Revolutionen sind die Lokomotiven der Geschichte. Karl Marx

Hard as a rock

Die Queen feiert ihr 60. Thronjubiläum. Ein langes Leben voller Höhen und Tiefen liegt hinter ihr und ein Ende ist nicht in Sicht. Ein Blick auf das faszinierende Leben des britischen Staatsoberhaupts.

Seit genau 60 Jahren ist sie die Speerspitze der britischen Monarchie und damit mehr als ein Familien- und Staatsoberhaupt. Sie ist wie keine andere zum Symbol von Tradition und Kontinuität geworden und hat damit die Identität ihrer Nation geprägt. Als 25-jährige Prinzessin reiste sie 1952 mit ihrem deutschen Gemahl Prince Philip durch Kenia und erfuhr dort am 6. Februar vom Tod ihres Vaters King George VI. Zwei Tage später wurde diese junge Prinzessin in London zur Queen Elizabeth II. proklamiert, der „Königin von Gottes Gnaden des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Nordirland und ihrer anderen Länder und Gebiete, Oberhaupt des Commonwealth und Verteidigerin des Glaubens“. Dieser Titel macht deutlich, dass der britische Monarch eine Sonderrolle innerhalb der europäischen Königshäuser einnimmt, da er zum einen Oberhaupt einer christlichen Glaubensgemeinschaft (der anglikanischen Kirche) ist und zum anderen sein Herrschaftsanspruch weit über die Grenzen Europas hinweg reicht.

Ein Gefühl von Einheit, Stolz, Stabilität und Kontinuität

In ihrer konstitutionellen Pflicht erfüllt die Queen eine Doppelfunktion. Sie ist „Head of State“ und „Head of Nation“. Als Staatsoberhaupt fallen ihr klassische innen- und außenpolitische Aufgaben zu: Parlamentseröffnung, Unterschreiben von Gesetzen, Botschafterernennungen und Staatsbesuche. Als Oberhaupt der Nation sind es doch deutlich abstraktere Anforderungen, die ein Monarch mit seinem eigenen Gestaltungswillen formulieren und definieren muss. In genau dieser Funktion spielt Queen Elizabeth II. ihre Stärken aus. Seit über einem halben Jahrhundert versteht sie geradezu meisterlich, durch gekonnte Inszenierung ihrer Institution einer ganzen Nation ein Gefühl von Einheit, Stolz, Stabilität und Kontinuität zu vermitteln. Dieses über jeglichen Wandel der Zeit erhabene Wertefundament ist in ihrem eigenen Selbstverständnis keineswegs ein theoretisches Abstraktum, sondern täglich gelebte Realität. Dieser vor allem durch Disziplin, Selbstlosigkeit und Pflichterfüllung geprägte Lebensstil wurde zu einer Art Idealbild fürs Denken und Handeln einer ganzen Nation, wie ich bereits in meinem Beitrag vom 02.11.2011 schrieb.

Die Ehe zwischen Elizabeth und dem Sprössling der Häuser Battenberg und Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg basiert auf einer Liebesheirat und ist bis heute geprägt von Harmonie und Skandalfreiheit, was sich von den Partnerschaften der sonstigen Mitglieder der Familie Windsor nicht behaupten lässt. Jeder Scheidung, jedem Skandal und jeder Tragödie begegnete die Queen stets mit stoischer Gelassenheit und verhielt sich nach außen immer neutral, auch im Sommer 1997, nach dem Tod von Diana Spencer in Paris, wich sie nicht vom traditionellen Protokoll ab. Die verspätete öffentliche Anteilnahme der Queen sowie das Festhalten an der Flaggenordnung, die vorschreibt, dass der Royal Standard niemals auf Halbmast gehisst wird, wollte die sonst so ritusbewusste britische Öffentlichkeit nicht verstehen und bescherte der Monarchie einen drastischen Beliebtheitsverlust. Es war das erste Mal in ihrer Regentschaft, dass Elizabeth in ihrem eigenen monarchischen Zeremoniell gefangen war und die Bedürfnisse der Bevölkerung nicht verorten konnte. Die Neunzigerjahre waren das schwarze Jahrzehnt der Monarchie, was nicht zuletzt der verheerende Brand von Windsor Castle im Jahr 1992 versinnbildlichte.

Zwanzig Jahre später sind diese Sorgen vergessen, die Monarchie beliebt wie nie zuvor und so steht das diamantene Thronjubiläum unter der königlich verkündeten Überschrift: „I dedicate myself anew to your service“, was darauf schließen lässt, dass die 85-jährige Dame auf dem Thron weder amtsmüde ist noch gedenkt, den Staffelstab in naher Zukunft weiterzureichen. So ist fest davon auszugehen, dass das elizabethanische Zeitalter das viktorianische mit seinen 64 Jahren überdauern wird und die Welt weiter Zeuge eines so gelassenen, prinzipientreuen und geradlinigen Führungsstils sein darf, der mittlerweile zu einer gewissen Marke geworden ist und das Prädikat der höchsten moralischen Instanz trägt. Nach dem Papst versteht sich.

Die Queen hat zur Emanzipation beigetragen

Aber muss man diese Königin nicht an die Spitze eines bestimmten Typs politischer Führerinnen stellen, für die die Monarchin in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer Art Symbolfigur wurde? Ist sie es nicht, die den Mythos der Iron Ladys von Thatcher bis Merkel erst möglich machte? Ich behaupte ja, denn eine Frau als Premierminister wäre im Großbritannien der Achtzigerjahre ohne Monarchin nicht möglich gewesen. So muss man diese oft im traditionellen höfischen Zeremoniell versinkende Tatsache in den Mittelpunkt rücken, dass eine starke, selbstbewusste und vor allem weibliche Führungsperson seit nun 60 Jahren auf internationalem Parkett zu Hause ist und damit wahrscheinlich mehr zur faktischen Emanzipation der Frau beigetragen hat als irgendeine feministische Organisation.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Ruben Alexander Schuster: Sammeln für die Königin

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