Vertreibung aus dem Paradies

Ross von Burg29.01.2011Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Hohes Risiko bedeutet hohes Wachstum. Zu lange hat diese Haltung die Finanzmärkte bestimmt. Doch wir sollten nach der Finanzkrise nicht in einen Regulierungswahn verfallen. Stattdessen brauchen wir neue Werte und Definitionen. Wachstum ist nur dann gut, wenn es nachhaltig und sozial erreicht wird.

Wir müssen die Beziehung von Wirtschaftswachstum und Risiko als Ergebnis der Finanzkrise neu definieren. Risikoreiches Verhalten erntet immer noch Lob und Anerkennung aufgrund des Wachstums, den es angeblich generiert. Dies überrascht angesichts der Lektion, die uns die Finanzkrise erteilt hat. Aber im Bankwesen gibt es nur ein kurzes institutionelles Gedächtnis. Eine gelernte Lektion wird schnell von tagesaktuellen Entwicklungen überholt, interne Praktiken unterscheiden sich oft von externen Verkündungen. Neue Verlautbarungen zum Beispiel schließen unternehmensweite Boni teilweise aus. Doch das ist nicht viel mehr als ein Trick: Boni werden nicht mehr länger öffentlich vergeben; Akteure, die sie noch immer erhalten, sind zur Verschwiegenheit angehalten. Der Kreislauf der Risikoverstärkung beginnt von Neuem, nur diesmal unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Regulierung ist der falsche Weg

Regulierung allein ist jedoch der falsche Weg, um die Balance wiederherzustellen. Wir müssen uns verabschieden vom rein wachstumsgesteuerten Ansatz, von der rigiden Kopplung der wirtschaftlichen Entwicklung an das Bruttoinlandsprodukt. Und von dem Credo, dass mehr Risiko durch mehr Wachstum legitimiert werden kann. Wir müssen uns fragen, was den Menschen wirklich wichtig ist. Ist ein Zuwachs des BIP wirklich bedeutender als Sicherheit, Sauberkeit, Bildung, Nachhaltigkeit und ein langes Leben? “Wir befinden uns in einem Post-Wachstums-Zeitalter, in dem die Illusion von unbegrenzter Expansion etwas Tiefgründigerem Platz gemacht hat”, so Norihiro Kato. Wenn nur ökonomische Durchschlagskraft maßgebend ist, dann gehen Länder wie China und die USA im internationalen Vergleich als Sieger hervor. Aber wenn es maßgeblich sein soll, dass Bürger sicher und gesund sind, Arbeit und eine lange Lebenserwartung haben, dann sehen Deutschland, Japan und Skandinavien in der Tat sehr gesund aus. Sie haben den Impuls überwunden, sichtbar und kontinuierlich auf Kosten von immateriellen Werten wie der Lebensqualität zu wachsen. Die Konzentration auf qualitative Volkswirtschaften heißt, dass wir bereit sein müssen, eventuell auch Entwicklungen wie eine Verkleinerung der Bevölkerung und einen Rückgang der Wirtschaft (gemessen allein am BIP) zu akzeptieren.

Wachstum ist nicht immer gesund

Japan ist ein Beispiel. 1994 war Japans Anteil am globalen Bruttoinlandsprodukt 17,9 Prozent, heute sind es nur noch 8,76 Prozent. Die Schulden der Japaner sind mit die höchsten weltweit. Doch die Lebenserwartung liegt in Japan bei 82 Jahren (verglichen mit 78 Jahren in den USA). Verbrechen? In Japan sind prozentual deutlich weniger Menschen inhaftiert als in den USA. Das Wirtschaftswachstum pro Kopf ist mit dem der USA vergleichbar. Der Autor Jonathan Franzen hat einmal geschrieben: “In einem ausgereiften Organismus ist Wachstum nicht gesund, sondern krebsartig.” Volkswirtschaften, die darauf ausgerichtet sind, risikoreiches Handeln zu akzeptieren, und die vor allem eine numerische Steigerung der Wirtschaft zu erzielen versuchen, werden zu den Verlierern von morgen gehören – spätestens, wenn Energie teuer wird und die Preise für Nahrungsmittel rapide steigen. Eine Verneinung jeglichen Risikos führt in den langsamen Tod durch Stagnation. Die Antwort liegt daher in einer Neudefinition des Wachstumsbegriffs: Risiko und Ressourcen müssen nachhaltig gehandhabt werden. Wirtschaft muss sich auch auf Bildung und Lebensqualität konzentrieren. Nur so können langfristige Innovationen erreicht werden.

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