Der dümmste Grund eine Aktie zu kaufen, ist, weil sie steigt. Warren Buffet

Burka-Angst

Laufen wir Gefahr, wegen der Burka die Nerven zu verlieren? Entspräche es nicht europäischen Werten, hier tolerant zu sein?

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat das „Burka-Verbot“ in Frankreich für legitim befunden, wenn damit das Zusammenleben in einer Gesellschaft geschützt werden soll. Wie ist es zu erklären, dass einem Stück Stoff, das nur von wenigen Hunderten Frauen getragen wird, so viel Bedeutung zugesprochen wird?

Das Urteil immerhin spricht ehrlich aus, um was es bei der Verbotsdebatte geht: nicht um Frauenrechte oder Menschenwürde, sondern um die Ängste einer nach Selbstbestätigung suchenden europäischen Gemeinschaft. Das Argument, die Burka müsse als Ausdruck der Frauenunterdrückung verboten werden, stand von Anfang an auf wackeligen Füßen.

Gefahren für eine freiheitliche Gesellschaft

Zu Recht hatten Kritiker darauf hingewiesen, die Verschleierung sei, wenn überhaupt, nur ein Symbol der Unterdrückung der Frau und nicht deren Ursache. Das selbstbewusste, kämpferische Auftreten zahlreicher europäischer Burka –Trägerinnen brachte dieses Argument dann gänzlich zu Fall. (In Frankreich z.B. kam es, nachdem das Verbot 2010 in Kraft getreten war, immer wieder zu öffentlichkeitswirksamen Auseinandersetzungen zwischen verschleierten Frauen und Polizisten.) Es mag als Ironie des Schicksals gelten, dass ausgerechnet dieses rückständige Kleidungsstück zu einem Symbol des Widerstands gegen staatliche Verbotskultur und Bevormundung geworden ist. Vor diesem Hintergrund ist es nur schlüssig, dass der Europäische Gerichtshof einen anderen Weg wählen musste, um ein Verbot zu rechtfertigen.

„Das Gericht“, so die nun veröffentlichte Erklärung, „konnte den Standpunkt nachvollziehen, demzufolge einzelne Bürger es ablehnen könnten, im öffentlichen Raum Praktiken oder Haltungen zu sehen, welche die Möglichkeit offener zwischenmenschlicher Beziehungen infrage stellen“. Nicht der Schutz der unmittelbar betroffen Frauen, die dem Bild des Opfers einfach nicht entsprechen wollten, sondern die Rücksichtnahme auf diejenigen, die sich durch den Anblick einer Burka gestört fühlen könnten, steht also im Mittelpunkt des Richterspruchs. Es braucht nicht betont zu werden, dass in einem solchen Urteil Gefahren für eine freiheitliche Gesellschaft liegen.

Schon John Stuart Mill hat in seinem weitsichtigen Aufsatz „On Liberalism“ vor der Tyrannei der Mehrheit gewarnt, die dann eintritt, wenn verboten werden darf, was den meisten nicht gefällt. Die Burka ist, eben weil sie auf eine große Mehrheit von uns (viele Muslime eingeschlossen) so abstoßend wirkt, zu einem Lackmustest der Toleranz geworden. Dürfen wir verbieten, was uns stört, auch wenn es uns nicht unmittelbar an unserem eigenen Glück hindert? Stünde es uns in Europa nicht besser an, ein souveränes, großzügigeres Verhältnis zu religiösen Praktiken zu pflegen, die uns befremdlich erscheinen? Dass die Burka für Abschottung steht, wissen wir auch ohne dieses Urteil. Der ganze Sinn des Kleidungsstücks ist es schließlich, die sozialen Beziehungen seiner Trägerinnen einzuschränken. Trotzdem ist das Verbot Ausdruck der Hilflosigkeit.

Das Gericht hat es sich einfach gemacht

Es erinnert an überholte Zeiten, in denen unbeliebte Minderheiten per Dekret an der Ausübung ihres Glaubens gehindert wurden. Dabei geht es nicht darum, eine wirkliche, konkrete Gefahr zu bannen. Die Burka ist so unattraktiv, dass sie kaum eine Frau trägt, und selbst die Vertreter des Europäischen Gerichtshofs dürften nicht glauben, sie stelle eine ernstzunehmende Bedrohung für unser Zusammenleben dar. Vielmehr hat es sich das Gericht, wie auch zuvor viele Politiker, einfach gemacht. Durch das Urteil wurde nicht nur ein Streit mit den Mitgliedsländern Frankreich und Belgien umgangen, sondern auch eine tiefer gehende Debatte darüber vermieden, was uns in Europa – im positiven Sinne – zusammenhalten sollte.

Es ist einfach, gegen fremdartige Symbole zu wettern, um einen Zusammenhalt zu beschwören. Schwer ist es dagegen, wirkliche europäische Werte zu definieren. Deswegen kommt die Vollverschleierung für viele in diesen Zeiten der Orientierungslosigkeit gerade recht: Ein Kontinent, der eigentlich tief gespalten ist, soll sich wenigstens in der Ablehnung der Burka geeint wissen. Das aber ist kein gutes Zeichen für die Zukunft Europas!

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Egidius Schwarz, Vera Lengsfeld, Sevim Dagdelen .

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Islam, Religionsfreiheit, Burka

Debatte

Die Re-Islamisierung der Türkei unter Erdoğan

Medium_b405bcadd1

Wie „denken“ Türken über Atheisten?

Mustafa Kemal Pascha (Atatürk), der erste Präsident der 1923 gegründeten Republik Türkei, führte mit strenger Hand von oben herab tiefgreifende Reformen im politischen und gesellschaftlichen System... weiterlesen

Medium_5f897944c1
von Jürgen Fritz
18.05.2018

Debatte

Rund 7 Millionen Muslime in Deutschland

Medium_1b1ae454c2

Verträgt Deutschland noch mehr Islam?

Jährlich kommen Millionen von Muslimen aus Nahost und Afrika nach Europa. Die EU, darunter auch Deutschland, sowie andere europäische Staaten stehen nackt da, ohne ein Politikkonzept im Sinn von Po... weiterlesen

Medium_f0135e0861
von Bassam Tibi
14.05.2018

Debatte

10 Thesen zur Integration

Medium_bfc89ee814

Die Integrationsrepublik Deutschland

Über dem heftigen Meinungsstreit zwischen Multikulti-Befürwortern und deren Gegnern scheint eine nüchterne Bestandsaufnahme weitgehend zu fehlen, wo wir stehen und wohin die Reise wahrscheinlich we... weiterlesen

Medium_40985da728
von Wolfgang Sachsenröder
14.05.2018
meistgelesen / meistkommentiert