Muslimbrüder im Sinkflug

Matthias Sailer2.05.2012Außenpolitik

Die Muslimbrüder verlieren in den Umfragen kurz vor den Wahlen in Ägypten an Rückhalt. Jetzt läuft alles auf ein Duell zwischen dem ehemaligen Mubarak-Minister Amr Mussa und dem moderat-religiösen Abul Fotuh hinaus.

Vor wenigen Monaten noch undenkbar, heute Realität: die Popularität der Muslimbrüder ist gesunken, die Organisation innerlich zerrissen und auch die Umfragewerte liegen am Boden. Die Aussichten auf einen Sieg in den Präsidentschaftswahlen sind gering. Was ist passiert und wer wird die Wahlen nun gewinnen? Am Sonntag gab die salafistische Nour-Partei, also dieselbe Partei, die in den Parlamentswahlen etwa 25 Prozent der Sitze gewonnen hat, überraschend bekannt, dass sie nicht den Präsidentschaftskandidaten der Muslimbruderschaft, Mohamed Morsi, sondern den moderat-islamischen Abdel Moneim Abul Fotuh unterstützen wird. Auch andere salafistische Organisationen folgten diesem Schritt. Das ist bemerkenswert, da Morsi den extrem-konservativen Salafisten ideologisch weit näher steht als der auch bei den eher säkulareren Revolutionären beliebte Abul Fotuh. Dahinter steckt einerseits die Einschätzung, dass Abul Fotuh der stärkste religiöse Kandidat sein dürfte, aber auch das Misstrauen vieler Salafisten gegenüber den Bestrebungen der Muslimbrüderschaft, nahezu alle politischen Machtzentren, also Parlament, Verfassunggebende Versammlung, Regierung und das Präsidentenamt, für sich zu beanspruchen.

Schwerer Schlag für die Muslimbrüder

Für die Muslimbruderschaft ist dies ein schwerer Schlag. Seitdem sie die Verfassunggebende Versammlung dominieren wollte und entgegen vorheriger Ankündigung einen eigenen Präsidentschaftskandidaten ins Rennen schickte, war die Organisation nicht nur von allen anderen politischen Oppositionslagern, der Bevölkerung und dem Militärrat unter Beschuss geraten, sondern auch intern begann es zu brodeln. Viele ihrer Mitglieder und auch einige Parlamentsabgeordnete waren bereits gegen die einseitige Besetzung der Verfassunggebenden Versammlung. Doch am problematischsten war die Entscheidung, einen eigenen Kandidaten aufzustellen. Der moderate Abul Fotuh war bis Anfang vorigen Jahres ein führendes und sehr populäres Mitglied der Organisation. Als er jedoch ankündigte, für das Präsidentenamt kandidieren zu wollen, wurde er aus der Bruderschaft ausgeschlossen, da diese zu diesem Zeitpunkt die Linie vertrat, keinen eigenen Kandidaten aufzustellen. Federführend war damals ausgerechnet Chairat El-Schater, der später Präsidentschaftskandidat wurde, jedoch von der Wahlkommission ausgeschlossen wurde. Die Entscheidung, einen eigenen Kandidaten aufzustellen, war äußerst knapp getroffen worden und hat die Organisation gespalten, zumal mit Abul Fotuh ein sehr beliebter externer religiöser Kandidat zur Wahl steht. Nicht wenige der jüngeren Mitglieder dürften daher heimlich für Abul Fotuh stimmen. Auch die moderat-islamische Wasat-Partei, die sich einst von der Bruderschaft abgespalten hatte, hat ihre Unterstützung für Abul Fotuh erklärt, ebenso wie andere religiöse Organisationen. Doch damit nicht genug. Spätestens seit Aufstellung eines eigenen Präsidentschaftskandidaten führen vor allem die staatlichen Medien eine aggressive Schmutzkampagnie gegen Muslimbrüder und Salafisten. Der vorläufige Höhepunkt wurde erreicht, als in der regierungsnahen Zeitung „Al-Ahram“ behauptet wurde, es würde ein Gesetzentwurf im von den Islamisten dominierten Parlament diskutiert werden, nach dem Sex mit der verstorbenen Ehefrau auch noch sechs Stunden nach deren Tod erlaubt wäre. Die Geschichte ist frei erfunden und lässt sich auf eine dem Mubarak-Regime nahestehende Quelle zurückführen.

Zweikampf zwischen Mussa und Fotuh

Der Liebesentzug und die Schmierkampagne hinterlassen ihre Spuren: in der jüngsten Umfrage des Al-Ahram Center für Strategische und Politische Studien liegt der Kandidat der Muslimbrüder bei gerade mal 3,6 Prozent. Abul Fotuh kommt auf 27,3 Prozent. Abul Fotuhs Wert wäre heute wohl sogar noch höher, da die Umfrage vor der Bekanntgabe der Unterstützung der vielen anderen religiösen Parteien stattfand. Die Liste wird von Mubaraks langjährigem ehemaligen Außenminister Amr Mussa mit 41,1 Prozent angeführt. Das Institut gab zudem bekannt, dass 45 Prozent der Wähler, die in den Parlamentswahlen für die Partei der Muslimbrüder stimmten, diese jetzt nicht mehr wählen würden. Doch bei den meisten Umfragen ist große Vorsicht angebracht. Sowohl das Al-Ahram Center als auch ein weiteres Umfrageinstitut werden von ehemaligen Mubarak-Funktionären geleitet, was bedeutet, dass sie großes Interesse haben, Amr Mussa stark und die Islamisten schwach darzustellen. Der Grundtrend lässt sich jedoch auch auf der Straße bestätigen: Die Popularität der als machthungrig angesehenen Muslimbrüder hat erheblich gelitten. Auch die salafistische Nour-Partei hat viele Anhänger verloren und würde heute weniger Stimmen bekommen. Im Moment sieht es also nach einem Zweikampf zwischen Amr Mussa und Abul Fotuh aus. Doch auch Mubaraks letzter Premierminister, Ahmed Schafik, sollte allein schon wegen seiner Militär-Vergangenheit noch nicht abgeschrieben werden: ab Dienstagabend wird sein Gesicht auf unzähligen großformatigen Werbeflächen in Kairo zu sehen sein, auf denen man bereits seit Wochen lesen konnte: „Der Präsident“.

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