Was für ein schöner Sonntag. Joachim Gauck

Auszug aus Metropolis

Megastädte werden überschätzt. Die Städte der Zukunft werden sich weniger über die Ballung von Macht und Menschen definieren als über die Einbindung in globale Netzwerke und die effiziente Nutzung von vorhandenen Ressourcen. Klein, aber fein ist das Motto des 21. Jahrhunderts.

Es gibt heute mehr Städte als jemals zuvor – sogenannte Megacitys –, die eine Bevölkerung von mehr als 12 Millionen aufweisen. Die Zahl der Millionenstädte in China und Afrika liegt fast gleichauf mit der Anzahl solcher Städte in Europa. 50 Prozent der Weltbevölkerung leben heute in urbanen Gebieten, im Jahr 2035 wird diese Zahl sogar bei 75 Prozent liegen. Das Wachstum der Städte und die Planung der Ressourcennutzung werden damit zu zentralen Fragen des 21. Jahrhunderts.

Eine Tatsache, die wir dabei jedoch leicht übersehen, ist, dass das Wachstum der Megacitys langsam abflacht und teilweise bereits ein gewisses Wachstumsplateau erreicht hat. Im Jahr 1950 lebten in Chinas größter Stadt Schanghai 8,4 Prozent der Gesamtbevölkerung. Heute sind es nur noch 2,4 Prozent. Die Bevölkerung der Megastädte wächst, doch der prozentuale Anteil dieser Städte an der Weltbevölkerung sinkt gleichzeitig.

Netzwerke als Schlüssel zu Einfluss und Macht

Größe allein ist ungeeignet als Indikator für Wohlstand. Während traditionelle Modelle annehmen, dass Reichtum vor allem durch die Konzentration von Geld, Handelsvolumen und Macht geschaffen wird, gehen wir heute davon aus, dass sich der Einfluss von urbanen Zentren nicht über die Ballung definiert, sondern über die Dichte und die Macht globaler Netzwerke.

Laut Studien der UN und der Weltbank sind vor allem kleinere Metropolen Motor des momentanen Wachstums. Die Bevölkerungsdichte in den klassischen Ballungszentren variiert stark zwischen armen Stadtteilen (mit hoher Bevölkerungsdichte) und reichen Stadtteilen. In neueren Metropolen finden wir dagegen eine bessere und ausgeglichenere Bevölkerungsverteilung. Dadurch verringern sich auch soziale Ungleichheiten, die generelle Lebensqualität verbessert sich.

Ein Limit für die Größe einer Stadt war schon immer die Zeit, die man mit Pendeln zum Arbeitsplatz verbringt. Das war schon so, als die Menschen zu ihren Feldern laufen mussten, und das ist auch heute noch der Fall. Wir verbringen ungern mehr als 30 Minuten mit dem Weg zur Arbeit. Daraus ableiten lässt sich eine theoretische Optimalgröße für Städte. Die durchschnittliche Distanz zwischen Stadtzentrum und äußerem Stadtrand muss dabei in weniger als einer Stunde zu überbrücken sein.

In einer japanischen Stadt mit gut ausgebautem Zugverkehr könnten zum Beispiel 18 Millionen Menschen innerhalb dieses Radius leben. In einer Stadt wie Boulder im US-Bundesstaat Colorado – wo viele Menschen gern mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren – liegt die Bevölkerungszahl dann eher bei 100.000. Wir können uns also eine Welt vorstellen, die vor allem von kleineren (aber dafür zahlreichen und lebendigen) Städten getragen wird.

Klein, aber fein

Die Qualität von Infrastruktur wird entscheiden, welche Städte sich im 21. Jahrhundert besonders gut behaupten können. Infrastruktur ist der Schlüssel zu nachhaltigem und produktivem Wachstum der Städte. Gleichzeitig ermöglicht der infrastrukturelle Ausbau das Wachstum globaler Netzwerke und ist damit eine Investition in die Zukunft. Auch im Rennen um wirtschaftlichen Erfolg wird am Ende derjenige gewinnen, der seine Infrastruktur vorantreibt.

Die urbane Zukunft hängt also nicht zwangsläufig vom Erfolg der Megacitys ab. Stattdessen werden wir zusehends Netzwerke kleinerer, gut ausgebauter und sozial ausgeglichener Städte sehen. Die Stadt der Zukunft setzt auf eine effiziente Nutzung von Informationen, Menschen und Ressourcen. Es ist wahrscheinlich, dass diese Städte eher wie Singapur aussehen und nicht wie Lagos.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Saskia Sassen, Alexander J. Schmidt, Parag Khanna.

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