Der mit dem Valls tanzt

Romy Straßenburg19.08.2013Gesellschaft & Kultur

Sommerloch? Nicht in Frankreich! Dort sind die Politiker aktiver denn je – und insbesondere ein Minister verdient den Titel als Monsieur Omnipräsent.

Schluss mit dem French-Bashing! Wer den Eindruck bekommen hat, es ginge der Autorin an dieser Stelle lediglich um eine Generalabrechnung mit ihrer Wahlheimat oder darum, deren Bewohner (unter dem Vorwand der Satire, pffff!) kollektiv über den Kamm zu scheren, der sei eines Besseren belehrt! Ganz im Gegenteil: Franzland & -leute verfügen ja gerade über die einzigartige Fähigkeit, uns Beobachter, Kritiker, Besserwisser immer wieder zu überraschen und eines Besseren zu belehren.
Et voilà: Eben noch hatte man sich in das traditionelle Sommerloch fallen lassen, hatte seine Aufnahmefähigkeit diametral zu den Außentemperaturen auf ein Minimum heruntergefahren. Auch die französische Politik, so der Irrglaube, trägt augustmäßig Nichtstufaktor 50, weil bei zu viel Aktivität schnell ein Sonnenstich droht. Zuletzt gesehen bei den illegalen Polizei-Räumungen von Roma-Lagern in den vergangenen Jahren … Sommernachtsalbtraum in Hoffnung auf möglichst wenig mediale Aufmerksamkeit.

Doch in diesem Jahr, Mesdames et Messieurs, ist eben alles anders! Die Regierung findet: Nein, die Krise lässt doch auch nicht ihre (kapitalistische) Seele baumeln! Nein, unsere neuen Arbeitsplätze bauen wir nicht aus Kleckersand am Strand von Saint-Tropez! Und nein, die Schulden schlürft man nicht runter wie frische Austern in Arcachon! Deshalb hat sie dem Müßiggang den Kampf angesagt. “Der Président”:http://www.theeuropean.de/matthieu-amare/10134-fran-ois-hollande-und-die-praesidentschaftswahl schüttelt Hände, klopft Schultern und knuddelt Landsmänner und -frauen an Ferienorten. Premierminister Jean-Marc Ayrault lädt 300 Kinder zum Picknicken und Zumba-Tanzen in den Garten seines Amtssitzes und des Nachts besucht er die Baustelle einer neuen Pariser Straßenbahnlinie: Auf ein Käffchen mit Genosse Arbeiterklasse!

Manu macht mobil

Aber der Titel „Minister des Sommers 2013“ geht schon jetzt an the most charming Gelfrisur of the french government Manuel Valls. Bislang klebte das Attribut „omnipräsent“ an seinem Amtsvorgänger und späteren Präsidenten Nicolas S-Punkt genauso zuverlässig wie die Beschreibung „sexsüchtig“ an Dominique Strauss-(im-Korb)-Kahn. Doch mittlerweile bringt’s Manu (=ü) schon auf mehrere Tausende Treffer in Kombi mit „allgegenwärtig“. Und zu Recht! Die Medien sprechen von einer Vallsmania, von SuperManuel, vom Scharfschützen. Seit Ferienbeginn ließ der 51-Jährige keine Gelegenheit aus, um seinen Landsleuten vor laufenden Kameras beizustehen. Ob beim schweren Zugunglück in Brétigny-sur-Orge, bei den Ausschreitungen vor einer Polizeiwache im Pariser Vorort Trappes oder dem Diamantenraub in Cannes … Manu macht mobil!

Jüngster Coup des Tausendsassas: ein Brief an sein Chefchen, um sich über die geplante Strafvollzugs-Reform seiner Kollegin Christiane Taubira – ihres Zeichens französische Justizministerin – zu beschweren. Und wie der Valls’sche Zufall es will, landet besagter Brief bei der in Frankreich – sagen wir mal – nicht völlig unbekannten Tageszeitung „Le Monde“. Uppssiii. Die Retourkutsche der tapferen Justizministerin ließ nicht lange auf sich warten. Seit Taubira auf beeindruckende Weise das Gesetz über die “Homo-Ehe”:http://www.theeuropean.de/sebastian-pfeffer/11542-bundestag-lehnt-gleichstellung-von-homosexuellen-in-der-ehe-ab verteidigt und durchgesetzt hat, genießt sie Respekt auf der einen, und Missachtung auf der (rechts)anderen Seite. Der kleine Vallsi indes – in Manier eines bockigen Kindes mit ausgeprägtem Aufmerksamkeitsdefizit – schlägt nun zurück. Von wegen Zaungast bei der nächsten Knaller-Reform von Turbi-Taubi! Der Cleverling weiß um die zu erwartende Empörung, wenn’s um Strafminderung für Kriminelle geht und gibt daher den „Bullen von Paris“ („Der Spiegel“).

Üben für den KrönungsVallser

Mit der Kampfansage gegen’s Gesocks und Gesindel, dem Großreinemachen mit dem Hochdruckreiniger in den Vorstädten, hatte sich auch Super-Sarko als Innenminister 2005 den Ruf des Haudegens verdient. Auch er war sich selbst immer Aufputschmittel genug. Auch er witterte in der Rolle des Anpackers die Fährte zum Elysée-Palast. Und nun posiert auch Manuel Valls für People-Magazine an der Seite seiner Liebsten, Anne Gravoin, zwar kein Ex-Supermodel à la Carla Bruni, aber immerhin Violinistin … _French First Ladies love music_! Manu übt jedenfalls schon mal den KrönungsVallser “für in vier Jahren”:http://www.fin-du-quinquennat.fr/. Es sei denn, er findet von Ungeduld gepackt doch noch Gefallen an der Idee, Gefangene früher aus der Haft zu entlassen – zumindest, wenn der Glückliche François Hollande heißen würde.

_Illustration: “Stefanie Bokeloh”:http://www.theeuropean.de/stefanie-bokeloh_

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