Bildung ist hoffnungslos unterfinanziert. Harald Christ

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Die Revolution in Ägypten hat das Land umgekrempelt – und die Welt verändert. Die Zukunft gehört dem netzaffinen Bürger.

Im August 2012 stand ich auf einer Stockholmer Konferenz vor Tausenden von Medienschaffenden und hielt eine Rede. Die Konferenz fand in einem ehemaligen Schlachthaus statt, und ich kam nicht umhin zu denken: Was für eine passende Umgebung, um endlich über die Lügen und Manipulationen der ägyptischen Medien zu sprechen – über die jahrzehntelange Fernseh-Propaganda und auch über die Unwahrheiten, die seit dem Beginn der Revolution vor zwei Jahren verbreitet werden.

Die Politisierung der ägyptischen Gesellschaft ist eng verbunden mit dem Informationsaustausch über das Netz. Jeder konnte teilhaben, konnte sich mitten ins Geschehen hineinversetzen, Updates lesen und Videos anschauen, die von Aktivisten hochgeladen wurden. Die staatlichen Nachrichtenkanäle waren überflüssig geworden. Für den durchschnittlichen Ägypter wurde plötzlich deutlich, wie stark die Realität der Straße und die Schein-Realität der Fernsehsendungen auseinanderklafften.

Im Laufe von zwei Wochen haben Bürgerjournalisten es Anfang 2011 geschafft, die staatliche Propagandamaschinerie bloßzustellen und Anhänger zu gewinnen. Im Netz lässt sich heute noch nachverfolgen, welches enorme journalistische und fotografische Talent auf einmal ans Tageslicht kam. Manche der Bürgerjournalisten sind in Ägypten zu veritablen Stars geworden; ihre Arbeit zeigt Wirkung jenseits lokaler Grenzen.

Weltweite Wirkung

Die Schockwellen des Arabischen Frühlings haben Menschen in über 82 Ländern und in über 950 Städten auf jedem bewohnten Kontinent der Erde erreicht. Die Slogans vom Tahrir-Platz sind zu globalen Forderungen über Freiheit und Gerechtigkeit geworden. Es überrascht mich nicht, dass die Occupy-Bewegung auf die gleichen Kommunikationsmittel gesetzt hat wie Aktivisten in Ägypten, Jemen, Libyen und Tunesien. Ihre Waffen waren Laptops, Smartphones, Digitalkameras, Facebook, YouTube und Twitter.

Wenn ich mir ansehe, was ich selbst im Dezember 2010 gepostet habe, dann sind das vor allem Links zu Nachrichtenseiten. Ein paar Wochen später hatte sich der Spieß umgedreht. In sozialen Netzwerken wurden die Fotos verbreitet, die ich beispielsweise auf dem Tahrir-Platz gemacht hatte; wir haben uns gegenseitig über Status-Updates informiert. Im Sommer 2011 war ich unter anderem in Schweden und in den USA und bekam gesagt, dass ich doch für die Präsidentschaft kandidieren solle. Noch wenige Monate zuvor wäre das ein lächerlicher Gedanke gewesen: Ich, eine verschleierte, muslimische Frau?

Hunderte von Aktivisten haben eine ähnliche Erfahrung gemacht und ihre sozialen Netzwerke dazu benutzt, um zu berichten, zu analysieren, aufzuklären, Aufmerksamkeit zu generieren und sich politisch zu bilden. Inzwischen werden ganze Bücher darüber geschrieben.

Zwei Jahre später ist das sicherlich einer der bleibenden Eindrücke der Revolution. Das Durchschnittsalter in Ägypten liegt bei 24 Jahren, 70 Prozent der Menschen in der arabischen Welt haben inzwischen einen Internetzugang. Wir reden direkt miteinander und verändern die Welt – wer braucht da noch traditionelle Medien?

Das Ende der Katzenbilder

Soziale Netzwerke sind seit 2011 nicht lediglich dazu da, Bilder von Partys oder Katzen zu verbreiten, sondern sind zu alternativen Medien herangereift. Facebook ist eine globale Nachrichtenagentur mit vielen Millionen Redakteuren und Empfängern. Sogar einflussreiche Nachrichtenorganisationen schauen heute zuerst ins Internet – und versuchen verzweifelt, Schritt zu halten.

Dank der Arbeit zahlloser Bürgerjournalisten haben es die klassischen Medien inzwischen sogar akzeptiert, verwackelte Videos und unscharfe Fotos zu verwenden. Ich glaube, das ist authentischer als die vorsichtig gestellten und auf Hochglanz getrimmten Bilder, die vorher die Nachrichtenlandschaft dominiert haben. Ich selbst habe seit Jahren nicht mehr für eine gedruckte Publikation geschrieben. Online kann ich meine Artikel innerhalb weniger Stunden sehen und außerdem mit Lesern in der ganzen Welt interagieren. Die Grenze zwischen sozialen und „normalen“ Medien verschwimmt immer stärker.

Am Ende meiner Rede in Stockholm habe ich ein Foto gezeigt, auf dem ein Demonstrant mit Smartphone vor einem schwer bewaffneten Soldaten steht. Keine Frage: Der Demonstrant hat mehr Macht. Diese neue Dynamik konnten wir erst kürzlich wieder beobachten, als sich das israelische Militär und die Hamas über Facebook und Twitter einen Infokrieg lieferten (zeitgleich mit der eigentlichen Militäroffensive im Gaza-Streifen). Am Ende konnten Journalisten und Aktivisten feststellen, dass die Palästinenser zumindest im Netz siegreich waren: #GazaUnderAttack und #PrayForGaza waren viraler als die Hashtags der Israelis. Auch das war wieder eine Schlacht zwischen einer gut geölten Propagandamaschinerie und dem Bürgerjournalismus. Junge Palästinenser haben es geschafft, die weltweite Diskussion des Konflikts durch ihre Videos und Fotos zu beeinflussen.

In der „New York Times“ hat der Kolumnist Thomas Friedman seinen Nachrichtenkollegen vor einiger Zeit einen simplen Ratschlag gegeben: „Das Klügste ist, einfach den Mund zu halten und sich Notizen zu machen.“

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Kristin Jankowski, Dirk Emmerich, Andreas Püttmann.

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