Das alles und noch viel mehr …

von Sandra Wickert1.02.2015Europa, Gesellschaft & Kultur

… würd’ ich machen, wenn ich König Europas wär’!

Euro- und Wirtschaftskrise, Desinteresse der Bürger an Europa sowie Skepsis gegenüber den Zielen der Europäischen Union: Die EU hat gerade keinen einfachen Stand. Zwar wächst einerseits eine „Euro-Generation“ heran, die zum Beispiel mithilfe des Erasmus-Programms in den letzten 25 Jahren eine Million europäischer Babys hervorgebracht hat. Andererseits lässt das Gemeinschaftsgefühl der Europäer noch zu wünschen übrig. Wir haben gemeinsames Geld, gemeinsame Gesetze und mit Esperanto zumindest theoretisch eine gemeinsame Sprache. Was fehlt, sind Identifikationsfiguren, die über die Staatsgrenzen hinaus Wirkung entfalten. Ist die Krönung eines europäischen Königspaars vielleicht die ultimative Lösung für die Genesung der kränkelnden EU?

Normalo-Royals als Identifikationsfiguren

Anachronistisch, teuer, überflüssig: Anti-Monarchisten, die für eine Abschaffung kämpfen, haben gewiss ihre berechtigten Argumente. Unter 28 EU-Mitgliedsstaaten gibt es acht Länder mit ­Monarchien, plus Fürstentümer. Während die Berechtigung der Monarchien in Spanien und Großbritannien stark angezweifelt wird, läuft es in den skandinavischen Ländern größtenteils wunderbar. Junge, unkonventionelle Thronfolgerpaare sind beim Volk beliebt und sorgen für volle Kassen in der royalen Tourismusindustrie. Widersprüche wie die gleichzeitige Existenz einer traditionsreichen Monarchie und eines modernen Sozialstaats sorgen für Diskussionen, werden aber mithilfe von medial inszenierten Highlights wie prunkreichen Hochzeiten, royalen Babys und Krankheitsbesuchen nivelliert.

Doch wenn man hier in Deutschland eine, nennen wir sie mal „leicht irrationale Begeisterung für die europäischen Monarchien“ zeigt, wird man gern dafür belächelt, wenn nicht sogar verachtet. Vorausgesetzt, der Freundeskreis besteht nicht aus den Menschen, die ein „Adel aktuell“-Zeitschriftenabo haben, Rolf Seelmann-Eggebert anbeten oder eine ansehnliche Sammlung royalen Merchandisings besitzen. Die Monarchie hat ein schlechtes Image unter aufgeklärten, jungen Europäern. Höchste Zeit für ein paar Gründe, warum die königlichen Hoheiten gerne noch für einige weitere Jahre ihr Zepter schwingen sollten.

Die skandinavischen Monarchien sind ein gutes Beispiel dafür, wie ein paar coole Prinzen und Prinzessinnen das Schnarch-Image der Monarchie umkehren und ein neues Gemeinschaftsgefühl unter den Bürgern schaffen können. Die alte Regel, dass nur bereits adelig Geborene es in die höchsten royalen Kreise schaffen können, wurde durch die Eheschließungen in Norwegen, Dänemark und Schweden außer Kraft gesetzt. Hey, gute Nachrichten: Egal, ob man ein einfacher Fitnesstrainer, eine Marketing-Expertin oder gar ein Partygirl mit dubioser Drogen-Vergangenheit ist – der Weg bis an die Spitze der Krone ist für jeden offen. Prinzen- und Königspaare zum Anfassen, Normalos wie du und ich; das kreiert sicherlich mehr Identifikationspotenzial als Merkel-Sauer, Hollande-Royal-Trierweiler? oder Napolitano-Bittoni.

Europäische Königshäuser erhalten viel Geld vom Staat – die Rede ist von mindestens zweistelligen Millionenbeträgen – und kosten jeden einzelnen Bürger auch sonst nicht gerade wenig. Doch, so liest man immer wieder, ist eine royale Kosten-Nutzen-Rechnung schwierig. Zwar geben sich Volkswirte nicht damit zufrieden, dass britische Fremdenverkehrsexperten die Einnahmen aufgrund royalen Tourismus auf ungefähr 500 Millionen Pfund schätzen – schließlich kämen die Besucher nicht nur wegen der Königsfamilie. Doch, Hand aufs Herz: Wer war in London, ohne den Buckingham Palace, die Kronjuwelen oder gar den Kensington Palace anzuschauen? Wäre es nicht immens beklagenswert, wenn es ab sofort keine Wachablöse mehr gäbe? Was würden wir statt Tassen, Tellern oder Schlüsselanhängern mit den royalen Konterfeis als Souvenirs kaufen?

Máxima schlägt Merkel

Gäbe es keine Monarchie mehr, würde die Zeitschriftenkrise noch schneller vorangehen, als sie das ohnehin schon tut. Worüber sollen „Bunte“, „Hola“, „Hello“, „Gala“ & Co. denn sonst berichten? Das Glamour-Potenzial von Máxima der Niederlande, Letizia von Spanien oder Mary von Dänemark bringt immer noch mehr Auflage als Angela Merkels Dekolleté bei den Bayreuther Festspielen. Abstürze und Fehltritte von royalen schwarzen Schafen wie Prinz Harry aus dem Vereinigten Königreich oder der stets rebellischen Stéphanie von Monaco sind bessere Aufmacher als die tausendste Alkoholbeichte deutscher C-Prominenz. Worüber wollen wir uns zukünftig beim Friseur, im Zahnarzt-Wartezimmer oder mit der Kosmetikerin unterhalten? Etwa über Sinn und Unsinn des Europäischen Rats? Hm.

Wie soll sich ein gemeinsames europäisches Gefühl bilden und festigen, wenn wir nicht mal einen gemeinsamen offiziellen Feiertag haben? Ein Tag, an dem nicht gearbeitet werden muss, an dem den Bürgern eine große Party spendiert wird? Wer schon einmal am Koningsdag in den Niederlanden war, der weiß, wie sehr sich die meisten Niederländer auf diesen Tag freuen. Ein europäisches Königspaar könnte einen europaweiten Feiertag einführen, an dem wir gemeinsam feiern, bis der Leibarzt kommt.

Europäische royale Babys, neue europäische Stilikonen, Tourismuswirtschaftswunder und nie mehr unangenehme Gesprächspausen beim Friseur: Kann es da noch Argumente gegen eine paneuropäische Monarchie geben?

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die AfD ist der Aufstand der Straße gegen die Zumutung des kategorischen Imperativs

Die mangelnde Problemlösungsfähigkeit, die den regierenden Parteien in Umfragen unterstellt wird, scheint mir das eigentliche Problem. Keiner behauptet, die AfD könne die Probleme lösen oder habe die Konzepte dafür; sie ist reine Protestpartei, inhaltlich nichts sagend.

Die DDR kommt wieder!

Zwei Drittel der Berliner befürworten einen Mietendeckel, wenn die Mieten zu stark ansteigen. Das Bundesverfassungsgericht sagt, dass „preisrechtliche Vorschriften, die durch sozialpolitische Ziele legitimiert werden, verfassungsrechtlich nicht ausgeschlossen sind“. Die Mietpreisexplosion in Be

Die AfD verändert die politische Geographie

Am 1. September wird in Brandenburg und Sachsen gewählt. Die ermatteten Volksparteien bekommen ihre Quittung für eine Politik politischer Lethargie. Die AfD pflügt seit Wochen die politische Landschaft um, aber warum hat sie so eine Macht in Ostdeutschland?

Die GroKo versagt in der Migrationspolitik

Die Bilder aus Lesbos sind ein Menetekel: Der „Türkei-Deal“ ist gescheitert. Die Balkanroute ist wieder offen, aber die Regierung verschließt die Augen. Die GroKo versagt auf ganzer Linie, nicht nur in der Migrationspolitik.

Deutschland investiert kaum noch und unsere Infrastruktur wird marode

Die schwarze Null und die Schuldenbremse sind einer der Götzen neoliberaler Politik. Seit einem Jahrzehnt weisen wir auf die verheerende Wirkung dieser Politik hin: unsere Schulen und Straßen sind in schlechtem Zustand, Schwimmbäder und Bibliotheken schließen, Brücken und Bahnhöfe verfallen. D

Auf welchem Stern lebt Peter Altmaier?

Ich frage mich wirklich, auf welchem Stern unser Wirtschaftsminister lebt, um einen solchen Unfug abzusondern. Aber es ist die typische Haltung von Regierenden im Raumschiff Berlin, fernab von der Lebenswirklichkeit, nichts mit den Menschen vor Ort im Sinn, überheblich und unverbesserlich.

Mobile Sliding Menu