Er ist Papst

von Matthias Sailer6.11.2012Außenpolitik

Die jahrelange Regimetreue der koptischen Christen in Ägypten erwies sich als kontraproduktiv. Mit der Wahl des neuen Papstes spricht einiges für eine weniger politisierte Rolle des Kirchenoberhauptes.

In einer spektakulären Zeremonie wurde am Sonntag der neue koptische Papst bestimmt. Es war ein Kind, das über das Losverfahren den neuen Papst auswählte: während eines Gottesdienstes griff der kleine Junge mit verbundenen Augen und vor laufenden Kameras in eine Glasurne und wählte so den neuen Papst. In dem Gefäß befanden sich drei Zettel mit den Namen der drei Kandidaten. Durch dieses ungewöhnliche Verfahren soll sichergestellt werden, dass es am Ende Gottes Wille ist, der über den zukünftigen Papst entscheidet. Das neue koptische Kirchenoberhaupt heißt Bischof Tawadros Basil El-Dabh. Tawadros ist 60 Jahre alt und wird Nachfolger des im März verstorbenen Papstes Schenuda III. Schenuda war 40 Jahre lang Papst der koptischen Kirche in Ägypten, wo Schätzungen zufolge etwa acht Millionen Christen leben.

Erfolglose Kooperation mit Mubarak

An den neuen Papst werden hohe Erwartungen gestellt. Vor allem die Frage, wie politisch das neue Kirchenoberhaupt sein wird, bewegt die Gläubigen. Der verstorbene Papst Schenuda III. sah sich auch als politischer Repräsentant der Kopten: Trotz seiner Popularität kritisierten viele seine Nähe zum Mubarak-Regime und vergaßen nicht, dass er zu Beginn der ägyptischen Revolution 2011 die Kopten aufgefordert hat, nicht an den Anti-Regimeprotesten teilzunehmen. Offenen Widerstand gegen die politische Bevormundung gab es seit dem Bombenanschlag auf eine Kirche in Alexandria Ende Dezember 2010, bei dem 27 Christen starben. Damals, also etwa drei Wochen vor Ausbruch der Revolution, gingen vor allem jüngere Kopten auf die Straße und demonstrierten gegen die Gewalt und Diskriminierung der Kopten in Ägypten — gegen den Willen Schenudas. Seitdem sind zahlreiche koptische Gruppierungen entstanden, die ihre politische Meinung unabhängig von der Kirche öffentlich kundtun.

Einige von ihnen argumentieren, dass das politische Auftreten der Kirche das Misstrauen vieler Islamisten gegenüber den Kopten nur noch verstärkt hätte. Wieder andere betonen, dass Schenudas Strategie, eng mit dem Regime zu kooperieren, nicht erfolgreich war. Die immer wieder aufgeflammte Gewalt gegen die Kopten scheint ihnen recht zu geben. Mubarak verstand es nur zu gut, Islamisten und Christen gegeneinander auszuspielen, um seine eigene Herrschaft zu sichern: den Islamisten präsentierte er sich als Bollwerk gegen angebliche Christianisierungsbestrebungen, den Christen hingegen als ihr Schutzherr gegen die Islamisten. So profitierte er von den Spannungen zwischen beiden Gruppen.

Verfechter einer weniger politischen Rolle der Kirche

Auch an anderer Front gab es Kritik am Papst. Schenuda gehörte zu den erzkonservativen Vertretern der Kirche, wenn es um das Thema Scheidungsrecht ging. Als Scheidungsgrund akzeptierte er nur Ehebruch, nicht aber zum Beispiel häusliche Gewalt. Die einzige Möglichkeit, einer unglücklichen Ehe zu entkommen, ist daher der Übertritt zu einer anderen Religion. Doch damit gehen gesellschaftliche Ächtung und häufig der Ausstoß aus der eigenen Familie einher. Da die Kirche in Sachen Familienrecht große Autonomie vom Staat genießt, gibt es kaum Alternativen.

Tawadros gilt als Verfechter einer weniger politischen Rolle der Kirche. Inwieweit er dies umsetzen wird, bleibt abzuwarten. Seitdem die Muslimbrüder und auch die Salafisten die Politik des Landes dominieren, haben viele Christen Angst um ihre Zukunft. Immer wieder gibt es Übergriffe auf die ohnehin in vielen Bereichen diskriminierten Christen, die meist ungeahndet bleiben. Dass Tawadros die Kirche in diesem Umfeld auf einmal aus der Politik heraushalten wird, scheint unwahrscheinlich. Mittel- und langfristig könnte es jedoch durchaus zu einem schrittweisen Rückzug kommen. Tawadros befürwortet politisches Engagement der Kopten unabhängig von der Kirche. Dieser zukünftige Trend zur Reduzierung der politischen Einflussnahme des Klerus spiegelte sich bereits in der Wahl der Kandidaten wider: vor dem Losverfahren gab es eine Reihe weiterer Auswahlverfahren, bei denen sowohl Gläubige als auch Kirchenvertreter abstimmten. Die letzten fünf der so selektierten Kandidaten galten alle als eher unpolitisch.

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