Die Generation Y ist sehr pragmatisch und ideologiefrei. Kerstin Bund

Mitmachen und mitmachen lassen

Jeder fünfte Schweizer ist ausländischer Herkunft. Der politische Diskurs jedoch nimmt diese Menschen nicht mit, zu groß scheint das Misstrauen ihnen gegenüber. Dabei wäre es endlich an der Zeit, Integration auf Augenhöhe zu praktizieren.

In der Schweiz leben 1,7 Mio. Menschen ausländischer Herkunft, also rund 22 Prozent der Bevölkerung. 860.000 sind seit über zehn Jahren hier und 350.000 sogar hier geboren. In den politischen Debatten und Argumenten wird der Ruf nach vermehrter Integration im fordernden Sinne meist von rechts (aber nicht nur), nach strengeren gesetzlichen Grundlagen gegenüber Ausländerinnen und Ausländer immer lauter. Im öffentlichen Diskurs dominieren Themen wie Minarettverbote, Wegweisungen von Illegalen und Straffälligen und sogenannten Sozialhilfeschmarotzern.

Man könnte den Eindruck erhalten, ausländischer Herkunft zu sein impliziere per se Missbrauch des Rechtsstaates oder kriminelles Verhalten. Fremdenfeindliche Voten werden wieder “salonfähig”. AusländerInnen sind eine ideale Projektionsfläche, um von eigenen Problemlagen abzulenken. Sachliche Argumente für ein friedliches Zusammenleben gehen dabei vielfach unter. Vergessen geht zum Beispiel, dass die Schweiz in den letzten zehn Jahren eine gezielte und erfolgreiche Integrationspolitik im fördernden Sinne aufgebaut hat. Gemeinsam mit Städten, Kantonen und Organisationen der Zivilgesellschaft haben sehr viele gute Arbeit geleistet. Doch es gibt noch viel zu tun.

Integration auf Augenhöhe

Würde man sich einer differenzierten und sachlichen Sichtweise öffnen, so müsste festgestellt werden, dass die neuen Einwanderer vor allem qualifizierte, gut ausgebildete Menschen sind, welche zum Großteil aus der EU stammen. Dass die vielen Arbeitsmigrantinnen und -migranten, die als “Gastarbeitende” seit den 1950er-Jahren in die Schweiz kamen, seit vielen Jahren und mehreren Generationen friedfertig hier leben. Sie und ihre Nachkommen tragen wesentlich dazu bei, dass es der Schweiz und ihrer Bevölkerung relativ gut geht. Nach wie vor gehört dieses Land zu einem der reichsten Länder der Erde. Viele Einwanderer haben zur Innovation der Schweiz durch ihren Pioniergeist beigetragen. Mit Blick auf die Zukunft sind wir aufgrund der demografischen Entwicklung auf Zuwanderung angewiesen, will man die sozialen Errungenschaften erhalten.

Die heutige Integrationspolitik und die politischen Forderungen sind zu stark darauf ausgerichtet, Defizite abzubauen und “Integration” zu verordnen (z. B. durch Integrationsverträge). Damit sich jemand integrieren kann, muss er auch die Möglichkeit erhalten, es zu tun. Als “Citoyen” auf gleicher Augenhöhe mitgestalten und mitreden, überwindet Mauern und schafft Brücken zwischen Einheimischen und Zugewanderten. Wollen die Schweiz oder andere europäische Staaten mit der vermehrten Zuwanderung zu mehr Legitimität des demokratischen Systems gelangen, wird man nicht umhinkommen, der ausländischen Bevölkerung mehr politische Rechte einzuräumen.

Der Bezug zum Lebensraum ist entscheidend

Diese ermöglichen es, sie als aktive Bürgerinnen und Bürger einzubinden und den Staat für die Zukunft gemeinsam zu gestalten. Für die Integration ist der Bezug zum Lebensraum eines Menschen entscheidend. Dieser wird hergestellt durch Offenheit, Akzeptanz der Verschiedenheit, durch Mitsprache- und Mitgestaltungsmöglichkeiten, durch Förderung, Anerkennung und Wertschätzung der Fähigkeiten und Ressourcen, durch Zugang zu Arbeit und Bildung. Dazu braucht es einen Perspektivenwechsel von Einheimischen wie Zugewanderten. Integration muss als gemeinsamer Prozess verstanden werden, soll der soziale Zusammenhalt und das friedliche Zusammenleben gewährleistet und fremdenfeindlichen Tendenzen Einhalt geboten werden.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jörg Hubert Meuthen, Ulla Jelpke, Hans-Georg Maaßen.

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