Nirgends wird so viel gelogen und betrogen wie im Krieg und vor einem Krieg. Hans-Peter Kaul

Ist der Dschihad cool?

Junge, in Europa lebende Muslime radikalisieren sich, morden gar. Ihre Ideologie entsteht nicht in einem luftleeren Raum.

Was treibt junge Männer, die in unseren Ländern aufwachsen und eine sichere Existenz haben, in den Dschihad und Tod? Warum sollte sich jemand, der von seinem Anwalt einst als „rappender Kiffer aus den Banlieus“ beschrieben wurde, zum Killer ausbilden lassen? Die muslimischen Verbände dürften ebenso ratlos sein wie alle anderen, denn auch sie haben keinen Einfluss auf diese jungen Leute, die sich als Rebellen verstehen.

Doch so nihilistisch und entfremdet sie sein mögen, ihre Ideologie entsteht nicht in einem luftleeren Raum. Wie schon die RAF der 1970er-Jahre ein Produkt ihrer Zeit war, ist es auch die heutige Terrorgeneration. Ihre Vorstellungen sind verzerrt und krude, aber doch erkennen wir in ihnen Muster, die uns nicht unbekannt sein dürften.

Es ist kein Zufall, dass die Täter in Frankreich neben der Redaktion von „Charlie Hebdo“ ebenfalls die Kunden eines jüdischen Supermarktes auslöschen wollten. Der Angriff auf den Laden erfolgte direkt vor Beginn des Schabbats und war der letzte Höhepunkt einer traurigen Serie: Schon in Toulouse 2012 und in Brüssel 2014 hatte es tödliche Attacken auf jüdische Einrichtungen gegeben, denn der Antisemitismus ist ein zentraler Aufhänger für den neuen Terrorismus.

Dass ein zur Schau gestellter „Comic-Antisemitismus“ für eine bestimmte Subkultur, aus der die Dschihadisten rekrutiert werden, wichtig ist, sieht man an dem als „cool“ geltenden Quenelle-Gruß des französischen Komikers Dieudonné M’bala M’bala. Doch es geht um mehr als nur um Komik. Dieudonné könnte vernachlässigt werden, wenn nicht andere Vorfälle darauf hindeuteten, dass der Antisemitismus generell wieder an Kraft in Europa gewonnen hat.

Es ist kein gutes Zeichen, wenn Juden Europa verlassen

Wie der englische Soziologe Frank Furedi schreibt, haben sich in der letzten Dekade antiisraelische Sentiments verstärkt mit antijüdischen verbunden. Nicht nur wurden auf Demonstrationen entsprechende Slogans gerufen, sondern es gibt auch breitere Bewegungen, die zum Boykott jüdischer Läden und Waren aufrufen. Auch sei dem Antisemitismus bestimmter Jugendlicher viel zu wenig entgegengesetzt worden. Als im Januar 2009 bei Unruhen in Frankreich Rufe wie „Tod den Juden“ aufkamen, habe es keinen nennenswerten Widerspruch gegeben. „Antisemitismus in Europa“, so Furedi, „ist nicht einfach nur ein rhetorischer Zeitvertreib von Islamisten oder pro-Palästina-Protestierern”. Könnte es sein, dass sich Jugendliche dadurch zusätzlich bestätigt fühlen?

Was also ist der Nährboden für die verqueren Vorstellungen radikaler Islamisten? Die Antwort ist gewiss komplex und das Phänomen nicht auf eine Ursache zurückzuführen. Verwegene Abenteuerlust, Sinnsuche, der Wunsch nach einer starken Gemeinschaft bei gleichzeitiger Abkehr von der Mehrheitsgesellschaft? Zu einfach aber ist die Behauptung, die zugrunde liegende Ideologie käme als Fremdkörper aus dem Ausland. Es stimmt nicht, dass der Islam schon immer antijüdisch war. Die Islamisten mögen so tun, als würden sie den ganzen Tag den Koran lesen und allein dort ihre Ideen herbekommen. Tatsächlich aber finden wir bei ihnen Vorstellungen in einer extremen Form, die weniger fremd sind, als wir es uns möglicherweise wünschten. Dazu gehört neben einer Ablehnung der Moderne eben auch der Antisemitismus.

Die englische „Daily Mail“ zitiert einen Vater, dessen Sohn unter den Geiseln in dem Supermarkt in Frankreich war: „Im letzten Jahr haben schon 7000 Juden Frankreich verlassen und nach diesem Ereignis werden es Tausende mehr sein. Wir sind hier nicht mehr sicher“. Es ist kein gutes Zeichen, wenn Juden Europa verlassen. Es zeigt, dass wir nicht nur über den radikalen Islam reden müssen, sondern auch darüber, was in unserem eigenen Land faul sein könnte: Wie konnte es nur so weit kommen?

Im gleichen Artikel der „Daily Mail“ wird übrigens ein junger Immigrant gefeiert, der vor einigen Jahren aus Mali nach Frankreich kam. Der Mann, ein Muslim, arbeitete zum Zeitpunkt des Überfalls im Laden. Er soll zahlreichen Kunden das Leben gerettet haben, indem er ihnen half, sich zu verstecken.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Barbara Köster, Egidius Schwarz, Wolfgang Sachsenröder .

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