Mecker mecker

Romy Straßenburg20.03.2015Gesellschaft & Kultur, Sport

Franzosen finden – zumindest verbal – vieles blöd. Vor allem aber berühmte Fußballer, die ihre geliebte Grande Nation als „Scheiß-Land“ bezeichnen.

_„Putain bordel de merde!“_ Der Franzmann, jenes an dieser Stelle regelmäßig liebevoll karikierte, unergründliche Wesen, spart in der Regel nicht mit erlesenen, splendiden Ausdrücken, um die Schönheit seines Landes und seiner Kultur zu preisen. Insbesondere der Pariser ist für den stets liebevollen Umgang mit seinen Mitmenschen bekannt. (Die Autorin weist darauf hin, dass es ihr gelang, schon im zweiten Satz die zu erwartende Doppeldeutigkeit des Wortes „Pariser“ als Bewohner der Stadt Paris und Verhütungsmittel subtil untergebracht zu haben = check!) Diese Doppeldeutigkeit gehört halt ebenso zu den mir häufig zu Ohren kommenden Wortspielklassikern wie folgender Blondinen-Witz: „Kannst du Französisch?“ – „Ja, aber reden kann ich dabei nicht!“ Der deutschen Spaßkanone, die mir nach sieben Jahren als Expat mit derlei Zoten kommt, möchte ich zurufen: „Ta gueule, pauv’con – tu la fermes, sinon je te la casse, quoi!“ (Grob übersetzt: „Halt die Backen!“)

Ja, das gewisse poetische ‚Etwas‘ wurde der französischen Sprache anscheinend in die linguistische Wiege gelegt oder mit der Muttermilch eingetrichtert usw. usw. Aber selbst dort, wo zukünftige Molière-und-Rousseau-im-Original-Leser ausgebildet werden, am Institut Français nämlich, da weiß man, worauf es ankommt, nämlich _ça m’est égal_. Die hier zum Ausdruck gebrachte Indifferenz, ja Ignoranz gegenüber allem und jedem steht im Lehrplan anscheinend gleich nach _comment ça va_?

Fäkal-verbale Entgleisungen

In der Tat: _Le français_ bietet einen wahren Schatz an Wort-Schmuckstückchen, um das viel gerühmte, typisch französische Lebensgefühl zum Ausdruck zu bringen, das sogenannte _savoir gueuler_ (zu meckern wissen). Im Ausland wird dieses mitunter falsch wiedergegeben und übersetzt, nämlich mit dem deplatzierten Verb _vivre_. Dabei versteht man bei genauerem Hinsehen/Hören schnell, worum es eigentlich geht, nämlich um _raler, gueuler, se plaindre, chialer, grogner, s’enerver_ usw., alles irgendwie nicht so klasse finden halt, im Geiste des beliebten T-Shirt-Aufdrucks „J’aime rien, je suis Parisien“ (Ich liebe nichts, ich bin Pariser). Eine entsprechende Facebook-Option „Nichts gefällt mir“ müsste für jeden Bewohner von _Paname_ (wie die _locals_ ihre Zitty nennen) eigentlich automatisch angeboten werden. Das muss doch technisch mit Geo-Lokalisation zu machen sein, _merde_!

Aber zurück zum Nicht-so-klasse-Finden. Beim Bashen und Shitstormen verhält es sich ja genauso wie mit dem Family Business: Spuckt man selbst auf seine Mischpoke, geht das in Ordnung. Wenn sich das die anderen erlauben, wird man fuchsig. So geschieht es derzeit in Frankreich: Eine Welle der Empörung, ein #aufschrei rund um zwei Wörter, nämlich „shit country“! Jippi jippi yeah, möchte man schreien, weil es einmal nicht um Griechen-und DeutschSchland geht, wenn fäkal-verbale Entgleisungen zu vermelden sind. Nein! Die Wörter stammen aus dem Mund eines 33-jährigen Fußballgottes, bei dessen Anblick man nicht umhinkommt zu denken: „Dem möchte ich nachts nicht allein begegnen!“ Ein Kerl mit gewissem Einschüchterungspotenzial, nicht zuletzt weil sich von seinem Namen das Verb _zlataniser_ ableitet, was so viel heißt wie „in Grund und Boden stampfen“, ein beliebter Hashtag unter Freunden von Wortanleihen aus dem Fußballbereich. In Schland geht so was ja auch: „Sammer, tickst du noch ganz sauber, Matthias?“

Für die nicht fußballaffinen Leser sei aber nochmals erläutert: Der bosnisch-schwedische Fußballstar Zlatan Ibrahimović kickt für Paris-Saint-Germain (PSG) und beschimpfte vor einigen Tagen einen Schiedsrichter nicht etwa naheliegend als „Pfeife“ – sondern konstatierte, dass er in seiner 15-jährigen Karriere noch nie solch einen Schiedsrichter erlebt habe wie in diesem Scheißland. Gemeint war offenbar Frankreich.

Ball flach halten

Aber wozu jetzt die Aufregung: Spätestens seit dem Bestseller „One year in the merde“ des britischen Autors Stephen Clarke über sein Leben zwischen Frosch- und Frauenschenkeln, wissen wir doch, dass in Frankreich eh alles “merdique”:https://www.youtube.com/watch?v=G-umKOcdeDg, statt fabelhaft ist, wie Amélie uns weismachen wollte. Es herrscht “La Haine”:https://www.youtube.com/watch?v=GYopsJDCmJ0, es regiert ein _pauv’con_ nach dem anderen. Der Ausdruck so sinngemäß „armes Arschloch/Typ/Nulpe“ hat es sogar zu einem “Wikipedia-Eintrag”:http://fr.wikipedia.org/wiki/Casse-toi,_pauv’_con_ gebracht – verwendet von meinem bis heute hoch verehrten Sarkozy’le als nette Begrüßung eines Mitbürgers beim Besuch der Landwirtschaftsmesse. Er bat ihn (Achtung, wir bleiben hier semantisch und intellektuell noch ganz weit vorne!), sich vom Acker zu machen (Wortspielalarm, weil Landwirtschaftsmesse, Mesdames Messieurs!). Die Übersetzung „verpissen“ triff den Sprachduktus von _casse-toi_ allerdings noch etwas genauer.

Es ist also reichlich heuchlerisch, jetzt mit den Zeigefinger auf den armen, kleinen Zlatan zu zeigen, dessen schulsportlerische Leistungen doch sonst durchaus zufriedenstellend sind, sieht man vom Fach Betragen ab. Natürlich hat er aber für andere Kinder eine Vorbildfunktion in fußballerischer und verhaltenstechnischer Hinsicht. Er sollte also mehr als andere den Ball flach und sich im Zaum zu halten wissen. Wie aber soll man ihm das jetzt bloß erklären? Erst mal müsste er mal korrekt die Sch…sprache in dem Sch…land lernen, in dem er sch… äh schönen Ballzauber veranstaltet. Dann würde er auch ganz genau verstehen, was andere Ball… äh Verbalkünstler wie Marine Le Pen von sich geben: „Diejenigen, die Frankreich für ein Scheißland halten, können es verlassen.“ Das allerdings gilt nun aber wirklich auch für einen nicht unerheblichen Teil der Franzosen selbst.

So müsste man den Laden dann früher oder später komplett dichtmachen, weil Frankreich ohne Franzosen ist irgendwie auch _inimaginable_. Also, ich für meinen Teil mag das shit country. Das ist nämlich ganz schön geiler Sch…

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