Solange wir im Gazastreifen eine Enklave des militanten Islam haben, wird es keine Ruhe geben. Benjamin Netanjahu

Deutsche Verantwortung am Nil

Als nach dem zweiten Weltkrieg der Sicherheitsapparat Ägyptens errichtet wurde, stand Deutschland mit Rat und Tat zur Seite. Es ist Zeit, dass die Regierung sich ihrer Verantwortung bewusst wird – und aktiv die Demokratisierung des Landes unterstützt.

Die Deutschfreundlichkeit in Ägypten war bereits 1942 weit verbreitet. Als im Sommer das Deutsche Afrikakorps unter Leitung Erwin Rommels Richtung Nil vorstieß, leisteten die Ägypter, vor allem auf Wunsch des damaligen Königs Faruk I., umfangreiche Unterstützung und lieferten militärstrategische Informationen an das Oberkommando der Wehrmacht, mit der Absicht, sich von der britischen Fremdherrschaft zu befreien. Die Freundschaft ging so weit, dass der König auf Druck der britischen Besatzung seinen zu deutschfreundlichen Premier entlassen musste. Umso größer war die ägyptische Trauer, als im November 1942 Rommels Truppen in El Alamein vernichtend geschlagen wurden und die Wehrmacht nie die ägyptische Grenze überqueren sollte. Für die Frühgeschichte der westdeutschen Beziehungen zu Ägypten sind diese historischen Zusammenhänge prägend.

Es „rommelt“ wieder in Nordafrika

Bereits zehn Jahren nach der entscheidenden Schlacht „rommelt es wieder“ in Nordafrika, so zitiert der „Spiegel“ 1952 den britischen General Sir George Erskine. Er spielt an auf eine stark zunehmende Tätigkeit deutscher Militärberater in Ägypten. Der engagierteste unter ihnen ist der ehemalige Wehrmachtsgeneral Wilhelm Fahrmbacher vom Heereswaffenamt. Der Rüstungsexperte, der seinen festen Wohnsitz nach Kairo verlegt hatte, war nicht nur Chefberater des ägyptischen Kriegsministeriums, sondern machte es sich zur zentralen Aufgabe, ehemalige Wehrmachtskollegen für die ägyptische Seite zu gewinnen. Sein Erfolg war umfassend: Insgesamt waren es rund 600 deutsche Militärs, darunter sechs Generale des Oberkommandos der Wehrmacht, zahlreiche Experten für Nachrichtendienste, Raketentechnik und militärische Ausbildung, die dem Ruf an den Nil folgten und als geschlossenes deutsches Team die Modernisierung und Professionalisierung des Militär- und Nachrichtenwesens organisierten. Die Dimensionen des Abwanderns und die Tätigkeiten alter Militäreliten waren so umfangreich, dass Adenauer aufgrund alliierter Proteste öffentlich betonte, dass es sich hierbei keineswegs um eine von der Bundesregierung autorisierte Unternehmung handelte. Der Staatsstreich Nassers 1952 und das damit verbundene Ende der Dynastie Faruk I. tat der intensiven, wenn auch nicht staatlich gesteuerten deutsch-ägyptischen Kooperation keinen Abbruch. Bis 1965 wurden diese Beziehungen sogar noch durch intensive Handelsgeschäfte deutscher Unternehmen vertieft und ausgebaut. Der immer lauter werdende Protest Israels und die Annährung Ägyptens an den Ostblock setzte den wirtschaftlichen und den nichtstaatlichen Aktivitäten deutscher Firmen und Militärberater ein Ende. Erst 1970, nachdem Sadat den verstorbenen Nasser beerbte, wurden die Beziehungen zu Ägypten wieder aufgenommen.

Ägypten als Stabilisator der Region etablieren

Es waren Deutsche, egal ob von den damaligen Bundesregierungen gewollt oder nicht, die zu einem sehr frühen Zeitpunkt maßgeblich am Aufbau eines autokratischen Machtapparats am Nil beteiligt waren und somit über lange Jahre hinweg die anti-israelische Politik des Nilstaates indirekt unterstützt haben. Erst der israelisch-ägyptische Friedensvertrag 1979 nahm dem jüdischen Staat die Gefahr eines erneuten Angriffskrieges. Die gegenwärtige deutsche Außenpolitik in Ägypten ist somit gleich von zwei historischen Verantwortungsparametern bestimmt: zum einen die Sicherung und Unterstützung des Staates Israel und zum anderen der problematischen Vergangenheit deutscher Aktivitäten Rechnung zu tragen. Die deutsche Bundesregierung ist gut beraten, sehr schnell nicht nur mit Worten, sondern auch mit gezielter Unterstützung die aufkeimende Demokratiebewegung zu stärken und somit Ägypten weiterhin als Stabilisator der Region zu etablieren.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Kristin Jankowski, Dirk Emmerich, Andreas Püttmann.

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