Opi bringt’s nicht mehr

Romy Straßenburg18.07.2013Innenpolitik, Wirtschaft

Blau-weiß-rote Eintracht für einen Tag. Die Franzosen feiern ihr großes Land – und le Président überrascht sie mit Wahrnehmungsstörungen.

Einst rollten Köpfe auf der Place de la Concorde. Frankreichs König Ludwig XVI. samt Entourage durften als Erste die soeben frisch erfundene Guillotine testen. Es war das Jahr 1793. Auch Revolutionäre und Gegenrevolutionäre, Dichter, Denker, Generäle, Anwälte, Wissenschaftler etc. mussten dran glauben. 220 Jahre später: Statt abgetrennter Köpfe rollten, wie an jedem 14. Juli, polierte Militärfahrzeuge vorbei an der Ehrentribüne auf dem Platz der Eintracht (frz. _Concorde_). Der Enthauptung sind Frankreichs anwesende Eliten am vorigen Sonntag entgangen. Denn während eine Formation von _Rafales_ einen Rauchschweif aus Trikolore-Farben in den Pariser Himmel zauberte, hatte sich das Volk bereits massenweise in die großen Ferien verabschiedet.

Die Eintracht ist passé

Die meisten verfolgten die Live-Übertragung des hauptstädtischen Feiertagsgedöns und das Fernsehinterview des Präsidenten ebenso lethargisch wie eine Etappe der Tour de France. Trotz des schweren Zugunglücks in Brétigny-sur-Orge zwei Tage zuvor zelebrierte Frankreich einen Tag lang einträchtig seine _Fêtnat_ (_fête nationale_). Dabei ist die Eintracht längst passé, die Republik auf der Suche nach sich selbst. Und der größte Selbstsucher war und ist François Hollande aka Walderdbeere, Pudding, Opi, Herr Schwächling … Von so viel Poesie bei der Spitznamen-Findung kann „Mutti-Merkel“ nur träumen. Dabei folgen doch beide – trotz unterschiedlicher politischer Couleur – innenpolitisch meistens der gleichen Devise: „Wer nichts macht, macht nichts verkehrt!“

Na, seien wir nicht so streng! Weil jeder Schritt zählt, wurden gerade 200 (!!!) Maßnahmen verabschiedet, um den Wust an administrativen Absurditäten zu beseitigen. So ist fortan der Personalausweis fünf Jahre länger gültig als bisher, Fahrzeugpapiere können online mit Kreditkarte bezahlt werden und die bei Angestellten beliebten Restauranttickets soll es als Chipkarte geben, statt wie bisher als Papierschecks. Schlangen abbauen, Wartezeiten verringern, Missmut lindern! Für diesen „Schock der administrativen Vereinfachung“ hat die Regierung eigens die Internetseite “www.modernisation.gouv.fr”:http://www.modernisation.gouv.fr eingerichtet. Da steckt Methode dahinter, muss man anerkennen: Denn in den vergangenen Monaten hat die Regierung ja bereits den „Moralisierungs-Schock“, den „Rentenschock“ und „Wettbewerbsfähigkeits-Schock“ angekündigt. Schockiert hat Hollande die Franzosen am Nationalfeiertag aber vor allem mit der Feststellung: „Der Aufschwung ist da!“ Bei so viel Schocktherapie stünde eigentlich ein neuer Generalstreik oder, anders gesagt, Volksfest-mit-Merguez-Essen-auf-der-Place-de-la-Bastille ins Haus.

Comeback der Guillotine

Aber der Franzose brütet ja dieser Tage nur im Liegestuhl an der Côte (d’Azur/atlantique/bretonne) über seinem Schicksal und fragt sich, warum’s Opi nicht mehr bringt. „Wir sind seit Jahren das pessimistischste Land Europas und sogar der Welt!“, wundert sich le Président bei seinem Interview. „Es gibt Länder, die befinden sich im Krieg und sind optimistischer als wir.“ Ja, aber wieso denn bloß? „Frankreich ist ein großes Land _(668.763 km2 !!!, A.d.V.),_ von internationalem Rang. Wenn es eine Krise gibt, dann leiden wir, weil wir den Niedergang, die Deklassierung nicht akzeptieren können“, erklärt Opi. Recht hat der Gute! Akzeptieren is nicht. Das zeigt schon die Wut auf Homosexuelle oder Reiche, Sozis oder Konservative, auf übereifrige Untersuchungsrichter, reformresistente Gewerkschaftler, Manager oder Sozialschmarotzer … Schon “konstatiert das Ausland schadenfroh”:http://www.nytimes.com/2013/07/07/opinion/sunday/dowd-goodbye-old-world-bonjour-tristesse.html?ref=france&_r=4 Bonjour Tristesse! “„Non, mais allô quoi“”:http://www.youtube.com/watch?v=7YczO65FhkA (finden die neuen französischen Eliten). Nicht in allen Bereichen sind wir Bummelletzter. Immerhin im europäischen Vergleich hervorragend platziert beim Konsum von Antidepressiva und obendrein die höchste Selbstmordrate!

Noch ist der Untergang also nicht besiegelt. Und Deklassierung existiert sowieso nur in den Köpfen von irgendwelchen bekoksten Rating-Agentur-Fuzzis. Pfffff, der Franzose hat es noch immer geschafft, seinen Kopf aus der Schlinge … Aber Moment mal! Vielleicht kommt jemand drauf, die Guillotine wieder hervorzuholen. Dann geht’s den französischen Eliten once again im Sinne des Wortes an den Kragen. Und wir wüssten wieder, warum wir den Franzosen so lieben: Richtig gut macht er’s erst, „si rien ne va plus“!

_Illustration: “Stefanie Bokeloh”:http://www.theeuropean.de/stefanie-bokeloh_

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