Pornografie gibt es bereits, seit der erste Höhlenmensch anzügliche Bilder an die Höhlenwand malte. Cindy Gallop

Frauen und Kinder zuerst

Vor rund 100 Jahren ist die Titanic in den eisigen Wogen des Nordatlantiks versunken – ihr Untergang bietet Stoff für allerlei Mythen. Doch die Titanic erzählt mehr über uns, als wir vermuten.

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Sie war der Stolz der britischen Nation, der Superlativ der Meere und bei ihrem Stapellauf das größte jemals gebaute Schiff der Welt. Jedes Kind kennt sie und die Geschichte, wie in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 die RMS „Titanic“ einen Eisberg rammte und gute zwei Stunden später von den eisigen Wogen des Nordatlantiks verschlungen wurde. Mehr als die Hälfte der Passagiere überlebte das Unglück nicht und fand den eisigen Tod. Allein diese Eckdaten schreien geradezu nach der Geburt eines Mythos. Dieser feierte am Wochenende seinen hundertjährigen Geburtstag.

Weit mehr als tragische Liebesgeschichte

Es gibt wohl wenige vergleichbare Ereignisse, die seit genau einem Jahrhundert eine so hohe und stets ungebrochene öffentliche Aufmerksamkeit genießen. Kein Medium, egal ob Rundfunk oder Fernsehen, Zeitung oder Zeitschrift lässt es aus, alle stürzten und stürzen sich auf dieses eine Thema. Legenden ranken sich um den Untergang und vor allem um die letzten Stunden der vielen prominenten Reisegäste.

So ist es nicht verwunderlich, dass es über 14 Verfilmungen, von zahlreichen Dokumentationen ganz abgesehen, zum Titanic-Unglück gibt. Die in unseren Tagen wohl bekannteste ist der 1997 produzierte Hollywood-Blockbuster mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet in den Hauptrollen. Ein mit elf Oscars prämierter Film, der eine ganze Generation von Töchtern veranlasste, sich schluchzend in die Arme ihrer Sitznachbarn zu werfen, um den erfrierenden Leinwandhelden Jack Dawson mit Winselchören in den nassen Tod zu begleiten.

Doch würde ich mich nun weiter der kommerziellen Ausschlachtung dieses Unglücks widmen, so würde die Aufzählung meine nächsten drei Kolumnen füllen und vom Kaffeebecher über die Tauchtour und das Titanic-Würstchen bis hin zum neusten Titanic-Museum in Belfast reichen. Genug.

Das wohl spektakulärste zivile Unglück des 20. Jahrhunderts offenbart uns aber weit mehr als tragische Liebesgeschichten und Skurrilitäten, wie etwa die Erzählung, dass besonders stoische Gentlemen das Eis des gerammten Berges dazu nutzten, um ihren letzten Gin Tonic zu kühlen, bevor sie mit Glas und Zigarre in der Hand in den ewigen Tiefen versanken.

Kein Platz mehr für Helden

Die Titanic war ein gesellschaftlicher Mikrokosmos, ein Querschnitt durch alle sozialen Schichten ihrer Zeit, der heute Soziologen, Psychologen und Historikern ein klar abgestecktes Forschungsfeld beschert. So lässt sich untersuchen, wie Menschen im Angesicht des Todes handelten, wie gefestigt ein moralisches Wertebild wirklich war oder ob der Überlebenskampf den Menschen zum instinktgetriebenen Tier werden ließ.

Der Untergang der Titanic hält eindeutige Antworten parat. Überraschend ist hierbei nicht, dass ein ausgeprägtes Klassendenken den Verlauf der Rettung beeinflusste, sondern, dass das Motto der britischen Seefahrt „Frauen und Kinder zuerst“ bis in den Tod die Maxime der männlichen Passagiere war. Die Idee des Gentleman war keineswegs Fiktion, sondern gelebte Realität an Bord. Dies beweisen zum einen die Opferlisten, die heute im Royal Archive in London für jedermann einsehbar sind, mit einer überproportional hohen Anzahl männlicher Toten und dies durchgehend von der ersten bis in die dritte Klasse. Zum anderen sagen die Augenzeugenberichte der Überlebenden aus, dass es immer wieder Situationen gab, in denen sich Herren schlichtweg weigerten, ein Rettungsboot zu betreten. Dieses heroische Benehmen war zweifelsohne den gesellschaftlichen Konventionen der Zeit geschuldet.

Ein Blick in unsere heutige Welt zeigt, dass diese Ideale schon lange vergessen zu sein scheinen. Unsere individualisierten Gesellschaften lassen keinen Platz für das Aufopfern für die Allgemeinheit. Jeder ist sich selbst der Nächste und so ist die feige Flucht des Capitano Schettino von der sinkenden Costa Concordia nur ein Beispiel für eine Mentalitätsverschiebung, die viele schon lange als Werteverfall erkannt haben. Die Antworten, die das gesellschaftliche Verhalten der Titanic-Passagiere auf die Fragen der heutigen Forscher gibt, haben mit denen des 21. Jahrhunderts nichts mehr gemein. Es ist eine Entwicklung weg von der Kultur zurück zu den natürlichen Trieben und zum gesellschaftlichen Urzustand. Eine Mahnung, die wir ernst nehmen sollten.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Ruben Alexander Schuster: Sammeln für die Königin

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