Britische Studiengebühren | The European

Herkunft verpflichtet

Ruben Alexander Schuster11.01.2012Außenpolitik

Bildung ist nicht bloß ein Haushaltsposten, sondern die Garantie für Chancengerechtigkeit innerhalb der Demokratie. Wer an den Aufstieg der Tüchtigen glaubt, kann kein Freund der britischen Studiengebühren sein.

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gettyimages

Kaum hat das neue Jahr begonnen, geht der Streit auf der Insel über die Haushaltsausgaben der Regierung Cameron weiter. Die britischen Zeitungen sind voll mit Balkendiagrammen und Statistiken und rechnen auf den Penny genau vor, was, wann und wo für ein Feuerwehrauto ausgegeben wurde und wie sich das künftig im neuen Haushalt gestalten soll. Ein ebenso großes Thema ist die Planung eines neuen Hochgeschwindigkeitszuges, der das eher ans 19. Jahrhundert erinnernde Bahnsystem verjüngen soll und übrigens aus dem Hause Siemens kommt. Schwerpunkt der Auseinandersetzung sind die Baukosten für Brücken und Tunnel, die Voraussetzung für die Fahrt des deutschen „Sprinters“ sind.

Was sind schon 9000 Pfund?

Es scheint fast so, als seien die Proteste gegen die gestiegenen Studiengebühren schon längst verhallt, denn das Land hat ja mit neuen Schnellzügen und Feuerwehrautos schließlich wichtigere Themen als eine läppische Verdreifachung der Kosten, welche die Studenten jedes Jahr aufbringen müssen, um an Seminaren teilzunehmen und um Zugang zu einer Bibliothek zu erlangen. Dass Studieren somit für die Mehrheit der Bevölkerung zu einem absoluten Luxus geworden ist, ist dem Kabinett Cameron vielleicht bewusst, aber in jedem Fall völlig akzeptabel. Was sind schon 9000 Pfund im Jahr für eine staatliche Universität? Die politische Elite dieses Landes funktioniert wie ein altehrwürdiger Club an der Pall Mall in London. Die Chancen auf Mitgliedschaft stehen gut, wenn Sie Ihre Kindheit auf einem der übers Land verstreuten, führenden Internate verbracht haben und danach ganz selbstverständlich nach Oxford oder Cambridge gewechselt sind, wo Sie im besten Fall „Classics“ studiert haben. „Classics“ nämlich deshalb, da Sie sich für dieses Studium nur dann einschreiben können, wenn Sie bereits in Latein oder Griechisch in der Schule unterrichtet wurden. Dies wird Ihnen aber nur dann widerfahren sein, wenn Sie eine private Schulbank drückten, denn staatliche Schulen bieten in den allermeisten Fällen keinen altsprachlichen Unterricht an. Die Probe aufs Exempel lässt tief blicken: David Cameron, zuerst Eton dann Oxford; Vizepremier Nick Clegg zuerst Westminster dann Cambridge und Schatzkanzler George Osborne zuerst St. Paul’s dann Oxford. Bei Vorgängerkabinetten sah es ähnlich aus.

Demokratie braucht Chancengleichheit

Gegen exzellente Ausbildung ist nichts einzuwenden und soll weiß Gott nicht angeprangert werden. Ganz im Gegenteil, in Deutschland herrscht geradezu ein Mangel an Politikern mit hochkarätigem akademischen Profil. Problematisch wird es nur dann, wenn in einer Demokratie keine Chancengleichheit mehr gewährleistet ist und sich die politische Führung eines Landes aus immer denselben sozialen und akademischen Kreisen rekrutiert. Diese Ungleichheit hat sich in das politische Bewusstsein des Landes tief eingebrannt und somit die Schwellenangst zum Einstieg in die Spitzenpolitik erheblich erhöht. Überall ist zu vernehmen, dass es sich doch sowieso nicht lohnt, man hätte schließlich keine entsprechende Vita, um Einfluss nehmen zu können. Dieser Tenor ist nicht nur bedauernswert, sondern gefährlich. Aus ihm erwächst Unzufriedenheit, Wut und letztendlich Gewalt, wie wir im August 2011 anhand brennender und geplünderter Wohnviertel im Osten Londons beobachten konnten. Eine Kausalkette, die logisch erscheint, aber in Großbritannien immer noch parteiübergreifend geleugnet wird. Demokratie lebt vom Pluralismus, davon, dass man durch Engagement zum Leistungsträger wird und das auch, wenn man den untersten sozialen Schichten entstammt wie z.B. Gerhard Schröder, dessen Vater Hilfsarbeiter war und Mutter sich durch Zuarbeitstätigkeiten am Leben hielt. Schröder ist ein gutes Beispiel, dass man die vom „Tellerwäscher-zum-Bundeskanzler-Karrieristen“ nicht mögen muss – aber das System, das ihnen diesen Aufstieg ermöglicht, ist von fundamentaler Wichtigkeit für das Funktionieren eines demokratischen Allgemeinwesens. Studiengebühren in England sind eben nicht nur ein Haushaltposten zwischen Brücken, Tunneln und Leiterwagen, sondern sind Maßstab für Chancengleichheit und gesellschaftliche Durchlässigkeit, das sollte sich die Politik zu Herzen nehmen.

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