Die Aufklärung meldet sich zurück

von Rudolf Brandner20.02.2018Wissenschaft

Das allgemeine Bewußtsein wächst, daß die durch die «Flüchtlingskrise» verschärfte muslimische Massenimmigration nicht nur eine sozio-ökonomische, sondern vor allem eine geschichtliche und intellektuelle Herausforderung darstellt: Sie zwingt das europäische Selbstverständnis zu Grundsatzfragen seiner geschichtlichen Identität – wofür es steht und wofür nicht.

Brenners Buch kommt da gerade zur rechten Zeit: Professionell geschult auf dem hohen Reflexionsniveau von Philosophie und Literatur kommt in Brenner das geschichtliche Bildungsbewußtsein der Aufklärung selbst zu Wort und zerlegt mit dem «Handwerkszeug des Philologen» die Verschleierungstaktiken öffentlicher Diskurse, an denen sich die Hilflosigkeit offenbart, mit der geschichtlichen Situation umzugehen. Wer Brenners brilliante Essays, seine scharfsinnigen Analysen untermischt mit subversiver Ironie, kennt, wird auch von dem Buch nichts anderes erwarten: Hintergrundsanalysen, die bei allem Kenntnisreichtum doch nicht den Blick für das Wesentliche verlieren, Fragezeichen, wo andere auf die Kniee fallen, Problemstellungen, vor denen die Harmoniesucht gerne die Augen verschließt. Nur weniges davon läßt sich hier grob umreißen.

Geschichtliche Situationen fallen nicht vom Himmel: Welche geopolitischen Machtstrategien, welche Transfers demokratischer Entscheidungen auf supranationale Ebenen, welche Vernachlässigungen elementarer Rechtsgrundsätze liegen der muslimischen Immigration eigentlich zugrunde? Ist es nicht ein anachronstisches Staatskirchentum, eine längst fällige Neuklärung des Verhältnisses von Kirche und Staat, die das aufgeklärte Bewußtsein in die Defensive gegenüber den durch staatlichen Schutz privilegierten Religionen drängt? Und der Illusion den Boden bereitet, die Einhegung des Islam ließe sich – trotz dogmatischem Defizit und fehlender Zentralautorität – durch die Parallelisierung mit bestehenden Religionsge-meinschaften leisten?

Allzu leicht wird vergessen: «Religionsfreiheit» setzt die Befreiung von der Religion voraus und ist nur auf ihrer Grundlage möglich. Sie ist keine Sache der Religion, die sich aus der Offenbarung Gottes selbst versteht, sondern widerspricht ihrem innersten Kern und Begriff. Denn im Verhältnis zur göttlichen Selbstoffenbarung gibt es keine Freiheit, die der Mensch in Anspruch nehmen könnte – es sei denn die des Teufels: des «Satanismus» als schlechthinniger Verwerflichkeit, die umwillen des Menschenheils selbst verfolgt und ausgerottet werden muß. Deshalb steht im Islam auch auf Apostasie die Todesstrafe. Erst die Befreiung vom offenbarungstheologischen Wahrheitsanspruch und die Überantwortung menschlichen Weltverhältnisses an die Autonomie des Erkennens erzeugt jene Position außerhalb der Religion, welche die Religionsfreiheit als subjektive Ergänzungsmöglichkeit individueller Daseinsverständigung garantiert. Es ist dieser geschichtliche Paradigmenwandel der Neuzeit, der die Grundlage der wissenschaftlich-technologischen Revolution der Menschheit konstituiert und als weltgeschichtliche Epochenwende den ganzen Erdball umfaßt. Deshalb ist auch die europäische Welt schon lange keine «christliche» mehr: Sie versteht sich als «säkularisierte» aus der Autonomie des Erkennens, der sich auch die religiöse Offenbarungswahrheit stellen muß, will sie überhaupt noch ein Bewußtsein von Transzendenz ausbilden und den Menschen aus der Horizontale seiner weltlichen Sorgen ins Vertikale eines Ewigkeitsbewußtseins aufrichten. Was aber bleibt davon, wenn die Kirchen durch den Verfall ihrer religiösen Substanz zu folkloristischen Moralagenturen geworden sind, die mit NGO’s konkurrieren, um ihre säkulare Entwertung mit «Höchstwertverpflichtungen» migratorischer Barmherzigkeit jenseits aller politischen Rationalität zu kompensieren?

Brenner legt auch hier den Finger auf die Wunde. So erscheint der Moralismus als Rettungsanker inmitten der nihilistischen Auflösung der Moderne und dient als Lückenbüßer politischer Rationalität, wo diese ihren maßgeblichen Horizont: das Allgemeinwohl – an abstrakte, pseudotheologische Unbedingtheiten preisgibt und damit die Unterscheidung von Moral und Politik verwirrt: In aller Moral geht es um das Sein des individuellen Subjekts innerhalb einer menschlichen Gemeinschaft; in der Politik aber um das Handwerk der geschichtlichen Gemeinschaftsbildung, die durch ihre Rechtsverhältnisse allererst die Grundlage für die Verwirklichung von Moralität schafft. Aus der Vermoralisierung des Politischen resultiert dann auch die unrühmliche Rolle der Justiz, durch die Berufung auf allgemeinste Menschenrechte die Entstehung von rechtsfreien Parallelgesellschaften zu legitimieren und durch Hypermoral gegen alle Kritik zu immunisieren. Wo der Bruch der modernen Lebenswelt durch kommunitäre Selbstausgrenzung und emblematisch zur Schau getragenes Abwehrverhalten (Kopftuch, Grußverhalten) mit der Verkehrung der Begriffe von «Toleranz» und «Respekt» verschleiert wird, stellt sich zwangsweise auch die Frage nach der mentalen Verfassung einer Gesellschaft, die ihre Beliebigkeiten unter dem Etikett der «Religion» versteckt. Ein beliebig mit subjektiven Wünschbarkeiten aufblähbarer Begriff der «Menschenwürde» und ihrer «Werte» treibt sich in die Aporie, ihre Erfüllung nur um den Preis der eigenen Selbstvernichtung leis-ten zu können. Mehr und mehr zeigt sich, daß sich das europäischen Bewußtsein in die Gefahr seiner Selbstauflösung begibt, wo es die geschichtlichen Bedingungen nicht mehr reflektiert, die das konkrete Kulturgut des modernen Rechtsstaates allererst ermöglichen.

Der Leser wird bald merken: Das Problem ist nicht die muslimische Immigration, ist auch nicht der Islam – sondern der Verlust des geschichtlichen Selbstbewußtseins, das die Grundlagen der europäischen Kultur ausmacht. Brenners reich differenzierte Analysen geraten so zu einem Lehrbuch der Wehr- und Hilflosigkeit eines verselbständigten Moralismus, mit der geschichtlichen Negativität der Verhältnisse umzugehen; und wenn sein Buch ein wichtiges Buch ist, dann weil es den Leser immer wieder in die geschichtliche Selbstbesinnung zurücktreibt, um ein Bewußtsein zu aktivieren, das die Erfahrungsgeschichte der letzten fünf Jahrhunderte nicht aus Dummheit, Wohlstandsblindheit oder schierer Lust am Untergang preis

_Die Aufklärung meldet sich zurück. Zum Buch von Peter J. Brenner, Fremde Götter. Religion in der Migrationsgesellschaft. (Waltrop/Berlin 2017)._

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