Päpstliche Diktatur

von Matthias Sailer11.01.2012Außenpolitik

Bei der Weihnachtsfeier in Ägypten hofierte der koptische Papst ausgerechnet die Generäle des herrschenden ägyptischen Militärrats. Mit seinem Verhalten versucht er, konservative Kirchenpolitik ins neue Ägypten zu retten.

Es war ein für die Angehörigen der jüngsten Opfer in Ägypten wohl kaum zu ertragendes Bild: Der koptische Papst Schenuda III begrüßte herzlich die in der ersten Reihe auf bequemen Ledersesseln sitzenden Generäle. Unter ihnen waren sowohl die Nummer zwei des Militärrats, Sami Anan, als auch Hamdi Baden, der Befehlshaber der Militärpolizei, die maßgeblich in die “Gewaltausbrüche gegen eine Demonstration überwiegend koptischer Christen”:http://www.theeuropean.de/alexander-goerlach/8424-gewalt-in-kairo-2 vor dem Gebäude des Staatsfernsehens („Maspero“) im Oktober involviert war. Bei den Auseinandersetzungen starben mindestens 27 Menschen, viele von ihnen an Schusswunden und durch in die Menge rasende Radpanzer. Das Militär war auch für die letzte Gewaltorgie gegen Demonstranten vor dem Parlamentsgebäude verantwortlich, bei der äußerst brutal gegen Frauen vorgegangen wurde.

Enges Verhältnis zum Regime

Doch als der Papst seine Grüße entrichtete, brachten einige Kirchenbesucher zum Ausdruck, was sie von all dem hielten: „Nieder mit der Militärherrschaft“, antworteten sie ihm in gut hörbaren Sprechchören. Diese Gläubigen stehen für eine neue Generation junger zunehmend obrigkeitskritischer Christen, die den autoritären Führungsstil des koptischen Klerus in politischen Fragen kritisieren. Die „Maspero Jugendallianz“ sprach sich klar gegen eine Einladung von Mitgliedern des Militärrats aus und protestierte damit gegen dessen Gewalt und auch gegen die immer fortwährenden Verzögerungen bei den Untersuchungen von Angriffen auf christliche Kirchen, zum Beispiel den vor einem Jahr in Alexandria ausgeführten Bombenanschlag, bei dem 24 Menschen starben. Viele vermuten längst, dass das Innenministerium selbst hinter der Attacke steht. Diese Vermutung ist nicht abwegig, da sie sich gut in die über Jahrzehnte angewandte Strategie Mubaraks und auch seines Vorgängers Sadat einreihen würde, durch das Anheizen von Gewalt zwischen Muslimen und Christen beide Parteien gegeneinander auszuspielen. Anschließend präsentierten sich die Autokraten den beiden Gruppen jeweils als Schutzherr gegenüber der anderen Gruppe. Papst Schenuda hat über viele Jahre hinweg ein enges Verhältnis zu Mubaraks Regime gepflegt, was sich auch darin zeigte, dass er die Kopten im Januar 2011 aufforderte, nicht an den Demonstrationen gegen Mubarak teilzunehmen. Auch profitierte der Klerus teilweise selbst von dessen Regime: Es garantierte ihm weitestgehende Autonomie in Fragen des Familienrechts, was der Kirche zu erheblicher Macht über seine Mitglieder verhalf. Durch die äußerst konservative Bibelinterpretation führte dies jedoch auch zu Spannungen unter den Gläubigen: während sein Vorgänger zum Beispiel noch neun Gründe für Scheidung akzeptierte, schaffte Schenuda, seit 1971 Papst, diese ab, sodass nur noch Ehebruch als Scheidungsgrund toleriert wurde. Dies führte dazu, dass Frauen, die von ihren Ehemännern zum Beispiel geschlagen wurden, häufig zum Islam konvertierten, um dieser Gewalt zu entkommen und neu heiraten zu können.

Die Scharia erscheint liberal

In einer konservativen Gesellschaft wie der ägyptischen kommt dies jedoch häufig einer sozialen Ächtung durch die Familie gleich. Diese vom Klerus eingeschränkte Freiheit spielte auch immer wieder eine Rolle bei Gewaltausbrüchen zwischen Muslimen und Christen – dann nämlich, wenn die Kirche versuchte, bereits zum Islam konvertierte Frauen wieder fürs Christentum zurückzugewinnen. Dieses strikte koptische Scheidungsrecht führte bereits zu Kirchenaustritten und so absurd es klingt: die islamische Scharia ist im Vergleich zum koptischen Scheidungsrecht geradezu liberal. Dass der Papst von den meisten Kopten dennoch respektiert wird, liegt vor allem daran, dass die koptischen Christen in der Vergangenheit systematisch politisch und auch wirtschaftlich diskriminiert wurden und die Gemeinschaft der Kirche daher für viele Schutz bot. Auch das Schüren religiöser Spannungen durch das Regime, wodurch es zu zahlreichen Angriffen von Islamisten auf Kirchen und Christen kam und noch kommt, unterstützt diese Haltung.

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