Die britische Verbal-Bazooka

von Ruben Alexander Schuster6.12.2011Außenpolitik

Deutsche Politiker bemühen sich um Zurückhaltung und Pietät. In England hingegen greift der Premier schon mal zu martialischen Vergleichen, um seine Politik zu verkaufen. Was ist bloß los mit den deutschen Politgrößen?

Es ist ein altbekannter Trick der öffentlichen Inszenierung: Will man Stärke zeigen, so setze man auf starke Worte! In der politischen Rhetorik wird hiervon gerne Gebrauch gemacht, ist es doch erheblicher einfacher, die mediale Öffentlichkeit durch Kraftausdrücke auf sich zu ziehen als durch ruhige und ausgewogene Vokabeln. Letztes wurde besonders in der politischen Landschaft Deutschlands in den vergangenen acht Jahren gerne praktiziert. Keine Spur mehr von Jürgen Rüttgers prägnanten Sätzen wie „Kinder statt Inder“ oder von schreienden Signalbegriffen wie der umstrittenen „Leitkultur“, der sich Friedrich Merz so vorzugsweise bediente. Auch die von vielen immer wieder gern zitierte Äußerung des JU-Bundesvorsitzenden Philipp Mißfelder, dass 85-Jährige keine künstlichen Hüftgelenke mehr auf Kosten der Solidargemeinschaft bekommen sollten, ist mittlerweile schon neun Jahre her. Was ist bloß los mit unseren deutschen Politikern der jüngsten Stunde? Sind sie feige, will keiner mehr in der ersten Reihe stehen? Man könnte fast meinen, es geht eine Angst in der Bundesrepublik um, sich nicht durch zu harte Wortwahl am nächsten Morgen auf den Titelseiten der Tageszeitungen wiederzufinden.

Mit Verbal-Bazooka gegen die Euro-Krise

Ganz anders in Großbritannien. Hier herrscht geradezu ein Verlangen nach martialischen Ausdrücken, die nicht nur Überschriften garantieren, sondern auch meist Auslöser für diverse politische und gesellschaftliche Debatten sind. Kein Zeichen von Bescheidenheit oder Vorsicht, man könnte durch politische Inkorrektheiten einer vermeintlichen Wählergruppe auf den Schlips treten. Nein, Härte ist in! Ganz in diesem Sinne setzte sich der britische Premier David Cameron nach einer Unterredung mit seinem französischen Amtskollegen für einen „schweren Bazooka-Einsatz“ gegen die europäische Finanz- und Wirtschaftskrise ein. Man lasse sich diese Aussage einmal auf der Zunge zergehen, da steckt Potenz, Entschlossenheit und Problemvernichtung drin. Jedem kreist direkt das Bild im Kopf herum, wie der schneidige Cameron mit der englischen Super-Bazooka bewaffnet alle Querelen und Schwierigkeiten der europäischen Krise in die ewigen Jagdgründe verbannt. Hier wird nicht lange gefackelt! Wichtig ist zu klären, wie es eigentlich zu solch pubertierender Rhetorik kommt und auf welcher gesellschaftlichen Akzeptanz diese beruht. Die britische Debattenkultur ist geprägt von einer traditionellen verbalen Aggressivität, die den politischen Gegner gleichermaßen herausfordern wie einschüchtern soll. Die Unterhausdiskussionen mögen einem Kontinentaleuropäer ungewöhnlich scharf und zynisch vorkommen, so werden hier Abgeordnete aufgrund ihrer hohen Stimme gerne einmal vom Premierminister persönlich als Revue-Transvestiten abgekanzelt oder der Oppositionsführer beschuldigt den Finanzminister, für seinen Skiurlaub das Jahresgehalt eines Arbeiters auf den Kopf zu hauen. All das ist nichts Ungewöhnliches und reicht bei Weitem nicht aus, den so gelassenen Briten aus der Fassung zu bringen. Nur so lässt sich auch erklären, dass der bekennend konservative BBC-Fernsehstar und Meister der politischen Inkorrektheit Jeremy Clarkson mit seinem öffentlichen Statement, man solle doch die Teilnehmer des kürzlichen Generalstreiks an die Wand stellen und vor den Augen ihrer Familien erschießen, zwar für einen Aufreger gesorgt, aber keinerlei Konsequenzen zu befürchten hat.

Hier Tabubruch, dort Humor

Was auf der Insel als schwarzer Humor und Offenheit gefeiert wird, wäre in Deutschland ein klarer Tabubruch. Niemand wünscht sich eine derartig drastische „Kultur“ der öffentlichen Auseinandersetzung im politischen Berlin. Jedoch muss man erkennen, dass die wohlformulierten und rundgeschliffenen Aussagen politischer Akteure in Deutschland eine zunehmende Profillosigkeit fördern. Das Konzept, die politische Mitte um jeden Preis zu treffen, darf nicht in den rhetorischen Alltag vordringen. Die Prägnanz des Wortes schafft einen Wiedererkennungswert, den die Politik nötiger hat denn je. Wer kann sonst noch in dieser Einheitssuppe unterschiedliche Positionen sofort identifizieren? Ein klares und offenes Wort schafft Vertrauen, Identifikation und menschliche Nähe. Es ist lächerlich in jeden Satz die richtige Gender-Formel einzubauen und vom Deutschen mit italienischem Migrationshintergrund zu sprechen, wenn man zur Pizzeria um die Ecke gehen will.

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