Der Lack ist ab

von Ruben Alexander Schuster6.03.2012Außenpolitik

Die traditionsreiche britische Autoindustrie liegt am Boden; einzig der Finanzsektor generiert Wachstum – und hat damit die Politik im Schwitzkasten. Wenn die einstige Weltmacht nicht komplett den Anschluss verlieren will, muss der Rest der Wirtschaft radikal modernisiert werden.

Schlendert man durch die Straßen des wohlhabenden Südwestens von London, so dauert es nicht lange, bis man schon aus der Ferne das wohlklingende Geräusch eines nahenden Oldtimers wahrnehmen kann. Das geübte Gehör verrät einem die Zylinderanzahl und gibt dem Kenner somit erste Anzeichen über das Fabrikat. Das Fachsimpeln und Schwärmen beginnt und es fallen die ersten großen Namen: Bentley, Rolls Royce, Jaguar, Aston Martin … Keine anderen Firmennamen sind so sehr verbunden mit dem Nationalethos Großbritanniens. Sie sind geradezu Synonym für Britishness und den Standort einer traditionellen und stolzen Automobilindustrie. Die britischen Hersteller prägten die Automobilgeschichte und haben immer wieder Produkte geliefert, die zu Legenden wurden. Egal ob Rallyesiege, Fahrzeugdesign oder automobiler Luxus, die britischen Hersteller setzten häufig Maßstäbe und waren ein ernst zu nehmender Konkurrent für die Firmen des Mutterlandes des Autos. Es waren aber nicht nur Luxus- und Sportwagen-, sondern auch viele Mittelklassehersteller, die den Industrieregionen Großbritanniens viele Arbeitsplätze sicherten. Marken wie MG, Austin oder Rover bauten für die breite Masse und so war die Automobilindustrie eine tragende Säule der britischen Wirtschaft.

Über die Tradition wächst heute Gras

Besichtigt man heute die einst so glänzenden Produktionsstätten in Abingdon, Solihull oder Cowley, so findet man nichts außer zerfallene Werkshallen, in denen Moos und Unkraut wächst. Dieses Bild ist geradezu beispielhaft für den Niedergang der produzierenden Industrie Großbritanniens. Fehlende Innovationen und mangelhafte Entwicklungsarbeit führten zu Qualitätsproblemen der Produkte, die dem internationalen Wettbewerb nicht mehr standhalten konnten. Eine Firma nach der anderen ging Pleite und Zehntausende wurden arbeitslos. Seit den 80er-Jahren setzte eine nahezu unkontrollierbare Welle der Deindustrialisierung ein und die britische Wirtschaftsstruktur stellte sich ganz auf Dienstleistungen um, die heute 77 Prozent der Gesamtwirtschaft ausmachen. Die wenigen Autofirmen, die dieses Massensterben überlebten, befinden sich heute allesamt in ausländischer Hand. Nach dem Gentlemen’s Agreement der deutschen Autobosse Piëch (VW) und Pischetsrieder (BMW) im Jahr 1998 wurden die zwei prestigeträchtigsten Namen des englischen Automobilbaus ausgerechnet in zwei deutsche Unternehmen eingegliedert. BMW kaufte Rolls-Royce und VW sicherte sich Bentley. Nur so war es möglich, dass die Produktion aufrechterhalten blieb und durch den erheblichen Know-how-Vorsprung zweier Spitzenhersteller die Werke in Crewe und Goodwood wieder schwarze Zahlen verbuchen konnten. Wie wichtig eine funktionierende Industrie ist, zeigte die Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2008. Während die deutsche Wirtschaft das Tief gut verkraftete und sogar gestärkt daraus hervorging, litt Großbritannien kräftig unter den heftigen Turbulenzen, von denen es sich bis heute noch nicht ganz erholt hat. Wenn der so instabile Finanzsektor 10 Prozent des BIP eines Landes ausmacht, so ist das Bangen auf der Insel noch lange nicht vorüber und erste Stimmen fragen sich, ob die Schwerpunktsetzung auf den Finanz- und Dienstleistungssektor eine nachhaltige Strategie ist.

Zurück zum Wettbewerb

Die Standortvorteile für Großbritanniens Industrie liegen auf der Hand: gut ausgebildetes Arbeitskräftepotenzial, hohe Binnennachfrage und Einbindung in den europäischen Binnenmarkt im Rahmen der EU, starke Wissenschaft, sowie ein hochentwickelter Kapitalmarkt. Stärken, die es zu nutzen gilt, will Großbritannien sich endlich aus dem Schwitzkasten der Londoner „City“ befreien und den zukünftigen Generationen in den Industriestätten wie Manchester, Coventry und Birmingham eine Perspektive bieten. Noch ist es nicht zu spät, die britische Wirtschaft neu auszurichten, sie wieder international wettbewerbsfähig zu machen. Es gilt nun, clevere hochtechnologische Nischen zu suchen, die aus dem reichen Fundus der britischen Wissenschaftsstandorte schöpfen können. Das Ende der einst so stolzen Automobilindustrie lässt sich wohl nicht mehr rückgängig machen, was aber nicht heißt, dass dies auch für andere Wirtschaftszweige gilt.

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