Die Bobo-Republik

von Romy Straßenburg14.06.2014Gesellschaft & Kultur

Für die Linke sind sie Verräter an der Arbeiterklasse, für die Rechte Verleumder des Patriotismus – dabei wollen die Bobos doch einfach nur das Leben genießen.

Ich weiß nicht genau, wann es anfing: der sonntägliche Besuch auf dem Wochenmarkt, die netten Gespräche mit meinem Weinhändler, die überteuerten weißen Tulpen für meinen alten Holztisch. Na ja, es ist eben alles frisch, stilgerecht, authentisch: super Käse, super Wein, super Blumen, super …? Bobo! Ja, leugnen ist sinnlos: Ich bin ein Bobo. Ich bin ein gottverdammter Bourgeois-bohème und ja, manchmal bin ich auch ein bisschen stolz darauf.

Vor 14 Jahren beschrieb der „New York Times“-Journalist David Brooks die neue amerikanische Upper Class als Bobos. Zwitterwesen zwischen Hippie und Yuppie: urban, weiß, kultiviert und auf der Suche nach Versöhnung zwischen bürgerlichen und unkonventionellen Lebensweisen. Doch weder in Amerika noch in Deutschland hat das Bobotum einen solchen Hype ausgelöst wie in seinem begriffsgeschichtlichen Mutterland und meiner Wahlheimat Frankreich.

Kürzlich erschien das Buch „La république bobo“ (Laure Watrin, Thomas Legrand) – eine Art Bibel für unsereins. Da kann man zunächst die eigene Boboïtude testen: „In ihrem Wohnzimmer stehen Möbel, die Sie auf der Straße gefunden haben? (check!) Sie bringen Geschirr aus ihren Urlauben mit? (check!) Ihre Küche ist im Wohnzimmer (oder andersrum)? (check!)“ Die Liste meiner Boboïtude ist lang. Bei den (viel zu) seltenen Besuchen meines Heimatdorfes im Brandenburger Nirgendwo gelte ich als prätentiös. Wenn „die Pariserin“ nach Eiswürfeln und einer Scheibe Zitrone für ihre Cola („Light? Ham’wa nich!“) fragt, wird das mit Befremden aufgenommen.

Wir sind keine Weltverbesserer

Dabei schimpfe ich mit Vorliebe auf die anderen Bobos. Diese scheiß Gentrifizierer oder Kunstkacke-Fuzzis, die vor einem neuen koreanischen It-Snack im Pariser Stadtteil Belleville Schlange stehen und die alteingesessenen Läden mit Food-Court-Charme links liegen lassen und den abfotografierten Tellerinhalt dann auf Instagram oder auf Facebook posten. Auch ich verwende bobo (als Adjektiv) geradezu inflationär für anderer Leute Habitus. Für ihren Kleidungsstil, ihre Art zu sprechen, zu essen, zu arbeiten … Jeder ist immer eines anderen Bobo. Die Bobosphäre ist riesig: Wir sind Sozialarbeiter oder Studenten, Architekten, Anwälte oder wir machen „irgendwas mit Medien“. Wir wohnen in Lofts oder WGs mit Menschen von anderen Kontinenten. Einige sind ein bisschen Hipster, andere tragen Hanfröcke und ernähren sich vegan.

Wir sind keine Weltverbesserer, aber immerhin benutzen wir Stoffbeutel. Wir zetteln keine Revolutionen an, aber lieben Wohnungstausch ebenso wie Car-Sharing oder fair gehandelten Kaffee. Wir werden täglich Opfer des Bobo-Bashings (das französische Pendant zum Schwabenhass), und dabei wollen wir nur unsere Kinder multi-kultiviert aufwachsen sehen. Zu einer Festanstellung würden wir nicht nein sagen, aber preisen dennoch die Möglichkeiten der Selbstverwirklichung als freischaffender Irgendwas.

Für die Linke sind wir Verräter an der Arbeiterklasse. Für die Rechte Verleumder des Patriotismus. Kosmopolitische Weltbürger mit Kiez-Anbindung. Wir thinken global und acten local.

Vielleicht sind wir aber genau jene Spezies, die den momentanen Zeitgeist am besten verkörpert? Auch Deutschland ist längst schon einig Bobo-Land. Der Antagonismus zwischen Bürgerlichkeit und Bohème bröckelt. Dass es in unserer Gesellschaft noch immer schreiende soziale Ungleichheiten gibt, berührt uns nur am Rande. Weil es so schön ist, in unserer frischen, stilgerechten und so authentischen Bobosphäre.

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