Die Sozialdemokratie darf in dieser Regierung nicht der Rotkreuzwagen sein. Franz Müntefering

Nach „Charlie“

Am 7. Januar erlebte Paris nicht nur einen terroristischen Anschlag: Die Schüsse trafen auch ins Herz der französischen Republik. Ein Rück- und Ausblick.

Eigentlich gehört es sich nicht, als Journalist ins Phrasenhafte abzugleiten. Ein Kollege hat mir mal gesagt, Formulieren à la „wie Pilze aus dem Boden schießen“ sei nicht gerade der Beweis sprachlicher Kreativität. Manche Ereignisse allerdings sind im negativen Sinne „so überwältigend“, dass man im Kopf nicht anders kann: Automatisch hallen da Sätze im Gehirn wie: „Das hätte ich mir im Traum nicht ausmalen können“, „Was zum Teufel geschieht hier eigentlich?“ oder „Das ist gerade wie im Film!“

Der 7. Januar war so ein Tag. Das Telefon klingelt. Eine Schießerei mit mehreren Toten in Paris. Ein Attentat auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“. Die Täter flüchtig. Knapp 54 Stunden später werden parallel zwei Geiselnahmen beendet. Die „Charlie Hebdo“-Attentäter und ein Komplize getötet. Als Teil des Metiers funktioniert man irgendwie. „Berichterstattung“ hat etwas sehr Funktionales. Man recherchiert, kommentiert, sucht nach Erklärungen und Zusammenhängen. Doch im Kopf hallen sie weiter, diese simplen Phrasen. „What the fuck!“ Und während Freunde von einer Art Sprachlosigkeit, einem Ohnmachtsgefühl erzählten, wahrte man selbst eine gewisse Distanz, getragen von dem Gefühl, „etwas tun zu können“. Und die Tage vergingen in einer Art Trance-Zustand, zwischen Übermüdung und Adrenalin-Überschuss. It’s just news business.

Düstere Erinnerungen

In den ersten Tagen mutet es noch unheimlich an, wenn im Shoppingcenter am Eingang die Taschen der Kunden gefilzt werden. Wenn bewaffnete Soldaten auf dem Bürgersteig vorbeigehen, mit dem Maschinengewehr im Anschlag. Französische Freunde erzählen vom Jahr 1994, als eine Air-France-Maschine, gekapert von der algerischen Islamistengruppe GIA, auf dem Flughafen von Marseille erstürmt wurde. Immer wieder fällt der Name Mohamed Merah, der vor drei Jahren sieben Menschen in Toulouse tötete und sich anschließend 32 Stunden lang verschanzte, bevor er von der Polizei erschossen wurde. Auch damals berichteten die Medien live vom Ort des Geschehens. It was just news business.

Zugegeben hat jeder „Frankreich-Beobachter“ (um im Journalisten-Sprech zu bleiben) in den vergangenen Monaten die Befürchtung geäußert, es könne zu verheerenden Anschlägen seitens islamistischer Terroristen kommen. Allzu zahlreich waren die Berichte über Dschihadisten, die in Ländern wie Syrien, Jemen oder Irak ausgebildet und radikalisiert wurden. Schon das Attentat auf das jüdische Museum in Brüssel, im Mai 2014, bestätigte aufs Schlimmste derlei Befürchtungen. Der Franko-Algerier Mehdi Nemmouche, über Monate Gefängnisaufseher in Syrien, erschoss damals vier Menschen. In den letzten Monaten seien weitere geplante Anschläge von den Sicherheitsbehörden „vereitelt“ worden, sagte François Hollande am 7. Januar, kurz nach dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“. Um welche Szenarien es sich dabei genau handelte, sagte er nicht.
Fast klang es so, als müsse man froh, sein, dass es erst jetzt passiert. So bleibt ein mulmiges Gefühl. Die Gefahr durch radikalisierte (überwiegend junge) Männer, aber auch Frauen, die dem religiösen Fanatismus erlegen sind und in westeuropäischen Ländern Terror stiften wollen, ist real.

Mehr Fragen als Antworten

Als drei Millionen Menschen am darauffolgenden Sonntag am landesweiten Trauermarsch teilnahmen, stellte man bereits die Fragen nach dem „Danach“, dem „après Charlie“: Welche Spuren die Terror-Tage von Paris im kollektiven Gedächtnis hinterlassen werden? Wie es nun weitergeht mit den Idealen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit? Wie lange der Plan Vigipirate in Kraft bleiben wird (die höchste Sicherheitsstufe bei akuter Terrorgefahr). Ob die Präsenz von Polizei und Militär zukünftig das Erscheinungsbild der Stadt verändern wird? Oder wie Karikaturisten und Autoren mit der Angst vor weiteren Anschlägen leben und arbeiten werden …

Es sind solche Fragen, bei denen man wieder riskiert, ins Phrasenhafte abzugleiten: „das werden die nächsten Wochen und Monate zeigen“, „das kann heute noch keiner mit Sicherheit sagen“ …
Noch sind die Fragen zahlreicher als die Antworten, die Ungereimtheiten zahlreicher als die Erkenntnisse. Trotzdem geht der Alltag in Paris weiter, sitzen Menschen in Restaurants, gehen tanzen, laufen Touristen unter dem Eiffelturm hindurch und stehen Schlange vor Museen.
Paris ist der Angst nicht erlegen, trotz Soldaten mit Maschinengewehren. Als „Frankreich-Beobachter“ nimmt man in der „Post-Breaking-News-Phase“ tagtäglich wahr, wie „Charlie“ in den unterschiedlichen politischen Bereichen nachhallt. Ob im Bildungsministerium, im Justiz- oder Innenministerium: Überall werden eilig Aktionspläne geschrieben, Kampagnen vorgestellt, Budgets umverteilt oder Studien in Auftrag gegeben.

Mehr als die konkreten Anti-Terror-Maßnahmen, mehr als Meldungen von neuen Festnahmen im Zusammenhang mit den Attentaten, sind es mitunter ganz kleine Momente, in denen man spürt, dass sich in Frankreich in Zukunft etwas ändern könnte. Wenn in der Metro der Blick auf einen Mitreisenden ein paar Sekunden länger verharrt als sonst. Wenn man sich eingestehen muss, dass man plötzlich die Gebetskette am Rückspiegel des Taxis wahrnimmt … Nichts ist schlimmer für eine Gesellschaft, als Furcht und Misstrauen der Menschen untereinander. Sich gegenseitig weiter zu vertrauen, das ist für alle Franzosen, egal welcher Herkunft und Religion, die schwerste, aber wichtigste Aufgabe. Und um mit einer Phrase zu enden: „Sonst werden Fremdenfeindlichkeit, Fanatismus und Terrorismus wie Pilze aus dem Boden schießen.“

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Romy Straßenburg: Mecker mecker

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