Niemand rührt sich!

von Rosa Brooks12.05.2012Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Hastige Eingriffe der internationalen Gemeinschaft und überzogene Erwartungen schmälern die Erfolgschancen für den Wandel in Post-Revolutien. Das fiktive Land ist der Archetypus ungeduldiger Entwicklungspolitik.

Viel wissen wir nicht. Das ist wahrscheinlich die oberste Erkenntnis, die wir aus den letzten drei Jahrzehnten internationaler Demokratisierung und Wiederaufbauhilfe in Krisenregionen lernen können. Leichtsinnig stürzen wir uns in komplexe Situationen, ohne durchdachte Lösungen parat zu haben. Nur selten warten wir, bis wir die politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Dimensionen des Landes durchdacht haben. In Allgemeinplätzen schwadronieren wir von integrativem, lokalem Wachstum. Aber wenn es ernst wird, kommen wir doch auf unsere Lieblingsgesprächspartner unter den Einheimischen zurück. Sie erzählen uns, was wir hören wollen, wirkliche Repräsentanten der öffentlichen Meinung sind es aber nicht. Meist geben wir zu viel Geld aus und stören die lokale Wirtschaft durch unsere Hilfszahlungen und Anwesenheit mehr, als dass wir helfen würden. Talentierte Einwohner arbeiten als Übersetzer und Fahrer für uns, statt den eigentlichen Wirtschaftskreislauf anzutreiben. Wir doktern herum, um jedes Detail der Verfassungen und Institutionen so aussehen zu lassen wie unsere eigenen. Und dann beginnen wir uns – oder unsere Gönner und Geldgeber zu Hause sich – zu langweilen. Investitionen schwinden dahin. Budgethilfen und Projekte versiegen. Irgendwann verlassen wir das Land und sind nicht selten im Unklaren darüber, ob wir überhaupt irgendetwas Gutes geleistet haben.

Aus dem Weg gehen ist die beste Strategie

Es gibt keinen Grund, „Post-Revolutien“ seinem eigenen Schicksal zu überlassen. Internationale Hilfsleistungen sind nicht notwendigerweise sinnlos oder schädlich. Ohne Frage helfen sie dabei, humanitäre Katastrophen abzuwenden und beschleunigen friedliche Reformen. Wir müssen nur lernen, es langsamer anzugehen. Wenn wir ernsthaft daran interessiert sind, „Post-Revolutien“ zu demokratisieren, ist die beste Strategie, aus dem Weg zu gehen. Zumindest in der Anfangsphase. Wenn eine humanitäre Krise droht, müssen wir mit Nahrungsmitteln, Behausung und Medikamenten helfen. Kommt es zu einem Genozid, muss die internationale Gemeinschaft einschreiten. Abgesehen von diesen Einschränkungen heißt es aber, einen Schritt zurücktreten und den „Post-Revolutiern“ Zeit geben, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Sie werden es ohnehin nicht gutheißen, wenn große westliche Mächte ihren gestürzten Diktator decken. Auf diese Weise verspielt die internationale Gemeinschaft ihr Vertrauen, auch bei denen, die sie eigentlich unterstützen möchte.

27 Jahre brauchen Gesellschaften durchschnittlich, um Korruption zu besiegen

Wie müssen bescheidener an die Sache gehen: Langfristige Veränderungen brauchen Zeit. Die demokratischen Institutionen der führenden westlichen Staaten kosteten hunderte Jahre und viele blutige Kriege. Im besten Fall sind Reformen in einigen Jahrzehnten zu schaffen. Der “Weltbank-Bericht über Konflikte, Sicherheit und Entwicklung 2011”:http://wdr2011.worldbank.org/fulltext enthält einige Zahlen, die nüchtern stimmen. Länder, die im 20. Jahrhundert bedeutenden institutionellen Wandel durchlaufen haben, brauchten durchschnittlich 27 Jahre, um Korruption merklich unter Kontrolle zu bringen, 36 Jahre, um effektive Regierungsführung zu etablieren, 17 Jahre, um die Macht des Militärs einzuschränken und 41 Jahre, um Rechtsstaatlichkeit auf ein erträgliches Niveau zu heben. Es ist nicht nur so, dass nachhaltige Reformen Zeit brauchen – überstürztes Handeln kann schwache Institutionen schlicht erdrücken. Komplexe Gesetzestexte einer Gesellschaft aufzuerlegen, die keine Erfahrung mit formaler Gesetzgebung hat, kann mehr schaden als helfen. Die Geschwindigkeit und Natur der Reformen müssen „Post-Revolutien“ angepasst sein. Der größte Fehler, den wir machen können, ist das „gut genug“ aufzugeben, weil das „Perfekte“ nicht erreichbar scheint.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Statt Zuwanderungsromantik lieber richtige Politik

Für viele Beschäftigte sind Kontrollverlust durch Kontrollverzicht und Staatsversagen in der Ausländerpolitik tägliche Lebensrealität. Deshalb sind viele Kolleginnen und Kollegen stinksauer über diese Art von Politik. Und wählen gar nicht mehr oder eben anders. Beides ist ihr gutes Recht.

Wie ein Präsident Selensky relativ erfolgreich sein könnte

Ein Großteil der intellektuellen Elite, politischen Chatcommunity, weltweiten Diaspora und ausländischen Freunde der Ukraine ist entsetzt über den Ausgang der ukrainischen Präsidentschaftswahlen. Der Schauspieler, Komiker und Geschäftsmann Wolodymyr Selensky wird, nachdem er im ersten Wahlgang

August von Hayek: „Der Weg zur Knechtschaft“

Von 1940 – 1943, als der Kampf gegen das Deutschland der Nationalsozialisten noch nicht entschieden war, schrieb August von Hayek im englischen Exil, in das er vor den Nationalsozialisten geflüchtet war, „Der Weg zur Knechtschaft“. Es erschien 1944 in England, dem Land, das Europa innerhalb v

Die Migrations-Politik der EU ist gescheitert

Vortrag von Herr Köppel bei der EKR (Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer) im Europaparlament in Brüssel am 17.06.2019, als Beitrag zur Diskussionsrunde „Die EU nach den Wahlen - weniger Europa“. Herr Köppel erläutert, warum die Schweiz mit der EU bestens zusammenarbeiten wi

Teilen und Herrschen: Frankreich will immer im EU-Poker mitsspielen

Um die Schwierigkeiten zu verstehen, die die Besetzung der sogenannten Topjobs (Kommissions-, EZB- und Parlamentspräsident, sowie den Hohen Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik) in der EU mit sich bringen, lohnt es sich die Mitglieder der EU einzeln nach Gewichtung, Interessen und m

Wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt

Die Bibliothek des Konservatismus Berlin ist eines der kleinen gallischen Dörfer in der rot-dunkelrot-grünen Hauptstadt des besten Deutschlands, das wir je hatten, von denen Widerstand gegen den Zerfall unseres Landes ausgeht. Am 3. Juli war in der Bibliothek jeder der über dreihundert unbequeme

Mobile Sliding Menu