Adebar for President

Romy Straßenburg27.02.2014Gesellschaft & Kultur

Ja, es gibt ihn! Einen Europäer, der heimatverbunden und Weltenbummler zugleich ist. Er kann sich überall verständigen und schert sich nicht um Grenzen. Doch sein Schicksal ist ebenso ungewiss wie die Zukunft der EU.

Haben Sie einen Lieblingseuropäer? Fällt Ihnen ad hoc eine Persönlichkeit ein, die Präsident(in) der Europäischen Union sein könnte? Ein weiser Politiker möglicherweise oder ein engagierter Künstler mit französischer Mutter, ungarischem Vater, polnischen Großeltern, norwegischen Cousinen und spanischen Kindern! So ein Europäer würde abwechselnd in allen 28 EU-Ländern wohnen und neben der Landessprache auch die jeweiligen Sitten und Gebräuche beherrschen. Kennen Sie ihn? Tja, dann geht es Ihnen wie mir.

Aber stecken Sie nicht den Kopf – beziehungsweise Schnabel – in den Sand, denn es gibt ihn doch! Sein (fabel-hafter) Name ist Adebar und er weiß Bescheid! Sein Storchenklappern ist verständlich von Brest bis Lublin. Es handelt sich hierbei um eine europäische Universalsprache, hilfreich zur Kommunikation mit Artgenossen auf dem gesamten Kontinent. Linguistisch ist sie wie so viele europäische Sprachen aufs Lateinische zurückzuführen. Hier kennt man den Storch noch als Ciconiidae. Es gibt ihn in 19 Arten, aber der Europäer unter den Störchen ist der Weißstorch: “schwarz-weißes Jäcklein, rote Strümpfe”:http://www.youtube.com/watch?v=nMhimV6EFvY, langer Hals und langer Schnabel, Fleischfresser.

Schengen & Integration

Er bleibt seiner Heimat gegenüber loyal, denn er kehrt jedes Frühjahr in sein angestammtes Brutgebiet zurück. Und doch zieht der Vorreiter fürs Schengener Abkommen auch problem- und grenzenlos durch ganz Europa. Daneben unterhält er fabelhafte Beziehungen zu Afrika, wohin er sich im europäischen Winter zurückzieht und auf Ressourcen zurückgreift, ohne die einheimische Bevölkerung auszubeuten. Er zeigt, wie “die vielfach beschworene Mittelmeerunion”:http://www.theeuropean.de/bernhard-schinwald/7037-asylpolitik-der-eu funktionieren könnte. Auf seinem Rückweg muss er sich weder “über Lampedusa auf den alten Kontinent vorkämpfen”:http://www.theeuropean.de/isabel-hoffmann/6594-eine-mittelmeerunion-bleibt-vorerst-vision noch die maltesische Staatsbürgerschaft erkaufen.

Auch sozial entspricht der Weißstorch dem Europäer im Jahre 2014. Noch immer wird bei ihm Familie großgeschrieben. Mit zwischen zwei bis vier Jungen im Jahr ist seine Geburtenrate im europäischen Durchschnitt vorbildlich. Landet er im Frühjahr in seinem EU-Heimatland, sucht er sich einen vorhandenen „Horst“. Doch weil er auch besorgt um die Konjunktur in der EU ist, kurbelt er die Baubranche an, indem er immer neue Äste und Zweige hinzufügt. Ist der „Horst“ einmal fertig, nisten sich am Rande kleinere Vögel ein. Diese Form der Migration gefährdet aber nicht etwa seine Brut, sondern stabilisiert ganz im Gegenteil das Fundament des Nestes. Es kann also keineswegs von „Zuwanderung in die Sozialsysteme“ die Rede sein, sondern von einem Asyl, mehr noch einer Integration zum Vorteil beider Seiten.

Babyboomer & Storchenpatchwork

Aber vergessen wir vor allem nicht, dass der Weißstorch unsere Zukunft sichert, zeichnet er sich doch verantwortlich für die junge Generation von Europäern. Landet ein Klapperstorch auf dem Hausdach, so helfen auch Verhütungsmittel nicht mehr, denn der Volks(mutter)mund weiß: Hier steht in Kürze eine Schwangerschaft an! Im Zweifelsfall – ergo bei ausbleibenden Balzverhalten – übernimmt der Storch die Sache auch selbst und bringt die neuen kleinen europäischen Babys postwendend persönlich vorbei. Und dabei läuft sein Versandhandel ohne menschenunwürdige Arbeitsmethoden à la Amazon und damit am europäischen Arbeitsrecht vorbei.

Und noch ein Wort zur Familienpolitik: Beim Storchenpaar wird die Elternzeit gerecht unter Mann und Frau aufgeteilt. Beide sorgen sich um die Brut, bis die Jungen eigenständig sind und flügge werden. Im weiteren Sinne kann von Großfamilien und Freundschaftskreisen die Rede sein, denn Adebar lebt in losen Kolonien. Er wechselt mitunter den Partner und lebt so vor, wie eine moderne europäische Patchwork-Storchenfamilie funktionieren kann. Auch lebenslange Partnerschaften sind möglich und so halten sich Scheidungen und Eheschließungen die Waage. Die gute Nachricht lautet also: Ein selbstverschuldetes Ende der Storchenzivilisation ist nicht zu befürchten!

Raubtierkapitalismus & Anpassung

Dennoch ist seine Zukunft mancherorts bedroht. Trotz deutlicher Zunahme seines Bestandes in den letzten 30 Jahren herrschen in den verschiedenen EU-Mitgliedstaaten eklatante soziale Unterschiede. Der Raubtierkapitalismus und die Finanzkrise sind auch an ihm nicht spurlos vorbei gegangen. Durch Monokulturen und Raubbau an der Natur ist er in Westeuropa zur Arbeitslosigkeit verdammt, sein Lebensraum in einigen Ländern zusehends bedroht.

Das neue Jahrtausend stellt ihn vor enorme Herausforderungen: Windräder, Flugverkehr, Umbau von Städten und ganzen Landschaften … Zwar gilt er als anpassungsfähig und hat in der Geschichte Kriege, Krisen und Revolutionen überlebt, aber zu viele und zu schnelle Veränderungen können ihn überfordern. Wer seinen Fortbestand sichern will, sollte also schleunigst seine Storchenfreunde zusammentrommeln, den Schnabel aufmachen und laut klappern: _Adebar goes Bruxelles – Adebar for President!_

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