Obama hat bei Weitem nicht so viel erreichen können, wir er es sich gewünscht hatte. Stephen Wayne

Die feine englische Art

Die historische Adels-Soap Downton Abbey fasziniert das britische Fernsehpublikum. In einer sich wandelnden Zeit suchen wir Halt bei klassischen Normen und Maßstäben.

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Seit Ende September ist es wieder soweit: Sonntagabends in den Wohnzimmern von knapp zehn Millionen Briten werden die Fernseher eingeschaltet und Jung und Alt versammelt sich, um in die hundert Jahre zurückliegende Bilderbuchwelt von Downton Abbey, eines fiktiven Landsitzes in Yorkshire, zu entschwinden und eifrigen Butlern beim Aufbürsten der gräflichen Uniformjacke zuzusehen, oder die Heiratspläne der drei Töchter des Earls of Granthams zu verfolgen. Der 2010 gestarteten Telenovela des Privatsenders ITV fliegen die Auszeichnungen und Preise regelrecht zu. Von mehreren Emmys bis zum Eintrag ins „Guinness Buch der Rekorde“ ist alles dabei. Kritiker aller Zeitungen überschlagen sich vor Lob und die Rezeption der sonntäglichen Reise in die adlige Gesellschaft samt ihrer Dienerschaft hat bereits einen festen Platz in den Mittagstischgesprächen in Schulen, Betrieben, Unternehmen und Universitäten gefunden.

Fasziniert vom Glanz der Vergangenheit

Es scheint, als sei die ganze Nation verzaubert von dem Glanz, der Ordnung, der Sittlichkeit und Wertegebundenheit einer längst vergangenen Epoche. Die Fernsehserie zeigt in HD-Qualität und mit guter schauspielerischer Besetzung den Mikrokosmos eines englischen Adelshaushalts in den 1910er-Jahren, der geradezu sinnbildhaft für das britische Patrimonium steht. Alles hat einen Platz in dieser Welt, die Grafenfamilie samt Labrador bewohnt das stolze Country House und eine ganze Armada von Bediensteten stellt den reibungslosen Ablauf des Haushalts sicher. Jeder kennt seinen Rang in der sozialen Hierarchie und dennoch ist soziale Solidarität und Nächstenliebe über die Klassenunterschiede hinweg stets präsent. Droht die Köchin zu erblinden, so kommt ihre Gutsherrin für die ärztliche Behandlung auf, oder erzürnt der Hausherr über die Ungeschicktheit seines Dieners beim Anlegen der Manschettenknöpfe, so folgt prompt eine herzliche Entschuldigung des Erzürnten. Selbst die Wirren des Ersten Weltkrieges, in dem Mitglieder der Dienerschaft mit den Blaublütern vereint im Dreck der Schützengräben Nordfrankreichs liegen, lassen der Etikette des Hauses und dessen Pflichtbewusstseins nichts anhaben. Getreu dem Motto: Standards are to be maintained!

Studien ergaben, dass die rund zehn Millionen Zuschauer weder einer bestimmten sozialen oder Bildungsschicht noch einer genauen Altersgruppe zuzuordnen seien. Diese Umstände erwecken geradezu den Eindruck, als würde eine allgemeine Sehnsucht nach traditionellen Werten erstarken, aus der Reaktion heraus, dass das politische Geschehen unserer Zeit durch Abstraktheit und Komplexität so unnahbar und somit für viele entmenschlicht erscheint. Es sind soziale und stets von der Tagespolitik unabhängige Konstanten, die seit Jahrhunderten in England ein Garant für gesellschaftliche Stabilität sind. Traditionen überdauern jeden Premierminister, jede Krise und geben der Bevölkerung Halt, Zuversicht und Orientierung.

Aus Liebe zur Monarchie

Die sicherlich herausragendste Rolle spielte und spielt hierbei die Monarchie. Queen Victoria war 64 Jahre Staatsoberhaupt des Vereinigten Königreiches und Queen Elisabeth II. feiert nächstes Jahr ihr 60. Thronjubiläum! Nicht zu unterschätzen ist das damit verbundene Wertefundament, das die Monarchen vorleben und somit zu einer Art Idealbild fürs Handeln und Denken einer ganzen Nation wird. Es ist genau diese Begeisterung für einen disziplinierten Lebensstil, der vor allem durch Kontinuität und Verlässlichkeit geprägt ist, der der Telenovela die Zuschauer zutreibt. Sie ermöglicht dem Fernsehpublikum sowohl am aristokratischen Gesellschaftsleben als auch am durch Fleiß und Selbstlosigkeit bestimmten Alltag der Dienerschaft teilzunehmen und wird damit an Sitten erinnert, die von vielen in den vergangenen Jahrzehnten als altmodisch und versteift abgetan worden sind. Keiner sehnt sich nach der Klassentrennung des 19. Jahrhunderts zurück, aber Anstand und gutes Benehmen sind „klassenlos“ und geraten nie aus der Mode, sie sollten immer eine selbstverständliche Konstante sein. ITV hat damit wahrscheinlich ganz unbeabsichtigt ein Sendungsformat erschaffen, was einen positiven pädagogischen Einfluss auf seine Zuschauer hat und gezeigt, dass auch private Kanäle einen Bildungsauftrag erfüllen können, wenn sie nur wollen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Ruben Alexander Schuster: Sammeln für die Königin

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