Don't mention the war!

von Ruben Alexander Schuster19.10.2011Außenpolitik

Wir Deutschen lieben England – nur werden wir dafür oftmals nicht unbedingt zurückgeliebt. Über sechzig Jahre nach Kriegsende zeigt die aktuelle Ausstellung von Gerhard Richter in London wieder einmal, dass Deutschland für viele Briten immer noch Naziland ist.

Die Liste der Deutschen, die es auf die nass-kalte Insel verschlug, ist lang. Der Aufenthalt ist meistens nicht von Lebensdauer, aber die Intensität der Erfahrung so hoch, dass die Anglophilie ein weit verbreitetes Phänomen in unserem Heimatland ist und war. Für den anspruchsvollen Humanisten des 18. und 19. Jahrhunderts gehörte Großbritannien ebenso wie Italien zum selbstverständlichen Reiseziel. Eine Tradition, die anscheinend bis heute Bestand hat. Erfreuen sich doch die altehrwürdigen _Boarding Schools_ von Ampleforth bis Winchester großer Beliebtheit bei all jenen Deutschen, denen eben die so vermeintlich britischen Werte wie Traditionsbewusstsein, humanistische Erziehung und eine „gesunde“ Form von Autorität in den heimischen Bildungsgefilden abhandengekommen ist.

Gelebtes Multikulti

Es ist aber nicht nur das Konservative, das anziehend wirkt, sondern auch eine Toleranz und Multikulturalität, von der in der Bundesrepublik viel und gern geredet wird, aber letztendlich jede deutsche Großstadt dem Selbstverständnis des friedlichen multiethnischen Zusammenlebens der Metropole London nicht das Wasser reichen kann. Auch Integration ist in England zur Tradition geworden, findet man doch in keinem anderen europäischen Land so viele verschiedene kulturelle Hintergründe im öffentlichen Dienst. So ist es Normalität, dass die Londoner U-Bahn-Gesellschaft jegliche religiöse Kopfbedeckungen vom Dastar bis zur Kippa in Uniformfarbe für ihre Mitarbeiter bereithält. Es gibt keine Diskussionen über religiöse Symbole am Arbeitsplatz. Toleranz wird einfach gelebt! Es mag genau diese Symbiose aus traditionellem Brauchtum und gelebter Offenheit gegenüber kulturell anderem sein, das uns Deutsche fasziniert und gleichzeitig verwundert. Jedoch müssen wir uns eingestehen, dass das deutsch-britische Verhältnis ein Einseitiges ist. _Germanophilie_ ist dem Engländer genauso unbekannt wie die Namen der FDP-Minister, und seine Kinder auf deutsche Schulen zu schicken, geradezu undenkbar. Nichtsdestotrotz kommt es hin und wieder einmal vor, dass auch etwas anderes aus Deutschland, außer Hitler und Porsche, bei den Inselbewohnern auf Interesse stößt. Seit ein paar Wochen hört man in London nur noch einen Namen: Gerhard Richter.

Zeit für die Aussöhnung

Die Tate Modern widmet dem deutschen Künstler eine Jahrhundertausstellung, das Auktionshaus Christies verkauft seine „Kerze“ für die Rekordsumme von 10,5 Mio. Pfund und die Kunstkritik überschlägt sich vor verzückter Ekstase. Da es der im Rheinland lebende Dresdener wie kein anderer geschafft hat, die deutsche Nachkriegsgeschichte durch seine Bilder mitzuschreiben, ist die Präsenz seiner Werke auch gleichzeitig ein Auslöser für die Briten, die Geschichte der Bundesrepublik zu reflektieren und zu bewerten. Die öffentliche Debatte in London entwickelte schnell einen eigenen historischen Narrativ, der von der Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit dominiert ist. Im Zusammenhang mit Richters Bilderzyklus „18. Oktober 1977“ werden somit auch gerne mal im Begleittext der Ausstellung die Machenschaften der Roten Armee Fraktion unter das Leitmotiv der Nazibekämpfung gestellt. Eine vorurteilsfreie und historisch korrekte Debatte stelle ich mir anders vor! Es wird deutlich, dass auch nach 60 Jahren enger Partnerschaft das Hakenkreuz für die meisten Briten präsenter ist als die demokratische Erfolgsgeschichte von Adenauer bis Merkel. Die Aussöhnung mit Frankreich hat Kohl zur Chefsache gemacht, nun muss eine zukünftige deutsche Regierung auch eine Brücke nach London bauen.

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