Die Neuerfindung des Wohnens

von Ruben Alexander Schuster8.05.2012Außenpolitik

Der Bauhaus-Stil war mehr als nur eine Lehre – es war der Beginn einer Bewegung zur Demokratisierung des Wohnens. Die Ausstellung Bauhaus – Art as Life regt nun dazu an, über eine neue Moderne nachzudenken.

Steht man vor Marcel Breuers Lattenstuhl von 1922, weiß man zunächst nicht genau, ob es eine Skulptur oder ein Möbel sein soll. Zu stark erinnern die zueinander versetzten, streng geometrischen Flächen an die Kunstwerke der Konstruktivisten Piet Mondrian oder Kasimir Malewitsch, aber dennoch scheinen Rücken- und Armlehnen zum Sitzen einzuladen. Es verstört die Tatsache, dass kurz nach dem Ende des plüschigen wilhelminischen Neobarocks der Zeitgenosse der 1920er-Jahre nun auf diesen filigran gespannten Stoffflächen Platz nehmen soll.

Der Beginn einer Bewegung

Als 1919 Walter Gropius das Bauhaus in Weimar gründete, war dies mehr als die Geburt einer Hochschule, die Design und Gestaltung lehrte. Es war der Beginn einer Bewegung, die durch Unterrichtung dieser Fächer einem jungen demokratischen Deutschland ein neues Gesicht gab. Der Wandel vom Kaiserreich zu einem Staat, für den Pluralismus und Partizipation keine Feinde mehr waren, sollte allgemein sichtbar gemacht werden. Nichts war für diese Aufgabe mehr geeignet als Architektur, Produktdesign, Mode und Kunst. Bereiche, die ihre Wirkung tief hinein in den Alltag entfalten, sodass jeder Mann und jede Frau der Weimarer Republik Zeuge einer neuen, revolutionären Idee werden konnte. Eine Idee, die die wilhelminischen Vorstellungen vom Wohnen, Leben und Arbeiten grundlegend hinterfragte und eigene Antworten lieferte. Die Demokratisierung des Wohnens und Lebens hatte den Anspruch über alle sozialen Grenzen hinweg, den Menschen ein adäquates Lebensumfeld zu geben. Kein Wohnraum sollte zu wenig Tageslicht haben, an Wasser, Strom und sanitären Anlagen sollte es nicht mangeln und klare Formen und effizient genutzte Flächen sollten einen positiven Einfluss auf die eigene Lebensgestaltung haben. „Wohnen für das Existenzminimum“ sollte möglich werden.

Verlangen nach Neuanfang

Es wäre jedoch falsch, das Bauhaus als genuin deutsches Phänomen zu begreifen. Die Idee, Avantgarde zu institutionalisieren, geht zurück ins 19. Jahrhundert und zu den Wurzeln des britischen „Arts and Crafts“ eines William Morris, John Ruskin oder Charles Rennie Mackintosh, oder zum etwas jüngeren, niederländischen „De Stijl“ eines Piet Mondrian oder Gerrit Rietveld. Erst in diesem Kontext lässt sich die europäische Dimension eines Bestrebens, gar Verlangens nach Neuanfang und Traditionsbruch erkennen. Zu lange regierten die monarchischen Systeme nicht nur das politische Leben, sondern auch den Alltag. Die Vorstellung, Lebensstrukturen und -räume endlich umfassend selbst zu gestalten und den Menschen sowie seine individuellen Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu stellen, waren der Motor all dieser Bewegungen. Heute scheint Bauhaus längst ein europaweit gültiges Synonym für Moderne zu sein. Die Wagenfeld-Leuchte ziert zwischen London und Rom, Warschau und Paris fast jedes Wohnzimmer, aber heißt dies auch, dass der politische und soziale Geist des Bauhauses zum europäischen Konsens geworden sind? Ich meine: Nein. Zwar ist die Begeisterung fürs Bauhaus, seine Architektur, sein Design und seine Kunst ungebremst groß, wie die kürzlich in London eröffnete Ausstellung „Bauhaus – Art as Life“ unterstreicht. Dennoch wird auch bei dieser mit über 400 ausgestellten Werken sehr umfangreichen und hervorragend kuratierten Schau die permanente und in die Zukunft hineinwirkende Forderung nach gleichberechtigtem Leben und Wohnen sowie einem allgemeinen Zugang zu Kultur und Bildung nicht berücksichtigt. Diese vom Bauhaus in den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts gesetzten Standards wurden bis heute nur in Ansätzen verwirklicht. Sie sind eben keine historischen Maximen, die ihre Gültigkeit verloren haben. Es ist längst überfällig, dass eine zeitgenössische europäische Öffentlichkeit sich aufmacht und im Diskurs eine „neue“ Moderne definiert, dabei wird man merken, wie häufig die Ideen des Bauhauses zitiert werden, aber eben auch, dass Moderne ohne Tradition nicht funktioniert. Es gilt, die Moderne als europäische Chance zu begreifen.

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