Damals wie heute

Simon Rosenberg15.10.2011Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Im 15. Jahrhundert versprach man dem gedruckten Buch ebenso wenig Zukunft wie dem E-Book heute. Genau in dieser Kurzsichtigkeit liegt der Fehler.

Auch wenn viele den Begriff „Buch“ mit „Text“ oder „Roman“ gleichsetzen, ist das Buch zunĂ€chst einmal ein materielles Objekt mit Deckel, Seiten, RĂŒcken und Cover, welches man lesen, verleihen und danach wieder ins Regal stellen kann, wo es dann symbolisiert, wer man ist oder sein möchte. Ob das „echte“ Buch sterben wird, hĂ€ngt davon ab, wie sich die kulturellen und symbolischen Funktionen desselben entwickeln. Dabei werden die neuen elektronischen LesegerĂ€te eine sehr große Rolle spielen.

Die Druckerpresse als Hure

Wir scheinen technologische Entwicklungen in ihren kurzfristigen Folgen zu ĂŒberschĂ€tzen, ihre langfristigen Folgen jedoch zu unterschĂ€tzen. Von der Papyrusrolle bis zum E-Book hat das Medium „Buch“ in den letzten zwei Jahrtausenden große und kleine Wandlungen durchgemacht. Diese wurden stets begleitet von Kritikern und Zweiflern. So lobte im 15. Jahrhundert der Dominikaner Filippo di Strata die Schreibfeder als Jungfrau, die Druckerpresse schmĂ€hte er als Hure. Der Abt Johannes Trithemius prophezeite dem gedruckten Buch keine lange Zukunft, da es, im Gegensatz zur Handschrift, in erster Linie aus Papier und nicht aus robustem Pergament bestand und er ihm aufgrund der mechanischen VervielfĂ€ltigung keinerlei AutoritĂ€t beimaß. Heutzutage lĂ€cheln viele Leser abschĂ€tzig, wenn sie den Begriff „E-Book“ hören, und heben die unschlagbaren haptischen Eigenschaften von BĂŒchern hervor. Wird das E-Book also nur ein kurzlebiges Ereignis in der Geschichte des Buches sein? Gedruckte Erfolge wie Charlotte Roches „Schoßgebete“ (mit einer fĂŒr den deutschen Markt beachtlichen Erstauflage von 500.000 Exemplaren) scheinen dies nahezulegen. Werden die Kritiker des E-Books also bald Ă€hnlich ĂŒberholt klingen wie die Tiraden von di Strata und Trithemius? Die Druckerpresse setzte sich schließlich gegenĂŒber der Handschrift durch.

Vorteile vs. Statussymbol

Zugegeben, E-Books und LesegerĂ€te haben SchwĂ€chen – sowohl fĂŒr Verlage als auch fĂŒr Leser. Raubkopien, Preisstrukturen, KompatibilitĂ€t und Nutzer- und Lesefreundlichkeit sind die grĂ¶ĂŸten Baustellen. Doch im Verlagswesen scheint das digitale Publizieren der einzig wachsende Bereich. Ergo sollte der Anreiz groß sein, an diesen Baustellen zu arbeiten. GegenĂŒber dem gedruckten Buch bietet das digitale Publizieren nicht unerhebliche Vorteile, die von ProfanitĂ€ten wie UnabhĂ€ngigkeit von Öffnungszeiten ĂŒber die Möglichkeit des unmittelbaren Aktualisierens bis hin zu Multimedia-Erweiterungen und Suchfunktionen reichen. Nachschlagewerke und Zeitschriften profitieren bereits erheblich davon. Was die Belletristik angeht: Werden zukĂŒnftige Generationen noch versuchen, mit ĂŒppigen Bibliotheksregalen zu imponieren? Ein Blick auf ein LesegerĂ€t verrĂ€t weder Inhalt noch Umfang der Buchsammlung. Vielmehr scheint das LesegerĂ€t an sich die Rolle des Statussymbols zu ĂŒbernehmen, so wie heute schon die Wahl des Autos oder des Smartphones.

Man muss ĂŒberzeugen!

Noch orientieren sich Romane an dem alten Medium. Wenn sich interaktive, multimediale Elemente in Romanen nicht durchsetzen, mĂŒssen die LesegerĂ€te umso mehr die Leser ĂŒberzeugen, da die digitale Umwelt sonst wenig Mehrwert bietet. Kindle und iPad zeigen zwar, dass Potenzial besteht. Doch der Markt benötigt eine Mischung aus dem Alleskönner iPad (Video, E-Mail, Internet etc.) gepaart mit einer lesefreundlichen entspiegelten farbigen(!) „E-Ink“-Darstellung des Kindle, damit ein Lesen auch in sehr heller Umgebung möglich ist. Nur so kann es zum Alltagsgegenstand werden und eine Erfolg versprechende Voraussetzung im E-Book-Bereich bieten.

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