Blanker Wahnsinn

Matthias Sailer16.11.2011Außenpolitik

Ein Militärschlag gegen den Iran würde den Arabischen Frühling gefährden und Teile der Region in Brand setzen. Obwohl die militärische Option völlig unnötig und unsinnig ist, verfallen viele Politiker in den USA und Europa dieser Idee.

Seit knapp zwei Wochen wird nun beinahe täglich über einen möglichen Militärschlag der USA und/oder Israels gegen Iran diskutiert. In Israel befeuerten die Äußerungen Benjamin Netanjahus und Schimon Peres’ die Diskussion, die inzwischen auch in den USA und Europa zum Teil martialisch fortgeführt wird. Zahlreiche von „regierungsnahen Quellen“ informierte Medien weckten den Eindruck, dass die militärische Option, das iranische Atomprogramm zu beenden, immer wahrscheinlicher werden würde. Aber warum sollte irgendjemand zum jetzigen Zeitpunkt ernsthaft in Erwägung ziehen, einen Militärschlag gegen den Iran auszuführen? Würde das nicht große Teile der Region in Brand setzen und den Arabischen Frühling aufs Spiel setzen? Würden Israel und die USA dadurch nicht noch viel mehr Verachtung und Hass gegen sich selbst säen und damit gegen ihre eigenen Interessen handeln? Und vor allem: Wäre ein solches Vorgehen nicht ohnehin schlicht völlig unnötig?

Verheerende Folgen für den arabischen Raum

Ein Angriff Irans durch die USA und Israel hätte verheerende Folgen für die Region: Autoritäre Golfstaaten wie Saudi-Arabien oder Bahrain, allesamt verfeindet mit Iran, würden mit hoher Wahrscheinlichkeit in militärische Auseinandersetzungen mit dem Iran hineingezogen werden – nicht zuletzt weil sich dort amerikanische Militärbasen befinden, die Ziel iranischer Angriffe werden würden. Jegliches weitere demokratische Aufbegehren in diesen Staaten würde schließlich im Keim erstickt werden, da es die dortigen Herrscher bisher gut verstanden haben, die ohnehin kleinen Demokratiebewegungen als von Iran gesteuert zu delegitimieren. Auch im ägyptischen Militärrat würden sich im Falle eines Angriffs auf Iran sicher viele Generäle die Hände reiben. Es ist kein Geheimnis mehr, dass dieser versucht, seine Machtstellung zu zementieren, und nicht nach mehr Demokratie strebt. Auch ohne direkte Einbindung würde sich eine starke Hand an der Spitze des Staates „in solch gefährlichen Zeiten“ angesichts israelischer Aggression gut in der Bevölkerung verkaufen lassen. Ebenso würde das syrische Regime, der Verbündete Irans, gestärkt werden: es würde die innenpolitische Diskussion weg von der brutalen Niederschlagung der Demokratiebewegung hin zu Israels militärischer Aggression lenken. Politisch Unentschlossene würden wieder mehr der Propaganda Assads verfallen. Wegen der Gräueltaten des Regimes würden diese Effekte zwar geringer ausfallen als noch vor einem Jahr, wirken würden sie dennoch. Aber nicht nur kriegerische Auseinandersetzungen und ein rascher Saisonwechsel hin zu einem „Arabischen Herbst“ wären wahrscheinlich. Auch die langfristigen Folgen für Israel und die USA wären verheerend: Für die meisten Menschen der Region (einige wenige am Golf ausgenommen) wären sie einmal mehr entlarvt als Staaten, die ihre Interessen mit militärischer Gewalt durchsetzen und die sich nicht um Demokratie und Menschenrechte scheren, sobald sie nicht mit ihren Interessen vereinbar sind. Der Hass auf die USA und Israel würde noch mehr zunehmen, ihre Glaubwürdigkeit noch weiter abstürzen und über den sogenannten Friedensprozess bräuchte man auch nicht mehr sprechen. Auch die Doppelmoral dieser Staaten würde wieder Gesprächsstoff auf den Straßen der Region sein: Wie soll man den Menschen erklären, dass Nordkorea, Pakistan und Israel Atomwaffen haben dürfen, Iran aber nicht? Sind Kim Jong Il und pakistanische Taliban weniger unberechenbar und gefährlich als Ahmadinedschad & Co.? Und warum darf Israel, dessen Regierungen über drei Millionen palästinensische Flüchtlinge zu verantworten haben und die Menschenrechte der noch verbliebenen Palästinenser seit Jahrzehnten mit Füßen treten, über Atomwaffen verfügen? Das ist den in der Region lebenden Menschen schlicht nicht vermittelbar.

Ein Atomkrieg bedeutet das Ende Israels

Aber selbst wenn man all diese Aspekte ausblendet: Ein umfassender Atomschlag Irans gegen Israel hätte die Zerstörung und Verstrahlung dieses kleinen Landes zur Folge – Jerusalem, die drittheiligste Stätte im Islam, inklusive. Das kann selbst ein verrückter Islamist nicht wollen. Ein zu schwacher Atomschlag hingegen hätte zwangsläufig einen umfangreichen atomaren Gegenangriff Israels zur Folge – und bei all dem sprechen wir noch gar nicht von der Reaktion der USA. Zusammengefasst: Selbst wenn der Iran eine Atombombe hätte, wäre ihr Einsatz völliger Unsinn: Er hätte in jedem Fall einen massiven Gegenschlag (durch Israel oder die USA) zur Folge, er würde heiliges Land auf Jahrzehnte verstrahlen und viele Palästinenser töten. Warum in aller Welt würde also ernsthaft jemand mit gesundem Menschenverstand erwägen, einen Militärschlag gegen das iranische Atomprogramm auszuführen? Die Antwort fällt kurz aus: entweder der gesunde Menschenverstand fehlt oder die Erwägungen sind gar nicht so ernst gemeint und haben andere Ziele, wie z.B. die Zustimmung zu noch schärferen Sanktionen. So weit zu gehen, Israels Regierung die Niedertracht zu unterstellen, gegen einen demokratischen Nahen/Mittleren Osten zu sein, um sich so vor dem Willen neuerdings einflussreicher arabischer Bevölkerungen zu schützen, und deshalb das iranische Atomprogramm zum Vorwand zu nehmen, den Arabischen Frühling zu torpedieren, möchte ich nicht.

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