Im Großraumbüro mit Angela Merkel

von Ruben Alexander Schuster15.05.2012Außenpolitik

Im 18. Jahrhundert trafen am Hof Experten unterschiedlicher Disziplinen zusammen und diskutierten. Heute bleibt man lieber unter sich. Das Projekt Contemporary Court fordert zur Diskussion über unsere Debattenkultur und zur Suche nach neuen Diskussionsformen und -orten auf.

Stellen Sie sich vor, Angela Merkel, Jürgen Habermas, Josef Ackermann und Anselm Kiefer teilen sich ein Großraumbüro. Weltpolitik neben Ölfarbe, Aktienkurse neben „Freiheit und Determinismus“. Jeder schaut dem anderen beim Arbeiten über die Schulter, man tauscht sich aus, kommentiert die Telefonate der Büropartner und verbringt gemeinsam seine Mittagspausen. Gespräche entstehen, divergierende Meinungen treffen aufeinander, unterschiedlichste Akteure und Disziplinen treten in einen Dialog.

Kein Novum, sondern eine Weiterentwicklung

Merkel mit Habermas auf der Pausencouch, eine Vorstellung, die wir sofort als Utopie abtun und als Spinnerei verspotten. Doch halt! Derartige Strukturen wären bei Weitem kein Novum, sondern lediglich eine Weiterentwicklung des aufgeklärten höfischen Gedankens, wie wir ihn aus dem 18. Jahrhundert kennen. Der Hof nicht nur als Raum für Diskussion und Produktionsort für Meinung, sondern eben auch als Ort der Zusammenkunft verschiedenster Disziplinen und Expertisen. So teilten sich in Sanssouci auf Einladung Friedrichs des Großen die Generäle, Künstler und Philosophen eine gemeinsame Tafel. Trotz, oder wahrscheinlich gerade wegen des machiavellistischen Ideals des „Uomo Universale“ maßte sich niemand an, eine der zentralen Disziplinen auszugrenzen, oder durch einen „Superminister“ zu ersetzen. Jedes Ressort brauchte einen eigenen Experten, der selbst zu Zeiten eines monarchischen Alleinherrschers essenzieller Bestandteil der Entscheidungsfindung war. Heute sieht das im Angesicht von G8-Gipfeln und Davoser Weltwirtschaftsforen ganz anders aus. Keine Spur mehr von disziplinärer Vielfalt: Staatspräsidenten und Wirtschaftsbosse bleiben unter sich. Wie ist das vereinbar mit unseren demokratischen Leitlinien von Pluralismus und Partizipation? Wo sind die interdisziplinären Diskussionsorte des 21. Jahrhunderts? All diese Fragen und Überlegungen sind das Fundament des soziologischen Projekts „Contemporary Court“ (Zeitgenössischer Hof) des in London lebenden Deutschen Friedrich Gräfling von der Architectural Association. Feuilleton, Facebook und Co. reichen als Produktionsorte für Diskussion und Meinung nicht aus und so fordert Gräfling eine Diskussion über unsere zeitgenössische Debattenkultur zu führen und darüber hinaus nach neuen Diskussionsorten und -formaten zu suchen. Die persönliche, physische Begegnung innerhalb eines festen Raumes ist Voraussetzung für eine tiefgehende und kontroverse Debatte, so seine These. Der „Hof“ ist als ein neues Medium zu denken, das es schafft, die verschiedensten Akteure zusammenzuführen und diese in einen Dialog treten zu lassen. Eben nicht nur zur Lösung eines akuten Problems, sondern als permanente Institution eines gesamtgesellschaftlichen intellektuellen Austauschs.

Neue Perspektiven für das Berliner Stadtschloss

Das Projekt „Contemporary Court“ schafft somit auch neue Perspektiven für den Nutzungsplan des wieder zu errichtenden Berliner Stadtschlosses. (Sofern es denn irgendwann fertiggestellt sein sollte.) So bietet das sogenannte Humboldt-Forum zahllose Möglichkeiten, um einen in Europa einzigartigen Diskussionsraum zu etablieren, der zum Symbol eines breiten gesellschaftlichen Dialogs wird und dadurch die unterschiedlichsten Bestrebungen nach mehr „Bürgerbeteiligung“ bündelt. Dies wird aber nur gelingen, wenn die Initiatoren die Vielschichtigkeit der dort unterzubringenden Institutionen (von Bibliotheken bis hin zu den Sammlungen der Staatlichen Museen) als Vorteil nutzen und somit den Ort selbst als interdisziplinären Akteur in die Diskussion mit einbringen. Als Erfolg darf das Humboldt-Forum erst dann gefeiert werden, wenn es wirklich gelingen sollte, die interdisziplinäre Idee der friderizianischen Diskussionsrunde neu zu definieren und eben eines Tages ein Bundeskanzler, ein Philosoph, ein Banker und ein Künstler auf dem Podium sitzen und vor großem Publikum die Fragen der Zeit diskutieren. Denn erst dann hätten wir einen „Contemporary Court“!

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