Ruhe bitte!

Romy Straßenburg21.05.2014Gesellschaft & Kultur

Unserer Kolumnistin ist das Singen der Nationalhymne nicht geheuer – ob nun auf Deutsch oder Französisch.

Wann hatten wir noch mal diese ganze Schland-oh-Schland-Welle, hab ich mich letztens gefragt? Begonnen hatte es schon 2006 mit der „WM im eigenen Land“. Dann gab’s noch – lange bevor es um die (Conchita) Wurst ging – diese Lena-Nummer 2010. Ja, ich muss gestehen, auch mich verfolgte seinerzeit der Ohrwurm: „Germany twelve points – l’Allemagne douze points!“ Als dann das das “waka-waka-vuvuzela-beschwingte”:http://www.youtube.com/watch?v=-oyenbbF4tw Sommermärchen in Südafrika begann, saß ich mit meinen Mädels irgendwo im Marburger Umland bei einem Volksfest. Wir hatten uns mit Kugelschreiber Fußbälle auf die Schultern gemalt, waren begeistert von „unseren“ schwitzenden Jungs mit so lustigen Namen wie Bad-Schwein-Stuber-Steiger und über dem Baggersee wehte eine schwarz-rot-goldene Sommerbrise, “just like a wavin’ flag”:http://www.youtube.com/watch?v=3lZuCkvi5lU.

Nur eins kam für mich zu keinem dieser im Grunde genommen freudigen Anlässe infrage: die deutsche Nationalhymne zu singen. Zum einen, weil sich beim Singen derselben, aufgrund mangelnden musikalischen Talentes und fehlender Routine, mitunter Teile von „Auferstanden aus Ruinen“ in die Melodie mischen. Vor allem aber, weil in meiner Familie und in meinem Freundeskreis, “wie ich an dieser Stelle bereits erwähnt habe”:http://www.theeuropean.de/romy-strassenburg/7951-eine-deutsche-in-frankreich–5, jede Form der Deutschtümelei stets eher mit Befremden aufgenommen wurde.

Das heißt nicht, dass wir Scham über unsere Staatsangehörigkeit empfinden würden, nur scheint uns die Empfindung „Stolz“ deplatziert, auf etwas, für das wir so rein gar nichts getan haben.

Im Vergleich zu einem Großteil der Menschheit genießen wir dank des Zufalls der Geburt ein eher privilegiertes Leben in Westeuropa mit real existierenden, nicht immer für jeden ausreichenden, sozialen Sicherungssystemen und Pipapo. Wir haben versucht, die fürchterliche Geschichte unserer Nation aufzuarbeiten und das mitunter stümperhaft und unzureichend. Bis heute feilen wir an den Umrissen unserer Demokratie und ja, der ein oder andere will auch, dass man „wieder Deutsch spricht“. Damn it! Muss auch ich jetzt deswegen gelegentlich „Einigkeit und Recht und Freiheit“ trällern und kann ich mich trotzdem über die zu erwartenden (unzähligen) Tore „unserer Jungs“ unter brasilianischer Sonne freuen?

Zweifelhafte Retter der Nation

In diesen Tagen bin ich mit diesen Fragen einmal mehr allein an der Seine, erschrocken und „Lost in France“. Denn hier stellt sich die Öffentlichkeit die dringende Frage, warum Justizministerin Christiane Taubira während einer Gedenkveranstaltung zur Abschaffung der Sklaverei die Lippen geschlossen hielt, als die Marseillaise erklang. Noch während die letzten Takte verhallten, twitterten sich schon einige selbsternannte Retter der Nation die Finger wund und kritisierten dieses „nicht würdige“ Verhalten einer Ministerin. Via Facebook erklärte die Gescholtene, unter gewissen Umständen sei es geboten, andächtig zuzuhören, statt Bühnen-Karaoke darzubieten. (Das kann, by the way, selbst bei professionellen Musikern “albern wirken”:https://www.youtube.com/watch?v=SIxOl1EraXA)!

Diesen Vergleich nannte daraufhin die blonde Speerspitze des Front National, Marine Le Pen, eine „Entgleisung“. Premierminister Manuel Valls müsse sie sofort entlassen. Le Pens Getreuer Florian Philippot sah in der Hymnen-Verweigerung eine Missachtung des Volkes und konstatierte, dass der Hass gegen Frankreich nun an der Staatsspitze stehe. FN-Mann Gilbert Collard legte noch einen drauf, indem er twitterte: „Bühnen-Karaoke, das ist das Grab unserer Soldaten. Sie soll sich schämen! Rücktritt dieser falschen Minister-Note.“ Fast wäre man geneigt, über diesen albernen Aufschrei der ewig Gestrigen in Gelächter auszubrechen. Wenn, ja wenn Justizministerin Christiane Taubira, die aus dem Überseedepartement Französisch-Guayana stammt, nicht dunkelhäutig wäre und in der Vergangenheit bereits auf derbste Art verhöhnt und beschimpft wurde. Gibt man ihren Namen bei Google ein, tauchen als Schlagworte „Banane“ und „Affe“ auf.

Von Dummheit geschlagen

Im Netz kursieren Bildmontagen von Taubira, die weit weniger witzig gemeint sind, als seinerzeit Gabi mit ihrer „ersten Banane“. Nein, die extrem Rechte hat sich die Ministerin zur Zielscheibe gemacht. Taubira hat das Gesetz zur Ehe gleichgeschlechtlicher Partner durchgesetzt und sie plädiert für eine Liberalisierung des Strafrechts. Zwar hatten auch andere Minister bei der Veranstaltung auf den Hymnen-Contest verzichtet, doch ihnen blieb der Proteststurm erspart. So muss man die Angriffe auf Taubira als rassistischen Auswuchs betrachten, in einer Zeit, wo derlei Äußerungen in Frankreich wieder salonfähig geworden sind. Das Szenario erinnert schlichtweg an von Dummheit geschlagene Fußballfans, die dunkelhäutige Spieler ausbuhen, wenn diese ein Tor verfehlen.

Die Polemik (und schon allein die Existenz dieses Textes) beweisen, wie brisant jegliche Fragen über die nationale Identität sind und wie sie immer wieder auf traurige Art instrumentalisiert werden. Und das in einer mehr und mehr globalisierten Welt und unter Europäern, die in weniger als einer Woche über die politische Zusammensetzung ihres Parlamentes entscheiden sollen. Doch während der Euro-Krise haben sich viele in ihr (nationales) Schneckenhaus zurückgezogen.

Nun steht uns auch noch die Weltmeisterschaft in Brasilien bevor und schon als sich Frankreich noch in letzter Sekunde für das Turnier qualifizieren konnte, verkündete François Hollande mitten im Freudentaumel: „Das ist ein Sieg, der im herrschenden Missmut gut tut“, und wollte die französische Seele mit Fußballerfolgen streicheln … Auch in diesem Sommer fällt der Mädchenurlaub wieder in den WM-Wahnsinn. Die Marseillaise fand ich bislang eigentlich immer unverfänglicher für mich als „Einigkeit und Recht und Freiheit“.

Aber weil wir den wichtigen Sieg über den alltäglichen Rassismus weder in Deutschland noch in Frankreich errungen haben, klappt’s wohl auch diesmal nicht mit dem Singen. Und nach der Hetze gegen Taubira leider auch nicht en français, fürchte ich.

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