Ich bin ein Berliner! John F. Kennedy

Der Geist der Freiheit

Präsident Mubarak ist zurückgetreten. Die Entwicklung der kommenden Tage ist völlig offen. Nur eines ist klar: Wer einmal die Luft der Freiheit gerochen hat, wird sich nicht wieder unterjochen lassen.

Seit mehreren Wochen pilgere auch ich regelmäßig zum Tahrir-Platz, bewaffnet mit einer Kamera und dem Bedürfnis, diese Tage und Stunden inmitten der ägyptischen Bevölkerung zu verbringen. Man konnte deutlich erkennen, dass sich ein Geist des Aufbruchs auf den Straßen Kairos breitmachte und jeden Tag stärker wurde. Das Beeindruckendste daran waren für mich die fehlenden Grabenkämpfe innerhalb der Opposition. Menschen unterschiedlicher Herkünfte, politischer Orientierungen und Glaubensrichtungen nahmen an den Protesten teil und haben inmitten vom Tahrir-Platz die Saat eines utopischen politischen Aufbruchs gehütet. Wochenlang haben die Menschen auf dem Boden geschlafen und trotzdem ihre Begeisterung und ihren Durchhaltewillen behalten. Mit jedem meiner Besuche wurden die Demonstranten entschlossener.

Das Ägypten der Menschen

Architekten haben mit den Organisatoren auf dem Platz über logistische Fragen diskutiert. Ärzte verteilten Handzettel mit Gesundheits- und Sicherheitshinweisen und boten in Medizinzelten kostenlose Vitamintabletten an. Freiwillige organisierten eine Müllabfuhr, reinigten täglich den Platz von Dreck und Abfall und führten sogar eine Mülltrennung ein – inmitten der Revolution. Einer dieser Freiwilligen sitzt im Rollstuhl. Bei den Special Olympics hatte er mehrere Medaillen gewonnen, die er stolz präsentierte. Er wollte „sein Ägypten aufräumen“. Diese Rhetorik hört man von vielen Demonstranten: Ägypten gehörte einmal der Elite. Jetzt ist es das Ägypten der Menschen.

Trotz der Abwesenheit der Polizei gab es keine einzige Beschwerde über sexuelle Belästigung auf dem Tahrir-Platz. Für Ägypten ist das ein Meilenstein. Gleichzeitig haben Freiwillige eine Schule für Kinder organisiert, die aufgrund der Proteste den normalen Unterricht verpassen. Die Liste lässt sich beliebig fortführen: Ein Taxifahrer erzählte mir, er sei eigentlich Dichter. Weil er Korruption anprangerte, war er nach den Regeln des Ausnahmezustandes verhaftet und eingesperrt worden. Die Taxifahrt wurde für uns beide zur Wohltat inmitten der Unruhen: er war froh über seine Zuhörerin, ich war tief gerührt von seinen rezitierten Gedichten. Das ist vielleicht der größte Erfolg der Revolution: Wir entdecken unsere Mitmenschen neu.

Vor allem die Transparente der Demonstranten haben mich beeindruckt. Welche Kreativität! Bei den meisten Protesten sind die Botschaften vorformuliert oder zumindest inhaltlich ähnlich. Nicht hier. Jeder schien sich die Sorgen von der Seele zu schreiben und zu zeichnen – vor allem auch die arme Bevölkerung.

Die Zeit der Stagnation ist vorbei

Das ist eine Dynamik, die wir der Revolution verdanken. In diesem Kontext ist es auch erst einmal egal, wie die politische Entwicklung der kommenden Wochen verläuft. Ich glaube daran, dass wir Ägypter unser Land wieder aufbauen werden – unabhängig davon, welcher Politiker jetzt welche Entscheidungen trifft. Mit dem Ende der Ära Mubarak endet auch die Ära der Stagnation.

Ein Freund aus Frankreich hat mir vor Kurzem folgendes erzählt: „Die Französische Revolution wird ihren Wert als historisches Vorbild in den Augen der Welt verlieren. Von jetzt an werden sich Revolutionen am Beispiel Ägypten orientieren – an der Inspiration, dem Charisma, den Emotionen und der Dynamik einer Revolution des Volkes.“

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Kristin Jankowski, Dirk Emmerich, Andreas Püttmann.

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