Liebesgrüße aus Teheran

von Saba Farzan15.06.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Medien

Im Iran machen Frauen mit kreativen Widerstandshandlungen auf sich aufmerksam: mit öffentlichen Liebesbriefen. Diese intimen Zeugnisse persischer Poesie kann das Mullah-Regime zwar kaum verhindern. Doch nur mit internationaler Unterstützung kann ein Machtwechsel in Teheran gelingen.

Seit Freitag schaut die Welt auf Südafrika – mit dem Wissen, dass dieses Land durch viel Leid gegangen ist, noch sehr viele Aufgaben vor sich hat und doch so viel Hoffnung. Hätte das jemand vor zwanzig Jahren für möglich gehalten? Das Apartheidsregime existiert nicht mehr, die südafrikanischen Atomwaffen wurden zerstört, bevor die demokratische Regierung den Atomwaffensperrvertrag ratifiziert hat. Die Schere zwischen Arm und Reich ist nun das dringendste Problem dieses stolzen Landes. Was für Südafrika möglich geworden ist, kann auch für den Iran möglich werden. Schon bald. Es ist nicht eine Frage des Glaubens, sondern eine Frage der Fakten.

Mit Liebesbriefen gegen ein moralisch bankrottes Herrschaftssystem

Die Parallelen der gegenwärtigen Lage im Iran zu Südafrika sind frappierend. Auch im Iran herrscht ein Apartheidsregime. Betroffen sind davon besonders Frauen. Das herrschende Regime weiß sehr wohl, dass es gegen die Macht der stolzen Frauen nicht mehr viel tun kann. Mit einer provokant intellektuellen Aktion hat sich eine Reihe von Frauen, deren Ehemänner seit dem vergangenen Juni unrechtmäßig verhaftet und bestraft wurden, an die Öffentlichkeit gewandt. Sie haben Liebesbriefe geschrieben. Sie berühren zugleich den Verstand und das Herz eines Lesers – sie sind konzipiert, die Verbrechen eines moralisch bankrotten Herrschaftssystems anzuprangern, und zeigen im selben Atemzug den Überlebenswillen und den Widerstand dieser couragierten Frauen, deren unbändige Hoffnung in jeder Zeile sichtbar ist. Sie wollen im wahrsten Sinne des Wortes Leid in Kraft verwandeln. Während sich die Islamische Republik in den vergangenen drei Dekaden auf die verwerflichste Art in die Intimsphäre eines jeden Iraners eingemischt hat, zeigen die Verfasserinnen der Liebesbriefe Nähe und intime Gefühle auf poetische Weise – ganz in der Tradition persischer Dichtung. Eine Zivilgesellschaft, die so der Welt ihre Demokratiefähigkeit, ihre Moral, ihre Stärke und ihren Widerstand demonstriert, kann nicht gegen ein faschistisches Regime verlieren. Auch weil Unrecht niemals ewig herrschen kann.

Starke Sanktionen stärken die Freiheitsbewegung

Gerade deshalb muss der Westen noch stärker die freiheitsliebenden Iraner unterstützen. Es gibt einen sicheren Weg, dieser Bewegung zu schaden: nichts zu tun oder, noch viel schlimmer, im Dialog mit dieser illegitimen Führung zu stehen. Wir wissen alle, dass dieser Dialog jahrelang lediglich intensive Wirtschaftsbeziehungen verdeckt hat. Es gilt, diese Wirtschaftsbeziehungen zurückzufahren – nicht um der deutschen Industrie zu schaden, sondern um Aufklärung zu betreiben. Es ist eine moralische Frage, mit wem wir in der Welt Handel betreiben. Wir können einen starken Beitrag für einen freien und demokratischen Iran leisten. Tun wir dies nicht und fällt dieses Regime nicht in absehbarer Zeit, dann wird es schon bald überhaupt nicht mehr möglich sein für deutsche Firmen und ihre Niederlassungen, ihre Wirtschaftsbeziehungen mit dem Iran zu erhalten. Das Szenario eines kommenden Iran ohne Machtwechsel ist erschütternd: Flüchtlingsströme, Atombombe, Terrorexport in noch massiverem Ausmaß und eine paramilitärisch-faschistische Diktatur in noch nie dagewesener Abschottung. Dies gilt es zu verhindern. Südafrika ist das beste Beispiel, wie sich auch die internationale Staatengemeinschaft verhalten sollte. Die stärksten Sanktionen stärken die Freiheitsbewegung. Auch deshalb muss Europa noch sehr viel deutlicher Sanktionen verhängen. Aus eigenem Sicherheitsinteresse. Dann wird in naher Zukunft auch eine Fußballweltmeisterschaft in einem freien Iran Realität.

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