Wo Haribos und Bananen baumeln

Romy Straßenburg6.11.2014Gesellschaft & Kultur, Politik

In Frankreich hat die Ost-Biografie ein Riesenpotenzial. In bundesrepublikanisch-pariserischen Kreisen hingegen begnügt man sich mit „Fritzchen aus Marzahn“-Witzen und schlürft dazu Rotwein.

Dieses Jahr mach’ ich’s wirklich.
Dieses Jahr wird gefeiert.
Dieses Jahr steht er schon, der Einladungstext für mein super upcoming Facebook-Event mit dem Titel „Hinter dem Eisernen Vorhang“. Und damit steht auch schon der Anfang dieses Textes. Und der lautet folgendermaßen:

„Jedes Jahr am 9. November fragen mich meine französischen Freunde: ‚Wenn Du heute statt in Paris in Berlin wärest, würdest Du dann mit Deinen Freunden eine Mega-Party schmeißen?‘ Und jedes Jahr antworte ich: ‚Sagt mal, tickt ihr noch ganz sauber? Warum sollte ich denn feiern? Wir haben unsere Heimat verloren! Unser schönes Ideal vom Kommunismus! Unsere Illusionen und nicht zuletzt unsere blauen Pioniertücher…. Also wenn überhaupt, dann müsste ich doch wohl nicht mit den Berlinern, sondern mit Euch diesen freudigen, historischen Moment zelebrieren! Denn Ihr seid es schließlich, die ich niemals getroffen hätte, wäre der Eiserne Vorhang nicht gefallen. Und das ist in der Tat ein immens wichtiger Grund, zu feiern. PS: Bitte bringt eine Tüte Haribo oder eine Banane mit, die wir an die Decke hängen können, denn so haben wir uns als Kinder immer das Paradies vorgestellt… oder zumindest die Welt hinter der Mauer!“

„Icke als Ossi in Paris“

Wenn also eine von mir hoch geschätzte (obwohl westdeutsche!) Redakteurin, die sich selbst schon an dieser Stelle Gedanken zu “ost-west-deutscher Geschichte”:http://www.theeuropean-magazine.com/julia-korbik–3/9183-getting-to-know-eastern-germany gemacht hat, mich bittet, einen Text zum Thema „icke als Ossi in Paris“ zu schreiben, dann verwurste ich dreist diesen urst-duften Einladungstext und teile ihn – wie es sich für ein Kind aus ‘nem sozialistischen Bruderstaat gehört – mit Euch da draußen und diese 925 Zeichen haben schon mal keine müde DDR-Mark gekostet! Dann streue ich noch so ein paar Klischee-Ossi-Termini rein wie urst-dufte, Soljanka, Broiler oder VEB Plaste & Elaste. Und schon sind alle happy (_happy_ muss man so wie Mandy und Kevin und Ronny auch einbauen, damit der Leser kapiert, dass wir hinter dem Eisernen Vorhang _totally dolle_ vom kapitalistischen Ausland, _specially_ Amerika geträumt haben und deswegen inflationär krankhaft englische Namen und Ausdrücke in unsere Spreche einbauen müssen, wie andere am Tourette-Syndrom leiden.

Ganz ehrlich, manchmal fühlt es sich so an, als hätte ich schon vor der Gründung der DDR über Ossis geschrieben. Ich hab über Ossi-Frauen und Ossi-Literatur referiert und hab Wessis gezwungen “Ossi-Musik”:https://www.youtube.com/watch?v=Vs33mt7htrM zu hören. Ich hab mich im Suff mit einem Wessi-Kollegen darüber gestritten, warum ich immer den Ossi raushängen lassen muss und ihm erklärt, dass halt die Ossi-Masche insbesondere beim Franzosen zieht. Ich habe ich in meiner Pariser Nachbarschaft Gerüchte genährt, “Ossi-Frauen liefen in der Regel stets nackt durch ihre Wohnung”:http://www.goethe.de/ins/fr/lp/kul/mag/eur/pan/de12438012.htm, was in der (weiblichen) Nachbarschaft mit gemischten Gefühlen aufgenommen wurde. Ich habe meine Freunde mit meinen Ossi-Geschichten derart bombardiert, dass sie nur noch die Augen verdrehen, wenn ich zum millionsten Male erzähle, wie bei meiner Einschulung am 1. September 1989 eine Barbie-Puppe auf meiner Zuckertüte thronte („Leute, so habe ich symbolisch und subversiv als Kind den Mauerfall unterstützt!!!“). Sie stöhnen über meine Probleme mit der Ronny-Romy- Verwechslung (Papa, die Igel-Frisur war eine Scheiß-Idee!). Sie gähnen, wenn ich verkünde, dass ich im Abi-Buch-Ranking den 2. Platz als sozialistischster Schüler belegt habe (und das war 12 Jahre nach dem Mauerfall) und wenn ich noch mal erkläre, wie mein Vater vom Apparatschki zur Inkarnation des Bösen Kapitalisten wurde. Sie winken ab bei der Story vom Familien-Ausflug zum Inter-Shop und dem Hamsterkauf an Haribos, die wir an Schnüre befestigten und für ein Fest im Zimmer meiner Cousine von der Decke baumeln ließen… Sie schreien: „Ist ja guuuuuut!!! Wir haben verstanden, wie schön es damals war, in eurer Dorfkneipe mit den Jungs von der LPG…“.

Na klarsen, Genosse!

Nur in Frankreich passiert es mir noch, dass die Leute glänzende Augen bekommen: „Mais non, t’es vraiment née à Berlin de l’Est!“ Na klarsen, Genosse! Aber so was von Marzahn, ey (und wie Cindy sogar noch mit ‘nem Y im Namen). Hammer! Was für’n Riesenpotenzial in so einer Ost-Biografie steckt, lässt sich ja für einen Wessi gar nicht ermessen. Die Franzosen fangen immer gleich ganz begeistert an zu erzählen, dass ihre Eltern seinerzeit auch in der Parti Communiste waren und sie mal ins Ferienlager an die Müritz dürften oder so Schoten. Und schon haste sie auf Deiner Seite, die einstigen Parteigenossen. Dann legt man noch smoothie “„Nathalie“ von Gilbert Becaud”:https://www.youtube.com/watch?v=TilQ8BIHisw auf und singt gemeinsam vom verschneiten Place Rouge, dem Café Pouchkine oder der révolution d’octobre. Und dit Ding looft, sach ick ma!

In anderen, vornehmlich bundesrepublikanischen Kreisen wird stattdessen bei einem Gläschen Rotwein (eigentlich Champagner, aber sonst entsteht hier ein falscher Eindruck) auch gerne mal der ein oder andere „Fritzchen aus Marzahn“-Witz zum Besten gegeben. Und ich denk immer: dufte! Denn auf einen „Fritzchen aus Charlottenburg“-Witz kannste nämlich lange warten. So proklamiere ich „uns“ Ostdeutsche gleich anschließend mit Vorliebe zur eigentlichen “gesellschaftliche Avantgarde”:http://www.aufbau-verlag.de/index.php/die-ostdeutschen-als-avantgarde.html.

Tja, und nun feiern wir also zusammen. Wir feiern, dass es vor 25 Jahren Menschen gab, die dafür auf die Straße gegangen sind, dass wir das heute können. Also das Feiern. Zusammen (und wenn es platztechnisch in meiner Pariser Wohnung möglich wäre, würde ich diese ganzen fantastischen Leute sofort alle einladen – Mandys, Ronnys und Jaquelines eingeschlossen).

Erdrückende Freiheit

Blöd nur, dass einigen wenigen von ihnen, die nicht wie meine Familie das Glück hatten, aus dieser ganzen großen Weltgeschichte als Wendegewinner hervorzugehen, in diesen Tagen gar nicht nach so sehr nach Feiern zumute ist. Sie sind nicht so oft wie wir in der Welt herumgereist, haben nicht in anderen Ländern studiert oder gelebt. Sie sind für eine Freiheit auf die Straße gegangen, die sie heute fürchten. Eine Freiheit, die ihnen viel erdrückender erscheint als das Leben hinter einer Mauer. Und auch das sind Wendegeschichten. Die erzählen sich nur nicht so gut wie „Fritzchen aus Marzahn“-Witze.

Vielleicht ist das der beste Vorsatz, den wir uns für diesen 09. November machen können: dass wir uns weiter anstrengen, damit dieser Tag für alle ein Grund zum Feiern sein kann. Und dass wir noch mehr von all diesen aberwitzigen, lustigen, traurigen und wahren Geschichten sammeln, erzählen und aufschreiben.

Es sollen gute Geschichten sein. Über eine verdammte gute Fügung der Geschichte…

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