Die Sehnsucht nach Freiheit hat die Angst der Menschen schrittweise besiegt. Joachim Gauck

Nie wieder Faschismus! Nie wieder Holocaust!

Der 27. Januar ist in vielen Ländern ein staatlicher Gedenktag. Zahlreiche Veranstaltungen erinnern an die Gräuel des Holocaust und führen uns immer wieder die unbequeme Wahrheit vor Augen: Ganz normale Männer aus ganz normalen Familien waren zu Tätern geworden.

Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz von sowjetischen Truppen befreit. Ein Tag, der einschneidender und bedeutungsvoller für die Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht sein könnte, ist er doch zum Symbol der Beendigung des Mordens und Folterns von sechs Millionen Juden sowie politisch Verfolgten und anderen Gruppen, die nicht in das Bild der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft „passten“, geworden. Das Gedenken und die Erinnerung an den Holocaust bilden heute einen zentralen Bestandteil des öffentlichen Umgangs mit Vergangenheit und das nicht nur in Ländern, die von den Gräueltaten der Deutschen zwischen 1933 und 1945 betroffen waren. Sowohl die Vereinten Nationen, die Europäische Union, als auch viele Staaten innerhalb der EU führen den 27. Januar als staatlichen Gedenktag in ihren Kalendern und unterstreichen damit gemeinsam die Maxime des „Nie wieder Faschismus; nie wieder Holocaust!“, die zugleich als Gründungsformel der Bundesrepublik Deutschland verstanden werden muss.

Es waren „ganz normale Männer“

Jedes Jahr werden an diesem Tag Reden von Staatsoberhäuptern und von den noch verbleibenden Überlebenden gehalten, die Parlamente kommen zu zentralen Gedenkveranstaltungen in ihren Ländern zusammen, es werden Gottesdienste gefeiert, Veranstaltungen abgehalten und Ausstellungen eröffnet und das nicht „nur“, um der Opfer zu gedenken, sondern auch, um daran zu erinnern, dass es „ganz normale Männer“ waren, um die Formulierung des Historikers Christopher Browning aufzugreifen, die den Mord an Millionen von Menschen zu verantworten haben. Es waren ebendiese Männer aus ganz „normalen“ Familien, die zu Tätern geworden sind, die nach Massenerschießungen wieder nach Hause zu Frau und Kindern zurückkehrten. Die Mitglieder der Erschießungskommandos der SS, der Polizeibataillone und der Wehrmacht waren keine diabolischen Monster, die nach Blut lechzten, es waren Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten mit unterschiedlichsten Ausbildungen und Hintergründen, die zu Mördern wurden. Eben genau aufgrund dieser unbequemen Wahrheit ist es so wichtig, immer wieder an die Massenvernichtungen zu erinnern, die in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts in Europa stattfanden. Die Gefahr des Wiederholens des Holocaust ist nur dann gebannt, wenn wir heute nachhaltig diese Erinnerungskultur pflegen und uns somit gegen die These stemmen, dass der Holocaust Geschichte sei, und für dessen Thematisierung einige wenige Wissenschaftler ausreichen.

Leitlinie dieses Anspruches sollten die Worte von Bundespräsident Richard v. Weizsäcker sein, der 1985 in seiner Rede zum Kriegsende am 8. Mai sagte: „Wir brauchen … die Kraft, der Wahrheit so gut wir es können ins Auge zu sehen, ohne Beschönigung und ohne Einseitigkeit.“ Diese Vorgabe, die damals in Bezug auf die Deutschen stand, sollte aber schon längst zu einer europäischen geworden sein. In Anbetracht einer 60 Jahre alten, friedlichen europäischen Integration sollte die Aufarbeitung der gemeinsamen Geschichte schon längst ein Teil dieses Erfolgsprojektes sein. Historische Kategorien wie „Sieger“ und „Besiegte“ verzerren viele Tatsachen und tragen zur, von v. Weizsäcker genannten, Beschönigung und Einseitigkeit von Geschichte bei. Eine kritische Selbstreflexion und die Frage nach Kollaboration mit den Nationalsozialisten in den Jahren zwischen 1933 und 1945 würde das europäische Moment des Holocaust vervollständigen und der Wahrheitsfindung dienen. Die Tatsache, dass die Geschichte des Holocaust in jedem europäischen Land auf den Lehrplänen der Schulen steht, ist sehr zu begrüßen. Darüber hinaus wäre es aber wichtig, dass die Curricula auch eine historische Kontextualisierung des Holocaust vorsehen, damit das längst überfällige Verständnis reift, dass der Mord an sechs Millionen Juden das „Produkt“ einer langjährigen anti-jüdischen Politik ist, bei der sich die Nationalsozialisten der antisemitischen Traditionen bedienten, die bereits schon im 19. Jahrhundert stark ausgeprägt waren und zwar nicht allein in Deutschland. In diesem Zusammenhang stimmt einen der erst gestern veröffentlichte Antisemitismus-Bericht des Bundesinnenministeriums nachdenklich, in dem festgestellt wird, dass antisemitische Tendenzen in der deutschen Bevölkerung weiter verbreitet sind als allgemein angenommen.

Auf dass die Maxime „Nie wieder!“ stets Gültigkeit behalte

Die europäische Dimension ist in der europäischen Wissenschaftswelt schon lange Konsens. Es bedarf nun der Politik und der Medien, dass Fragen nach Verantwortung, Mitwisserschaft und antisemitischen Traditionen auch in Ländern gestellt werden, die zwischen 1939 und 1945 gegen Hitler-Deutschland kämpften. Nur so kann es gelingen, Erkenntnisse zu sammeln, die das gesamte „Phänomen“ des Holocaust in seiner ganzen Komplexität erklärt und dadurch auch die Maxime des „Nie wieder!“ stets Gültigkeit behält.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Ruben Alexander Schuster: Sammeln für die Königin

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