Burn it, rip it

von Sabine von Wegen14.07.2010Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft

Ein Urheberrecht wird immer dann eingefordert, wenn sich ein Werk medial vervielfältigen lässt. Die aus dem Verlagswesen stammenden Urheberrechtsgesetze greifen heute ins Leere, da sich Musik in der digitalen Kultur entmaterialisiert und durch Privatkopien weitergegeben wird. Abhilfe kann hier nur eine “Kulturflatrate” schaffen.

Raubkopierer überall – was muss passieren, damit Musikliebhaber wieder auf dem Pfad der Tugend wandeln und Musiker angemessen entlohnt werden können? Es sind derzeit Modelle im Gespräch, die eine mit dem Internetanschluss gekoppelte Pauschalabgabe vorschlagen, eine Art Musiksteuer, die den Musikschaffenden zugutekommt. Nicht die Bezahlung einzelner Alben und Tracks, sondern eine “Kulturflatrate” ist die Idee – die nicht neu ist, sondern schon in den 60er Jahren mit einer “Geräteabgabe” in Deutschland für Tonbandgeräte angewandt wurde.

Die Kopie ist in der Popkultur per se verankert

In der popkulturellen Vervielfältigungskultur befinden sich seit der Digitalisierung die Produktionsmittel in der Hand des Volkes. So wie Gutenbergs Druckerpresse das Monopol des Wissens auflöste, machen digitale Geräte das Produzieren und Vervielfältigen von Musik für jeden technisch realisierbar. Mit dem Internet kommt die virtuelle Brücke zur Außenwelt hinzu, die noch nicht einmal mehr eine analoge Kopie erfordert, sondern einen globalen Teilungsprozess von Daten in High Speed ermöglicht. Ein Song hatte historisch gesehen nie den Anspruch, ein Unikat zu sein. Musik lebt von der Weitergabe, dem Plagiat, dem Zitat, der Reinterpretation, dem Remix, der Appropriation, von Rip-off und Kopie. Die Popkultur selber loopt sich mit Samples und Coverversionen. Seit die analoge Welt von der digitalen abgelöst wurde, gibt es nicht mehr das Manko des Qualitätsverlustes bei privatem Copying. Musiker und Labels stehen vor der Frage, wie sich in dieser Situation noch anständig Geld verdienen lässt.

Das Scheitern von Digital Rights Management

Mit der steigenden Musiknachfrage über das Internet wurde vor allem seitens der Major-Labels nach neuen Geschäftsmodellen gesucht und man erfand: DRM. Digital Rights Management, eine Methode, die verschiedene Verschlüsselungstechniken von digitalen Daten umschreibt und eine nutzungsbeschränkte Lizenzierung gewährleistet. Nach der Einführung von DRM erschien es den Konsumenten nun allerdings noch attraktiver, Musik illegal aus dem Netz zu laden, denn diese konnte ohne lästige Restriktionen wie gewohnt auf beliebig vielen Playern gehört werden. “Umdenken” hieß es allerorten, konstruktive Überlegungen machte man sich aber nur an der musikalischen Basis, bei den Independent-Labels. Da, wo immer die Leidenschaft zur Musik im Vordergrund stand, lehnte man DRM schon in den 90ern strikt ab und prangerte die Wertminderung für den ehrlichen Käufer an. Mit Petitionen, der Gründung von Interessensverbänden und dem Verkauf DRM-freier Musik versuchte man nicht, den Musikliebhaber für das digitale Dilemma zu bestrafen, sondern nach einer angemessen Lösung für alle Beteiligten zu suchen. Als nach weiter sinkenden Umsätzen mit kopiergeschützter Musik 2007 EMI, eines der vier großen Major-Labels in Deutschland, den Schritt wagte, DRM-freie Musik mit einem kleinen Aufpreis im iTunes Store anzubieten, stiegen die legalen Downloadzahlen wieder merklich an. Universal, Warner und Sony zogen kurze Zeit später nach. Heute können wir überwiegend DRM-freie MP3s in den Online-Musikshops kaufen. Trotzdem wird weiter geklaut. Mit der Einführung der Pauschalabgabe würde man vorsorgen, anstatt zu kontrollieren und hinterher abzustrafen. MP3s sind physisch nicht erfassbar, das Dateiformat hat Musik wieder in ihren sphärischen Urzustand zurückgebracht, für dessen Existenz es einen Beitrag zu leisten gilt. Mit dem Umsatzmodell “Kulturflatrate” wäre der ästhetische Paradigmenwechsel auch auf kommerzieller Ebene vollzogen.

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