Jetzt knallt’s

Ruben Alexander Schuster31.01.2012Außenpolitik

Die Ursachenforschung nach den Krawallen in England hat nie wirklich stattgefunden. Nun bringt der Labour-Parlamentarier Lammy antiautoritäre Erziehung als Ursache für die Aufstände ins Spiel. Zeit, dass auch wir unseren Toleranzbegriff überdenken.

Es ist kaum fünf Monate her, als im Osten Londons ganze Wohnblöcke brannten und Geschäfte aller Art vom Kiosk bis zum Elektronikmarkt von plündernden Massen heimgesucht wurden. Wie ich bereits des Öfteren an dieser Stelle anmerkte, übertreffen sich die britischen Parteien gegenseitig bei der Verdrängung der Thematisierung und Ursachenforschung dieser Unruhen und Aufstände, die nur ein Jahr vor Eröffnung der Olympischen Spiele den zukünftigen Austragungsort in Angst und Schrecken versetzten. Das Unterhaus schloss sich mit großer Mehrheit der Argumentation des Premierministers an, dass man diese kriminellen Handlungen wie jedes andere Verbrechen ahnden müsse und die Schuldigen zu bestrafen und wegzusperren seien. Kaum waren die Urteile gesprochen, verebbte die öffentliche Diskussion und auch die britische Presse konzentrierte sich schnell wieder auf die üblichen Familientragödien und Kampfhundangriffe auf kleine Kinder.

Jetzt knallt’s

Es scheint, als haben nur ganz wenige sich mit diesem Wegducken und Verschweigen nicht zufriedengeben wollen. Einer von ihnen ist der 39-jährige farbige Labour-Abgeordnete David Lammy. Sein Wahlkreis, gleichzeitig sein Geburtsort, ist der Londoner Problembezirk Tottenham. Ein Vorort mit hohem Ausländeranteil, hoher Arbeitslosigkeit und Banden- sowie Jugendkriminalität. Lammy kennt die Mentalitäten seiner Bezirksbürger und hat sich nun an die Spitze einer Beschwerdewelle von Migranten gestellt. Immer lauter wurden die Stimmen der Eltern, dass der Staat ihnen die Autorität über ihre Sprösslinge entziehe, da es ihnen seit einer Gesetzesänderung von 2004 nicht mehr gestattet sei, ihre Kinder mit einer Tracht Prügel zu bedenken. Wie sollen sie da noch für Disziplin und Ordnung sorgen und ihren pubertären Jungs klarmachen, dass die Mitgliedschaft in einer Jugendgang nicht cool, sondern kriminell ist? In einem LBC-Radio-Interview ließ Lammy durchblicken, dass die neuen, stark eingegrenzten Züchtigungsregeln, die von seiner eigenen Partei damals eingeführt wurden, mitverantwortlich für die Krawalle im August 2011 seien. Mit der Herstellung dieser Kausalkette ist nun nicht nur eine neue Diskussion über die Bedeutung von autoritärer Erziehung entbrannt, sondern endlich auch ein neuer Grundstein zur sozialen und pädagogischen Ursachenforschung der Krawalle gelegt. Die Politik der harten Hand kommt gut an in Großbritannien, sowohl bei den Migranten als auch bei den Einheimischen. Ähnlich wie in Frankreich, ist auch auf den britischen Inseln die Ohrfeige als fester Bestandteil einer traditionell eher autoritären Erziehung noch lange nicht außer Mode gekommen. Das 2004 verabschiedete Labour-Gesetz (Children’s Act) wirkte auf viele wie die Entmachtung der elterlichen Kompetenz und Formulierungen, dass Züchtigungen nicht das „Röten der Haut“ zur Folge haben dürften, verunsicherten eher, als klare Regeln zu implementieren.

Ohne Autorität werden eigene Regeln gemacht

Aus deutscher Perspektive mag diese Debatte auf den ersten Blick eher befremdlich wirken. Der in den Sechzigerjahren aufgekommene Fetisch der antiautoritären Erziehung dämonisierte die klassische Ohrfeige früh zu einem Akt unangemessener häuslicher Gewalt. Es ist sicherlich richtig, dass körperliche Gewalt keinen Platz in der Kindererziehung haben darf. “Aber sollte man nicht auch in den Problembezirken Berlins die Frage stellen, ob Jugendkriminalität und Schulschwänzen nicht auch etwas mit dem Autoritätsverlust von Erziehungsberechtigten zu tun hat(Link)”:http://www.theeuropean.de/debatte/5641-methoden-der-erziehung? Ohne nötige elterliche Autorität und Wertevermittlung, die sich auch anders als durch eine Ohrfeige herstellen lässt, werden sich die Heranwachsenden ihre eigenen Regeln machen. Wenn diese Regeln das „Abziehen“ von Handys auf offener Straße und das Niederprügeln von Fahrgästen der U- und S-Bahn vorsehen, dann sollte eine Gesellschaft ihren Toleranzbegriff überdenken.

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