I am not convinced. Joschka Fischer

Re-Made in China

Im Kopieren sind die chinesischen Künstler echt Weltspitze. Kein Wunder. Fälschen ist in ihrer Heimat eine eigene Kunstrichtung.

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“Wir wissen alle, dass Kunst nicht Wahrheit ist”, sagte Pablo Picasso einmal. Wenn man China als Kunstsammler besucht, wird man schnell noch zynischer als Picasso. Was Kunst angeht, so gibt es hier keine Wahrheit.

Niemand weiß das besser als Dick Wang, der eine besondere Perspektive auf Pekings boomenden Kunst- und Antiquitätenmarkt hat. Vom Fenster seiner Galerie, die im zweiten Stock liegt, blickt Wang auf die Einkaufsstraße Liulichang, die sowohl bei Touristen als auch bei Einheimischen beliebt ist. Viele schauen auch bei Wang&Co vorbei und präsentieren stolz die “Schätze”, die sie auf den Märkten in der Gegend erworben haben. “Alles Fälschungen”, sagt Wang.

Es ist normal, auf diese Fälschungen hereinzufallen: Sogar Wang, der fünf Jahre lang als Experte für chinesische Kunst bei Sotheby`s gearbeitet hat, ist dagegen nicht immun. Vor ein paar Jahren hat er eine Pferdeskulptur aus der Tang Dynastie gekauft – für 12.000 Dollar. Er dachte, es handle sich um Raubgut.
Es zeigte sich, dass die Statue eine gut gemachte, aber wertlose Fälschung war. “Ich nenne das mein Lehrgeld”, sagt er mit einem Lächeln.

Liulichang, Pekings Antiquitätenmeile, wirkt nicht verdächtig. Ein paar Häuserblocks südlich des Tiananmen-Platzes reihen sich hier charmante Holzhäuser mit Ziegeldächern aneinander, in denen verwitterte Töpferware, Möbel, Bücher und Krimskrams feilgeboten werden. Seit Ewigkeiten ist Liulichang ein beliebtes Touristenziel. Straßenhändler liegen auf der Lauer, in den Händen Fotoalben.

Antik? Nein! Aber hergestellt im alten Stil

“Du willst Qing?”, fragt einer. Er zeigt auf Fotos mit scheinbar kostbarem Porzellangeschirr. “Yuan und Song, 1.000 Jahre alt, sehr billig!” Riesige Vasen, sorgfältig bemalte Teller und Bronzestatuen bietet er an, alle zu unglaublich billigen Preisen – vorausgesetzt, seine Ware ist echt. Seine Ware ist nicht echt, sagt Wang. Und was auf diesen Straßenhändler in Peking zuträfe, das träfe auf die Gesamtheit von Chinas Antiquitätenmärkten zu.

Viele Händler, die Fälschungen verkaufen, verhalten sich allerdings vorsichtig. Sam zum Beispiel, Verkäufer bei “Yong Chang Furniture Plant of Classical Arts”, vermeidet es, Wörter wie “antik” in den Mund zu nehmen. “Diese Möbel sind alle im alten Stil hergestellt”, sagt er stattdessen.
Denn Sam respektiert die feine Linie zwischen Lüge – also eine Kopie als etwas Echtes darzustellen – und Fälschung, was in China als eigene Kunstform gilt. “Die besten chinesischen Künstler haben durchs Kopieren gelernt,” merkt ein Kunstberater aus Peking an, der oft für die chinesische Regierung arbeitet und deshalb anonym bleiben will. “Das ist seit Jahrhunderten so und heute eben auch noch.”

Das liebste Werkzeug der Fälscher? Der Scanner!

Dieser Tage wird dem Talent allerdings durch den Computer nachgeholfen. Die Kunden scannen Bilder teurer Originale und schicken die Bilder per E-Mail an die Fälscherwerkstätten. Die neue Technologie führt auch dazu, dass es immer schwieriger wird, das Falsche vom Echten zu unterscheiden. Die Authentizitätsspezialisten achteten immer besonders auf die Signatur der Vase, an der man leicht erkennen konnte, ob es sich um ein Original oder um eine Fälschung handelte. Heute können auch die Signaturen gescannt werden – das macht die Arbeit für die Fälscher wesentlich einfacher.

Zur Folge haben diese Entwicklungen, dass immer mehr Fälschungen sich auf der ganzen Welt verbreiten. “In jeder Auktion tauchen Fälschungen auf, teilweise zu fantastischen Preisen”, sagt Wang. “Die Experten sind eben auch nur Menschen.”
Die Sammlung chinesischer Kunst in New Yorks Metropolitan Museum of Art zum Beispiel wird immer wieder infrage gestellt. Eine besonders hartnäckige Kontroverse dreht sich um den Erwerb einer Gruppe bemerkenswerter chinesischer Gemälde, darunter das Gemälde “Riverbank”, nach Angaben des Met eine 1.000 Jahre alte Seidenmalerei.

Viele Kunsthistoriker sind der Meinung, dass “Riverbank” nicht annähernd 1.000 Jahr alt ist, sondern von Chang Ta-Chien stammt, einem Künstler und Kunstfälscher, der in seiner Heimat sowohl als “Chinas Picasso” als auch als einer der besten Fälscher des 20. Jahrhunderts angesehen wird.

Es wird angenommen, dass Changs Werk ungefähr 30.000 Gemälde umfasst, darunter zahllose Fälschungen. Nicht, dass das ihn in chinesischen Kunstkreisen zu einem Banausen machen würde. Nach seinem Tod 1983 gab es in China einige Ausstellungen mit Changs berühmtesten Fälschungen. Was “Riverbank” angeht, so ist die Frage der Authentizität dieses Gemäldes in zahlreichen Büchern und Konferenzen behandelt worden – eine Lösung, auf die sich alle einigen können, gibt es bislang nicht.
Ein Grund, dass gerade chinesische Kunst so oft gefälscht wird, ist, dass es in vielen Fällen sehr schwierig ist, die Eigentumsverhältnisse der Kunstgegenstände aufzuklären. In China werden Verkäufe selten schriftlich getätigt und wenn doch, so wird der Künstler selten im Vertrag erwähnt. Kunstwerke werden stattdessen eher generell einer bestimmten Epoche zugeordnet, wie eben den verschiedenen Dynastien.
Obwohl das Risiko hoch ist, einer Fälschung auf den Leim zu gehen, steigt das Interesse westlicher Museen und Sammler an chinesischer Kunst immer weiter – denn chinesische Kunst gilt allgemein nach wie vor als unterbewertet. Das erklärt sowohl die Popularität chinesischer Kunst als auch die Rekordpreise, die chinesische Kunstwerke in Auktionen erzielen.

Daher verbringen auch Experten wie Wang ihre Wochenenden in Panjiayuan, einem Markt, der auch “Pekings Müllmarkt” genannt wird – die Gründe dafür liegen auf der Hand. Riesige Haufen “frischer Ware” aus der Qing-Dynastie türmen sich hier neben Mao-Souvenirs. Aber es besteht immer die Hoffnung, unter all dem Schrott doch noch einen wertvollen Ming-Teller zu finden.

Wang hat hier einmal eine kleine Schnupftabakdose für 6.000 Dollar gekauft. Einen Monat später hat er sie für 50.000 Dollar wieder verkauft: “Man verliert immer wieder, aber manchmal gewinnt man auch.”

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jamie Oliver, Bill Gates, David Cameron.

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