Das Lama-Drama

von Romy Straßenburg12.12.2013Gesellschaft & Kultur, Medien

Auch im Kleinen kann ganz Großes liegen – wie ein paar herzerwärmende Geschichten aus Frankreich zeigen.

Dezember 2013. Man könnte den Eindruck gewinnen es seien Zeiten der „Großen“. Die Welt verliert einen großen Revolutionär für die Menschlichkeit. Deutschland wartet auf seine Große Koalition und mit großen Schritten nähert sich auch noch das Jahresende.

Doch mitunter liegt auch im Kleinen ganz Großes. In Frankreich passieren sie noch, _magnifique_ Geschichten, _ces petites histoires_, die das Herz erwärmen, während sich draußen der Globus erbarmungslos weiterdreht. Während Soldaten nach Afrika geschickt, Firmen geschlossen und Wachstumsprognosen verkündet werden.

Treuherzig, flauschig, spitzohrig

Vor einigen Wochen, es waren die ersten trüben Novembertage, da trat Serge in unser aller Leben. Treuherzig, flauschig, spitzohrig. Serge, ein Lama, das für gewöhnlich mit einem kleinen Wanderzirkus durch die Lande zieht. Und Serge brachte uns jenes Wunder, das der versammelten politischen Elite Frankreichs derzeit versagt bleibt: Er erwärmte das Gemüt der Bordelais, so wie eine gut temperierte Flasche … na ja, Bordeaux! Aber nicht nur die Einwohner der gleichnamigen Stadt, nein, ganz Frankreich nahm Anteil am Lama-Drama.

Und alles begann so: Nichtsahnend stand der Nachkomme von “Gott-hab-ihn-selig-Serge Gainsbourg”:http://www.youtube.com/watch?v=xLCj3XpBEQ0 (auch Bordeaux-Kenner!) in seinem Verschlag, als fünf _très_ angetrunkene Jugendliche ihn aufspürten. Es sollte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein, mehr noch eine “amour fou”:http://www.youtube.com/watch?v=gvPhSgOgNDg! Denn die glorreichen Fünf nahmen Serge mit auf ihre nächtliche Odyssee an den Ufern der Garonne. (Der geneigte Leser bedanke sich im Voraus für das folgende _en passant_ vermittelte Allgemeinwissen, _attention_: Port de la lune, Hafen des Mondes, wird Bordeaux auch genannt).

Und so war nur der Mond ihr Zeuge, als die Lamaphilen mit ihrem Adoptivkind an der Leine die Straßenbahn bestiegen. Schon wenig später riss ihnen ein herzloser Fahrkarten-Kontrolleur ihren Serge aus den Händen. Aber längst war das zuvor geschossene Familienfoto ins Internet gestellt und während die _Garçons_ auf der Polizeistation die Fakten über das Lama-Drama zu Protokoll gaben, wurde selbiges zu einem der größten „buzz“ im www, das Frankreich in diesem Jahr erlebt hat. Neben “900.000 Facebook-Supportern”:https://www.facebook.com/pages/Soutien-aux-5-Bordelais-qui-ont-promen%C3%A9-Serge-le-lama-dans-un-tramway/320421894763677 ging die _histoire_ in ganz Europa, in den USA und Asien über den Äther.

Der „buzz“ regiert uns alle

In Frankreich liebt man ihn, diesen „buzz“. Uns alle vereint der Wunsch, einen „buzz“ zu kreieren (_créer un „buzz“_). Oder retrospektiv sagen zu können _ça a fait le „buzz“_ (Das hat einen „buzz“ gemacht). Der „buzz“ regiert uns alle und er verbreitet sich über soziale Netzwerke in ungeahnten Geschwindigkeiten wie „Die Pest“ (Albert C. für Literaturinteressierte). Er führt zu absurdesten rasant entstehenden Deklinationen des ursprünglichen Ereignisses, das ein Foto, ein Versprecher im Fernsehen oder eben ein Lama sein kann. Die „buzz“-Liste 2013 hat neben Serge die an dieser Stelle bereits erwähnte Kultfigur und inzwischen hochgeschätzte Buchautorin Nabila hervorgebracht, die sich als Kandidatin einer Fernsehshow zur “metaphysischen Bedeutung des Haarshampoos”:http://www.youtube.com/watch?v=ukxq9INHudc äußerte (2,1 Mio Aufrufe = „buzz“).

So, aber was sagt uns das alles? „Serge – le lama“ und „Non mais allô quoi“ gehören heute ebenso wie der port de la lune und Albert C. zur französischen _exception culturelle_.

Und das kam jetzt mal wirklich völlig _en passant_ zu ihrem Wissensschatz über das schönste unserer Nachbarländer dazu! _Je vous en prie_!

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