Ist Europa christlich?

von Rudolf Brandner7.05.2018Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Die moderne Erkenntniskultur ist keine «Religion», auch keine «Weltanschauung» oder «Ideologie», die man annehmen könnte oder nicht. Sie ist die Grundlage der weltgeschichtlich globalisierten Wirklichkeit der Moderne und ihrer Verwirklichung des Menschseins als freies Erkenntniswesen. Woher also ihre Schwäche, die sie in eine überkommene religiöse Identität regredieren läßt?

Fehldiagnosen führen zu Fehltherapien mit oft letalem Ausgang. So nicht nur in der Medizin, sondern auch in der politischen Diagnostik geschichtlicher Realitäten. Wo diese sich in falschen Selbstverständnissen festschreibt, erzeugt sie falsche Gegensätze und falsche Verhältnisse mit oftmals katastrophalen Folgen. Zuerst wurde den Europäern rein migrationsbedingt eine Auseinandersetzung mit dem Islam aufgenötigt, zu der sie eigentlich keinen Grund und noch viel weniger Lust verspürten; dann wurde ihnen zur Abgrenzung verkündet, ihre Identität sei eine «christliche». Eine falsche Identität aus einer falschen Gegensatzbildung – als stünde ein christliches Europa gegen eine islamische Welt.

Zweifellos gehört das Christentum zu Europa – es macht in zahlreichen Ab-wandlungen den wesentlichen Teil seiner Bildungsgeschichte aus. Dennoch ist die europäische Welt schon lange keine christliche mehr, der Gegensatz zur muslimischen also auch kein religiöser von verschiedenen Religionen, der sich unter dem Verweis auf «Religionsfreiheit» abhaken ließe: Der Gegensatz ist ein geschichtlicher, der seinen Ursprung in der neuzeitlichen Abkehr von dem of-fenbarungstheologischen Wahrheitsanspruch der christlichen Religion hat und das menschliche Weltverhältnis wieder ganz der Autonomie des Erkennens unterstellt, wie es z.T. schon in der Antike der Fall war. Eben darin besteht das «Neue» der «Neuzeit», daß die Grundlage menschlichen Weltverhältnisses von der religiösen Offenbarungswahrheit an die Selbstgewißheit des Erkennens in Philosophie und Wissenschaften übergeht. Das Christentum ist nun eine Sache der Vergangenheit, die christliche Welt die des Mittelalters; und die mitunter vehement geführte Auseinandersetzung mit der christlichen Religion, ihrer Metaphysik und Theologie, gehört seit ca. 500 Jahren zur Identitätsbildung der modernen europäischen Kultur.

Christliches Europa?- Der Glaube an die unbefleckte Empfängnis, die Erlösung durch den Kreuzestod Jesu Christi, das Jüngste Gericht und die Auferstehung zum seligen Leben oder ewiger Verdammnis ist der modernen Erkenntniskultur nicht mehr zumutbar. Was als allgemeiner, philosophisch verdünnter Gottesglaube, oder als moralisches Empfinden sogenannter «christlicher Werte» übrig bleibt, ist sowenig ein spezifisch christliches Monopol, daß es vielmehr ein leeres Allgemeines ohne reale Bildungskraft bleibt, das sich dann auch in zahlreichen anderen kulturellen Überlieferungen auffinden läßt. Angesichts dieser allgemein bekannten Tatsache, die in der geschichtlichen Diagnostik der Mo-derne mittlerweile ihren festen Ort am Begriff des «Nihilismus» gefunden hat, ist es durchaus paradox, wenn eine «christliche Identität» Europas beschworen und den muslimischen Immigranten entgegengehalten wird. Der Gegensatz der europäischen Erkenntniskultur zum Islam schließt den zum Christentum mit ein und ist selbst nur dessen entfernter Abklatsch. Aber im Verhältnis zum Christentum bezeichnet er ihre eigene Befreiungsgeschichte; der Islam aber begegnet ihr als Einwanderung just jener Vergangenheit in ihre Gegenwartswelt, von der sie sich befreit hat – und in die sie auch um keinen Preis zurück möchte. Woher die paradoxe Selbstverleugnung der Moderne, die sich gegen alle Evidenzen eine christliche Identität anlügt?

Die Pathologie des Zeitgeistes ist – wie Fontane sagen würde, «ein weites Feld»; und jeder, der sich eingehender mit dem Scheitern der muslimischen Integration auf europäischen Territorien beschäftigt hat, wird eine gewisse Ratlosigkeit – wenn nicht gar ein Entsetzen – befallen angesichts der politischen und kulturellen Ohnmacht, mit den gesellschaftlichen Gegensätzen umzugehen. Der Grund liegt aber in der Erosion geschichtlichen Bildungsbewußtseins, das mit der falschen Diagnose falsche Therapien und verkehrte Verhältnisse schafft, also sich selbst und den Gegensatz religiös definiert und der «Religionsfreiheit» unterstellt, die alle Beliebigkeiten zuläßt. Aber die moderne Er-kenntniskultur ist keine «Religion», auch keine «Weltanschauung» oder «Ideo-logie», die man annehmen könnte oder nicht. Sie ist die Verwirklichung des Menschseins als freies Erkenntniswesen und in ihrer Entfaltung zur wissen-schaftlich-technologischen Rationalität die Grundlage der weltgeschichtlich globalisierten Wirklichkeit der Moderne. Woher also ihre Schwäche, die sie in eine überkommene religiöse Identität regredieren läßt?

Die Gründe liegen auf der Hand: Die Entfaltung des Erkennens in der wissenschaftlich-technologischen Rationalität hat nach den geschichtlichen Katastrophen des 20. Jahrhunderts jedes Heilscharisma als Erlösungsprojekt, den Men-schen von allem «Negativen» zu befreien, eingebüßt. Die geschichtliche Praxis moderner Rationalität entfaltet ihre eigene Negativität; in ihr bleibt das Erken-nen unvermögend, den Menschen zu einer transzendierenden Wahrheit seines Seins zu befreien: Es ist das metaphysische Loch, durch das er seit Jahrhunderten beständig hindurchfällt und das ihn in religiöse, weltanschauliche und therapeutische Regressionen treibt. Dazu gehört nun auch die erheuchelte «christliche Identität»: Sie offenbart die orientierungslose «nihilistische» Wirklichkeit der Moderne gerade dadurch, daß sie diese zu übertünchen sucht. Sie ist selbst ein Ausdruck der modernen Orientierungslosigkeit entgrenzter Subjektivität: Es ist das schlechte Gewissen ihrer Maßlosigkeit und Beliebigkeit, das sich am «Christlichen» ein Maß zurechtzulügen versucht. Das soll dann einen Halt bieten, um den Gegensatz zum Islam auszutragen. Das Erkennen stuft sich selbst auf eine analoge «religiöse» Ebene herab und identifiziert sich rückwärtsgewandt mit dem, wovon es sich befreit hat. Der Rückzug auf die christliche Identität erweist sich als infantiles Regressionsverhalten, das am «Christlichen» nur einen entsprechend primitiven, folkloristischen Inhalt auf dem Bodensatz emo-tionaler Bedürfnisse und ethischer Affekte artikuliert. Darin besiegelt sich das politische Unvermögen, mit der geschichtlichen Situation und ihren gesellschaftlichen Gegensätzen überhaupt noch umgehen zu können.

Aber keine Religion, und noch weniger eine erheuchelte und erlogene, kann das metaphysische Loch der Moderne stopfen: Es bleibt eine Aufgabe des philosophischen Denkens und Erkennens, die wissenschaftlich-technologische Ratio-nalität in ein Selbst- und Weltverständnis des Menschen zu transzendieren, das ihn aus seinen modernen, wissenschaftsideologischen Verdinglichungen befreit und zum geistigen Umgang mit der Negativität des Seins ermächtigt.

Literatur: Rudolf Brandner, Untersuchungen zu Grundlegung und Ausbildung mensch-lichen Weltverhältnisses. Band I: Was ist Religion (Würzburg 2002).

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