Jingle Sells

von Ruben Alexander Schuster21.12.2011Außenpolitik

Ob nun in Deutschland oder England, das Weihnachtsfest ist nicht zuletzt dank engagiertem Einsatz des Einzelhandels zum Kommerz verkommen. Früher war es nicht unbedingt besser, aber die Zukunft kann man anders gestalten.

Schreibt man über Großbritannien als Deutscher oder über Deutschland als in London Lebender, so ist der Vergleich beider Länder eine praktikable Analysemethode. Am meisten freut man sich, wenn man auf die Unterschiede zweier Kulturen, Traditionen und gesellschaftlicher Merkmale verweisen kann und sich daraus ein Auslöser zur Reflexion ergibt. Wie man an den Themen der vergangenen neun Wochen sehen kann, gibt es genug Differenzen, die es zu mustern und diskutieren gilt. Ich möchte in der letzten Kolumne des Jahres 2011 aber nicht noch auf weitere Unterschiede hinweisen, sondern diesmal auf eine zunächst selbstverständlich anmutende Gemeinsamkeit.

Werbesprüche werden aufgenommen

Sowohl auf der Insel als auch auf dem Kontinent wird Weihnachten gefeiert, es gibt sowohl hier als auch dort einen Weihnachtsmann, einen Weihnachtsbaum und Weihnachtsgeschenke. Meine Aufzählung erfolgte rein zufällig, hätte ich nämlich eine Prioritätenliste erstellt, so wären die Weihnachtsgeschenke unangefochten auf Platz eins und auf Platz zwei der Weihnachtsbaum, denn man braucht ihn ja schließlich, um die heiß begehrten, meist verpackten Gegenstände darunter zu platzieren. Sowohl in Großbritannien als auch in Deutschland beginnt die Hysterie um das richtige Geschenk sehr früh. Der Ku’damm wie auch die Regent Street zeigen sich schon lange vor dem ersten Dezember in glitzernder Weihnachtsbeleuchtung und der Handel beginnt gefühltermaßen jedes Jahr eine Woche früher, die Schokoladenweihnachtsmänner in die Regale zu stellen oder die Kunden mit Jingle Bells zu beschallen, in der Hoffnung, es werden drei anstatt zwei Paar Socken gekauft. Wo das hinführen soll, könnte man grob überschlagen und zum Ergebnis kommen, dass ab 2045 direkt ab Januar schon Glühwein ausgeschenkt wird und jeder dann zwölf Monate Zeit hat, um die richtige Duftkerze zu erwerben. Alles Spinnerei, werden Sie sagen, aber überlegen Sie mal, wie schnell der Konsument die zunächst so verachteten Werbesprüche wie „Geiz ist geil“ oder den neusten der Metro-Group, „Weihnachten wird unterm Baum entschieden“, in sein Mentalitätsportfolio aufgenommen hat. Jeder weiß (spätestens seit dem untenstehenden US-Video), dass wenn der kleine Sohn statt des gewünschten ferngesteuerten Autos eine lederbezogene Ausgabe der Bibel und eine warme Mütze auspackt, das Geschrei und Entsetzen groß sind und niemand ist scharf darauf, sich die Feiertage schon am 24. Dezember zu versauen. So wie der Handel jedes Jahr eine Woche früher mit dem Weihnachtsgeschäft Einzug hält, so entfernt sich Weihnachten jedes Jahr mehr von seiner ursprünglichen Bedeutung als christliches Fest. In vielen Haushalten ist dieses schon längst zu einer kommerziellen Materialschlacht verkommen, wo es nur um größer, teuerer und mehr geht. Der soziale Druck ist bei Schulkindern am höchsten, ihnen ist deutlich bewusst, dass am ersten Schultag im neuen Jahr abgerechnet wird. Wer das Meiste und Beste bekommen hat, hat den sozialen Rangkampf in seiner Klasse für sich entschieden!

Kommerz folgt dem Werteverfall

Es wäre ein Irrglauben, nun zu meinen, man müsste die Werbekampagnen der Elektronikmärkte oder sonstiger Handelsketten bekämpfen, um der beeinflussbarsten gesellschaftlichen Gruppe Schutz zu bieten. Nein, es geht um viel mehr und um etwas ganz anderes: Weihnachten als Fest des Kommerzes ist nur ein Fall unter zahllosen Beispielen, welche dramatischen Wirkungen ein Werteverfall in unserer Gesellschaft nach sich zieht. Er fängt bei den Eltern an und überträgt sich auf ihre Kinder, die mittlerweile überhaupt nicht mehr wissen, was Weihnachten eigentlich bedeutet. Dies ist auch ein Ergebnis einer jahrelangen Schulpolitik, die sich ihrer christlich-abendländischen Verantwortung bewusst entzogen hat und es zum Teil immer noch tut. So wichtig sonst ein positiver Fortschrittsglauben ist, so unangebracht scheint er bei dieser Diskussion. Es geht aber nicht darum, die Uhr um 20 Jahre zurückzudrehen und zu behaupten, damals wäre es besser gewesen. Die Herausforderung für die nächsten Jahrzehnte heißt, Bewusstsein zu schaffen und vor allem die Jüngsten zu kritischen Geistern zu erziehen, dass, auch wenn die Regale voll mit blinkenden Spielzeugautos sind, die Überlegung hervortritt, dass man eben nicht nur der Coolste ist, wenn man schon als Sechsjähriger einen Fuhrpark von 200 Fahrzeugen besitzt. Das gilt jenseits und diesseits des Ärmelkanals!

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