Ich sage laut, was jeder heimlich denkt. Nicolas Sarkozy

Guter Raum ist teuer

In London verkommen Immobilien zum reinen Spekulationsobjekt. Wer nun mehr Gerechtigkeit fordert, sollte bei den Häusern in der eigenen Stadt beginnen.

Ein paar Klicke auf einer der diversen Immobiliensuchmaschinen reichen aus für eine zunächst banal anmutende Feststellung: Für 700 Euro Monatsmiete bekommen Sie in Berlin eine renovierte Zwei- bis Dreizimmerwohnung in zentraler Lage. Für den gleichen Betrag müssen Sie sich in London mit einem kleinen Zimmerchen mit Etagenbad zufriedengeben und wenn Sie dann mit der U-Bahn nur 15 Minuten in die Innenstadt fahren, gehören Sie schon zu den Glücklichen.

Kaufpreise haben nichts mehr mit der Realität zu tun

„Schön“, werden Sie jetzt sagen, „das weiß doch jeder“, und spätestens jetzt würde jemand in Berlin aufstehen und einwerfen, dass das vor fünf Jahren in Kreuz- und Prenzlberg noch ganz anders war und der omnipräsente Terminus der Gentrifizierung würde durch den Raum hallen. Die Diskussion ist da, jeder Berliner kennt sie und gibt seinen Senf zu Mietpreiserhöhungen und Auswirkungen auf das soziale Umfeld.

Jeder schert sich darum, was vor seiner Haustür passiert und die deutschen Hauptstädter stürzen sich in eine lebhafte, aber leider eine rein auf Berlin konzentrierte Debatte. Vergleiche mit London oder Paris wurden besonders gerne vom ehemaligen rot-roten Senat als utopische Schwarzmalereien abgetan und gerne betont, dass die Megacity London mit 7,7 Mio. Einwohnern wenig gemein mit der so überschaubaren deutschen Hauptstadt hat. Mir geht es bei dieser Gegenüberstellung auch nicht um Zahlenspiele und Mietspiegelvergleiche, sondern vielmehr um Mentalitäten, um die Fähigkeit, seine eigene Situation zu reflektieren und die Stimme zu erheben, wenn man merkt, die Wohnungsbedingungen seiner Stadt stellen sich diametral der Finanzierbarkeit derselben entgegen.

So sehr mich die Selbstverständlichkeit der Integration verschiedenster Kulturen am Arbeitsplatz in London beeindruckt, wie Sie unter anderem meiner Kolumne von voriger Woche entnehmen konnten, umso mehr verwundert mich die Lethargie der Londoner, ihre Wohnungs- und Lebensbedingungen dieser Stadt zu akzeptieren. Wenn eine Stadt sich dahingehend entwickelt, dass sich selbst eine hochqualifizierte Mittelschicht von Angestellten großer Unternehmen bis hin zu Lehrern es sich nicht mehr leisten kann, in oder im näheren Umfeld der Innenstadt zu leben, dann ist etwas gewaltig faul! Denn das Problem sind nicht die Löhne, die in England im europäischen Durchschnitt zum oberen Drittel gehören, sondern Miet- und Kaufpreise, die rein gar nichts mehr mit menschlicher Realität und baulichem Gegenwert zu tun haben.

Wenn private Wohnhäuser in London unbesehen für 42 Mio. Pfund veräußert werden, so wie vorigen Monat geschehen, dann hat das nichts mehr mit Liebhaberei, sondern nur noch mit Spekulation zu tun, was sich eben massiv auf das soziale Klima einer ganzen Stadt auswirkt.

Die Londoner Suburbs wachsen und entwickeln sich zu eigenen kleinen Städten, aber eben ohne jegliche soziale Durchmischung. Die Ghettoisierung ist hier unübersehbare Realität. Wenn eine Stadt die Interaktion der sozialen Schichten nicht mehr gewährleisten kann und der Zugang zu Kultur und Bildung Luxus wird, dann haben der gesellschaftliche Auftrag und die Verwaltung dieser Stadt versagt. Es reicht eben nicht aus, wenn Engländer, Inder, Pakistanis und Afrikaner nur ihr Büro teilen und am Feierabend von den Pendlerzügen in unterschiedlichste Himmelsrichtungen verteilt werden. Währenddessen bleibt der Wohnraum der Innenstadt als reine Spekulationsmasse zurück und verteilt sich auf internationale Investoren und Anleger, die ihr Eigentum häufig nicht einmal nutzen und dann zu Fantasiepreisen von 6.000 Pfund pro Woche an Firmen vermieten.

Veränderung beginnt zu Hause

So präsent und aktiv, wie die internationalen System- und Kapitalismusproteste sowie die Massenkritik an Finanzmärkten, Banken und Spekulanten sind, die sich in London in Form der Occupy-Bewegung vor der St Paul’s Cathedral konzentrieren, wo das international bekannte „99 zu 1“-Verhältnis nun auch durch englische Megafone schreit, so stark scheint das Unvermögen, diese Formel auf die Probleme der eigenen Stadt anzuwenden. Überall sind Sprüche wie „Capitalism is Crisis“ oder „Global Democracy, Now“ zu lesen, die an Abstraktheit wohl kaum zu übertreffen sind.

Will man Veränderung, sollte man doch am besten damit anfangen, die sozialen Bedingungen der eigenen Umgebung zu reflektieren, anstatt globale Demokratie zu fordern. Der Einfluss des Einzelnen in einer Demokratie ist groß, jedem steht das passive Wahlrecht offen. Die Notwendigkeit des Einmischens in London ist akut, soziale Ungleichheit ist allgegenwärtig und die Verhärtung der Gegensätze rast vorwärts. Es geht nicht um die Eindämmung einiger Immobilienhaie, sondern um die Rehumanisierung einer Stadt, um die Wiederherstellung von menschlichen Lebensbedingungen, die in einem reichen Land wie England ein Standard sein sollten.

Wer politische Forderungen stellt, muss kleine Schritte gehen. Protest ist wichtig, aber politisches Handeln eben doch effektiver. Was in Deutschland mehr und mehr zu einer neuen politischen Kultur geworden ist, steckt hier noch in den Kinderschuhen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Ruben Alexander Schuster: Sammeln für die Königin

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