Vom Nashorn lernen

von Ruben Alexander Schuster13.03.2012Außenpolitik

Die Welt erleben, das Ferne und Fremde daheim bestaunen – Kultur leistet auch Integrationsarbeit. Kaum jemand weiß das besser als Neil MacGregor, Hüter der kulturellen Identität Großbritanniens.

Als Albrecht Dürer 1515 einen Holzschnitt mit der Darstellung eines Nashorns fertigte, konnte er nicht wissen, dass dieses Tier Jahrhunderte später zum Symbol des kulturellen Diskurses und der anthropologischen Diskussion werden würde. Dies zumindest für den visionären und kreativen „Hüter der kulturellen Identität“ Großbritanniens, den Direktor des British Museum, Neil MacGregor. Im Rahmen eines Vortrags im Alten Museum in Berlin erläutert er, dass dieses Nashornabbild bis in die 50er-Jahre des 20. Jahrhunderts eine beliebte Möglichkeit für Europäer war, sich ein Bild von der Welt zu machen, die sie weder kannten noch verstanden. Es war ein Versuch, sich die Welt und damit sich selbst als Teil davon zu erklären und zu verstehen. Diese Art des „Reisens“ diente und dient dem Zweck, Kulturen kennenzulernen, aber das Entscheidende ist, dass wir unsere eigene Kultur nach den gewonnenen Erfahrungen mit anderen Augen sehen. Wir sehen, dass unsere eigene Gesellschaft auch anders sein könnte.

Das Ferne und Fremde nach Hause holen

Das Dürer’sche Rhinozeros repräsentiert die Idee des „Macrocosmos in Microcosmo“, die bis ins 14. Jahrhundert zu den Sammlungen des Herzogs Jean de Berry (1340-1416) und seines Bruders König Charles V. von Frankreich (1337-1380) zurückgeht. Die Ferne und Fremde nach Hause zu holen, um sie dann zu betrachten, zu analysieren und häufig zu bestaunen, war die Maxime der Zeit. Mit der beginnenden Emanzipation des Bürgertums im 18. Jahrhundert, das Zugang zu den Schätzen von Kunst und Kultur forderte, kam es zu einer schrittweisen Öffnung der meist in adligem Privatbesitz befindlichen Sammlungen. Als 1753 das britische Parlament die Gründung eines „British Museum“ anordnete, war dies die Geburtsstunde des ersten Museums im eigentlichen Sinn und ein erster Schritt zur Demokratisierung von Wissen. Dass sich Museen heute anderen Herausforderungen stellen müssen, als dem neugierigen europäischen Vorstadtbewohner ein gehörntes Tier afrikanischer Provenienz vorzuführen, versteht sich von selbst. Allein der demografische Wandel verdeutlicht, dass Museen vor allem Orte des kulturellen Dialogs sein müssen. Laut Statistischem Jahrbuch der Bundesrepublik hatten bereits 2005 ein Drittel aller Kinder unter fünf Jahren in Deutschland einen Migrationshintergrund, 2010 war es bereits die Hälfte. Zahlen, die in Großbritannien noch drastischer ausfallen. Dennoch ist die Einsicht, ein Einwandererland zu sein, längst Teil britischer Lebensrealität geworden. Eine Realität, die Neil MacGregor früher als viele andere erkannt hat und seinem Haus das Bewusstsein zugrunde legte, dass eine Gesellschaft ohne das Wissen und das Verständnis um ihre Mitglieder nicht existieren kann.

Großstädte sind heute „Welt-Stätten“

In London werden zurzeit mehr als 300 Sprachen gesprochen. Doch alle Großstädte sind heute „Welt-Stätten“. Die größte Aufgabe der Museen für MacGregor ist, dass diese Menschen aus aller Welt ihre Kultur wieder finden und die Beziehungen zwischen der eigenen Kultur und den anderen Kulturen der Welt erfahren können, zu erfahren, dass wir alle viele Identitäten haben und vielen Welten angehören. Wenn afrikanische Masken mit chinesischen Buddhastatuen und griechischen Marmorplastiken unter dem Dach eines Museums in London stehen, ist es jedem möglich, die eigenen kulturellen Wurzeln zu finden und zu begreifen, dass die eigene Identität Teil eines pluralistischen Ganzen ist. In der Bundesrepublik ist diese integrative Aufgabe führender Museen wenig ausgeprägt. In Deutschland muss erkannt werden, dass Museen als staatliche Institutionen eine Doppelrolle bei der Identitäts- und Kulturvermittlung spielen müssen. Es gilt sowohl eine deutsche „Leitkultur“, als auch gleichberechtigt die individuellen „Herkunftskulturen“ zu vermitteln, zu erklären und miteinander in den Dialog treten zu lassen. Dies hilft, Vorurteile abzubauen sowie den Gefahren von Nationalismus, Fundamentalismus und Fremdenfeindlichkeit entschieden entgegenzutreten.

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