazu Gespräche mit Jeffrey Sachs, Petra Pau, Jeremy Rifkin

Mehr Informationen und Bestellmöglichkeit in unserem Kiosk.

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